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Der Israelit · 1898-04-28 · Heft 33 (28.4.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 33 (28.4.1898)
Date
1898-04-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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613 Daalso war's, was sie drückte. Nun, ein günstiges Zeichen mehr. Gewiß empfindet sie ihre Religion als ein unbequemes Hinderniß für die offene Entfaltung ihrer Gefühle und Empfindungen. Um sie keinen Augenblick im Unklaren darüber zu laffen, wie er über die Sache denke, fügte er sofort hinzu: „Aber ich bin tolerant genug, um Ihre Religion nicht übel zu nehmen." „Das wundert mich," sagte sie halb ironisch. „Wieso?" fragte Kurt und überlegte blitzschnell, was diese Bemerkung eigentlich zu bedeuten habe. Es war klar, daß das Fräulein noch nicht alles gesagt, was sie auf dem Herzen hatte. Und da war auch schon der letzte Rest: „Nun, weil Sie an anderer Stelle andere Ansichten über Juden und Judenthum vertreten haben." Kurt fühlte, wie ihm das Blut zum Kopfe stieg. Wahrhaftig! Das Mädchen wußte von seiner Festrede. Aber natürlich, sie hatte ja auszugsweise in allen „gutgesinnten" Zeitungen gestanden, ja sogar die gegnerischen Blätter hatten voll unverkennbaren Aergers Kenntniß von ihr genommen. Nun galt es, sich schlau aus der Schlinge zu ziehen. Er stellte sich zuerst, als verstünde er nicht, worauf sie hinziele, und sagte harmlos: „Was meinen Sie damit eigentlich?" „Sollten Sie das nicht ganz genau wissen?" fragte sie, ohne ihn anzusehen. „Ich versichere Sie, ich weiß wirklich nicht." „So sollten Sie in den Zeitungen nichts über die Festrede gelesen haben, die ein Kandidat der Jurisprudenz Namens Hohenthal vor mehreren Wochen auf einem Festkommers des Vereins deutscher Studenten gehalten hat und die ganz erbärmlich über die Juden schimpfte?" Dieses Mäochen ist doch ein Teufelskerl, dachte Kurt. Wie energisch sie ist! Schade, daß die Sache nun wahrscheinlich aus sein wird! Warum war er auch so dumm gewesen und hatte ihr seinen richtigen Namen genannt? Das kommt davon, wenn man sich von einem momentanen Gefühl Hinreißen läßt. Noch aber gab er nicht alleverloren. Er öffnete sich ein kleines Hinterthürchen. „Und wie," sagte er, „wenn es nun noch einen Jura studierenden Hohenthal in Berlin gäbe? Und ich wäre nun derjenige, der die Rede nicht gehalten hat? Wie dann?" Er schaute sie triumphirend an, sie aber blickte immer gerade aus, und, ohne sich im Geringsten irre machen zu laffen, entgegnete sie: „Das werden wir sofort feststellen, ob Sie der Richtige sind." Kurt mußte lächeln. Er war neugierig, wie sie das anstellen wollte. Plötzlich fiel es ihm siedendheiß ein, daß ja ihr Bruder Kandidat der Medizin sei, in studentischen Kreisen wahrscheinlich Bescheid wiffe und seiner Schwester gewiß auch Näheres über seine — Kurts — Familie mitgetheilt habe. Und richtig, da war auch schon das Verhängniß, denn Fräulein Schlesinger, ihn durchdringend anblickend, fuhr fort: „Ihr Vater ist der Landgerichtsrath Hohenthal?" „Jawohl, mein Fräulein," antwortete Kurt, der im Augenblick keinen anderen Ausweg fand, „aber gestatten Sie mir zu bemerken, daß mein Vater ein großer Judenfreund ist." „Das finde ich sehr schön von Ihrem Herrn Vater," sagte das Fräulein, „ebenso wie ich es von Ihnen, gelinde gesagt, häßlich finde, daß Sie in öffentlichen Reden die Juden als den Auswurf der Menschheit brandmarken, aber durchaus keinen Anstoß nehmen, einem Judenmädchen, mit dem Sie zehn Schritte auf der Straße gegangen sind, eine fade Liebesbetheuerung in's Gesicht zu sagen. Mit einem Judenmädchen" — sie legte einen sehr bedeutungsvollen Ton auf die beiden ersten Silben des Wortes — „dürfen Sie sich doch nicht einlassen. Sie, — Sie Antisemit, Sie!" Damit lief sie förmlich von seiner Seite weg. Es war an derselben Stelle, wo er sie zum ersten Male gesehen hatte, an der Einmündung der Burgftraße auf die Mühlendammbrücke. Er sah sie noch quer über den Molkenmarkt laufen, folgte ihr mit etwas schnelleren Schritten und konnte noch wahrnehmen, wie sie in einem der ersten Häuser der Stralauerstraße verschwand. Kurt versäumte nicht, sich die Nummer des betreffenden Hauses zu merken. So kannte er doch auf alle Fälle, die beiden Häuser, das in der Louisen- und das in der Stralauerstraße, zwischen denen sich die Ausgänge des schönen Judenmädchens zu bewegen schienen. V. Der Kandidat der Medizin Ludwig Schlesinger und Fräulein Betty Schesinger, die das eigentümliche Renkontre mit Kurt Hohenthal hatte, waren Kinder jenes Emil Schlesinger, den wir als Jugendfreund des Landgerichtsrath kennen lernten und den wir so eifrig für das geistige Wohl des tauflustigen Studienfreundes eintreten sahen. Schlesinger hatte auch ohne die Taufe eine zufriedenstellende, ehrenvolle Thätigkeit erhalten. Er hatte viel Mühe sich in der Weltstadt durchzuschlagen, aber es gelang ihm durch Stundengeben u. s. w., sich über Wasser zu Hallen. Er entwickelte einen eisernen Fleiß, der ihn endlich zum Ziele brachte. Er ließ sich nach einer verdrießlich langen Referendariatszeit in Frankfurt a. M. als Rechtsanwalt

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