Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 33 (28.4.1898)
- Date
- 1898-04-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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610 Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland. L Berlin, 1. April. Der vierte Jahresbericht veS Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zeigt, daß derselbe auch in dem verflossenen Jahre eine von Erfolgen begleitete Thätigkeit entwickelt hat. Er hat jetzt 19 Schwestern zur Verfügung, welche, in allen Fächern der Krankenpflege ausgebildet, allen gerechten Ansprüchen genügen und sich wiederholt glänzend bewährt haben. Im Berichtsjahre wurden von 48 Meldungen nur 13 Schülerinnen ausgenommen, von diesen aber 3 wieder entlassen, so daß dem Verein außer den vorerwähnten 19 Schwestern augenblicklich 10 Schülerinnen angehören, welche in bisheriger Weise im Krankenhause der jüdischen Gemeinde sowie später in der königlichen Charitä (für Wöchnerinnen- und Säuglingspflege) ihre praktische und theoretische Ausbildung durch die Herrn Anstaltsärzte erhalten. Auch in diesem Jahre ist der Verein in der Lage, aus den Ueberschüssen an Honoraren für bezahlte Pflegen und durch mannigfache Zuwendungen dem eisernen Fonds einen Betrag von 13 917,20 Mark hinzusügen zu können, so daß derselbe die Höhe von 42,170,70 Mark erreicht hat. Den Anträgen einiger süddeutschen Gemeinden entsprechend, hat der Verein zunächst für München 2 Schülerinnen und für Nürnberg 1 Schülerin zur Ausbildung übernommen. Späterhin sollen sowohl in München als auch in Nürnberg eine Filial-Anstalt des hiesigen Mutterhauses begründet werden. Die Gesuche um unentgeltliche und ermäßigte Krankenpflege waren auch im verflossenen Jahre sehr zahlreich. Die Zahl der Mitglieder, welch am 31. Dezember des Vorjahres 1279 betrug und einen Jahresbeitrag von 12,941,50 Mark erreicht hatte, hat sich mit Ende des Jahres 1897 auf 1331 Mitglieder mit einem Jahresbeitrag von 13,433,50 Mark erhöht, an welchen die 307 auswärtigen Mitglieder mit einem Jahresbeitrags von 1919 Mark betheiligt sind. Die Zahl der immerwährenden Mitglieder ist von acht des Vorjahres auf elf gestiegen. Die Einnahmen betrugen in diesem Jahre 33,369,56 Mark die Ausgaben 26,644,14 Mark. Das Baarvermögen ist 47,633,67 Mark. Der Vorstand besteht aus den folgenden Herrn und Damen : Alb. Ph. Meyer. Frau Julie Gerson-Liebermann, Rechtsanwalt Dr. Eugen Apolant. Frau Dr. Frankl. M. Metzenberg. Frau Henrielle Rathenau. Privatoozent Dr. M. Mendelsohn. Frau Mathilde Weigert. Geh. Med.-Rath Professor Dr. Senator. Stadtverordneter L. Sachs. Stadtverordneter H. Wirkowski. Möge diesem Verein auch ferner eine gleich gedeiliche Wirksamkeit beschieden sein! Aus Süddeutfchland. („Landsjuden.") Früher haben die Juden in der Stadt oft mit Bewunderung auf die Juden vom Lande geschaut und in der That war mancher, sogenannte „Landsjud" berechtigt Achtung vor vielen andern zu beanspruchen. Wenn auch der Name „Landsjud", wie es noch heute oft der Fall ist, fast stets als ein Spottname galt, in welchem man oftmals und auch in diesem Falle nicht immer mit Unrecht einen Menschen zu sehen gewohnt war, der auf einer niedereren Stufe der allgemeinen Bildung stand, als seine Glaubensbrüder in der Stadt; aber echte, wahre Juden waren es halt doch! Anders heute! In dem Glauben sich von dem Spottnamen befreien zu können, huldigen heute, mehr oder minder aus Neigung die allgemeine Mode mitzumachen, der größte Theil der jüdischen Landbewohner, den städtischen Sitten und Neigungen, und wahrlich die „Großstadtluft" hat die „Landluft" in dieser Beziehung leider sehr verpestet! Ein echter, frommer Jehudi war es, der bereits vor 50 Jahren sagte: „Wenn Moschiach nicht bald kommt, trifft er auf dem Lande keine Jehudim mehr an", eine Weissagung, die sich heute zu erfüllen droht; und dennoch konnte zur damaliger Zeit ein Nichtjude noch fragen, wie es tatsächlich vorgekommen ist: „Ja, wieviel so Rebb's hon't der no do draus't". Heute sind sie zu zählen, wenn überhaupt mit geringen Ausnahmen, noch welche zu zählen sind. Und woher mag es nun gekommen sein, daß ein derartiger Verfall eintreten konnte? Betrachten wir uns einmal die Institutionen solcher Landgemeinden und beginnen wir mit der Schule, weil dieser doch durch Heranziehung der Kinder zu frommen Juden, der erste Platz gebühren sollte. Mit knapper Noth glaubt sich der Lehrer ein Stündchen nehmen zu können, das für den jüdischen Unterricht genügen soll und was wird dann gelehrt? Keine nbvn, kein wvin, keine uin, jüd. Religionslehre wird gelehrt, Lehren werden hergeplappert, die bringen die Kinder nach Hause und werden meistens durch die Handlungsweise der Eltern selbst wieder entwurzelt. An wem ist die Schuld? Hat der Lehrer keine Zeit, oder ist selbst seine Kenntniß im Jüdischen nicht weit her? Vom Verbot des Tragens am rav, vom Geldausgeben rc. wissen — nicht nur die Kinder, auch die Ellern wissen nichts mehr davon, und wenn man dennoch am oder auch Werktag die Synagoge gefüllt sieht, nicht Freude ist es dann, die einen beschleicht, nein doppelter Schmerz, daß es nur aus Gewohnheit, nicht aus Herzensdrang geschieht. Ja selbst, wenn sich ein oiiv zu sagen erlaubt, mein Amt erfülle ich mit Hingabe und vollem Gewissen , aber an mich als Privatperson dürfen in