Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 33 (28.4.1898)
- Date
- 1898-04-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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608 den vermuthlichen Einfluß einer solchen Behörde auf Schule und Kultus ganz gewaltig und zeigt ferner, indem er die religiösen Vorschriften in kirchliche und polizeiliche scheidet, daß er von großem Jrrthum befangen und seine Person nicht unter den Theologen zu suchen ist. Der Antrag, daß die Staatsbehörde ersucht werden solle, „zur endlichen Realisirung der bisher so vernachlässigten Kirche der Israeliten und ihrer geistlichen Angelegenheiten ein Consistorium von geistlichen und weltlichen Mitgliedern ihres Glaubens zu errichten", war in der am 15. August 1832 in Darmstadt abgehaltenen Versammlung des „Vereins zur Verbesserung des Zustandes der Israeliten" (worauf wir später noch zurückkommen werden) einstimmig angenommen worden. Zum Schluffe führt der Verfasser aus: „Nimmt man zu diesen Argumenten die schönen Früchte, die aus dem vertrauensvollen Zusammenleben und Wirken von Glaubensgenossen, welche sich seither beinahe feindlich gegenüberstanden, für den Staat entspringen, erwägt man ferner, daß es an und für sich ein überwiegender Vortheil der Gesammtheit des Staates ist, gegen so viele Tausende seiner Angehörigen einen großen Akt der Gerechtigkeit auszuüben, und den Anforderungen der Zeit, der Vernunft und der Humanität Genüge zu leisten, so dürste kaum ein Zweifel über die Gemeinnützigkeit der Judenemanzipation übrig bleiben, deren Erfüllung nach dem schönen Vorgang in unserem Bruderstaat Kurhessen, wo dieser erhabene Zweck sich bereits realisirt findet, auch bei uns nicht mehr fern sein wird." Zu diesem Aufsatze erschien in Nr. 2 des „Beobachter" vom Jahre 1833 ein antisemitisch gehaltener, von den schmählichsten Beschimpfungen des Judenthums durchsogener Artikel, wodurch der Federkrieg in der Frage der Emanzipation eröffnet war. — Wohl war ja die Bildungsstufe der damaligen Juden, namentlich auf dem Lande, eine ziemlich niedrige, aber nicht dieser Umstand ist es, der aus dem Artikel herausleuchtet, sondern die Tendenz, das Judenthum und seine Bekenner um jeden Preis in der Oeffentl'ichkeit durch Schmähungen, gehässige Vorwürfe und Spekulation auf die Unzufriedenheit mit anderen Erscheinungen der Zeit (man denke nur z. B. an an den Verlauf und die Folgen des Hambacher Festes) verächtlich z u m a ch e n. Da ist zuerst von dem schrecklichen Staats-Finanzsystem die Rede, welches in ganz Europa vorherrscht und Ackerbau, sowie die niederen Gewerbsklassen zu Boden drückt, ferner wie die unbegrenzte Gütertheilung und Zersplitterung, sowie die vielbeliebte Gewerbefreiheit den wirklichen Erwerb selbst auffallend schmälern, wie sich aber unterdessen blos die Judenschaft bereichert habe, wie Tausende von unbescholtenen Familien ihre Rettung in einer Auswanderung nach fremden Welttheilen suchen, während angeblich nicht eine einzige jüdische Familie darin ihren Vortheil suche, dieser also im Vaterlande am meisten gesichert zu sein scheint — in einer solchen Zeit, wo also Europas Schicksal ohnedies in den Händen einer unersättlichen Geldaristokratie ruht, fehlt uns nur zur Vervollständigung dieses traurigen Ganzen die Emanzipation der Juden. Es wird nun an die Volksvertreter appellirt, den Juden' die auffallende Vernachlässigung ihrer Fortbildung bloß zu Gunsten materieller Bereicherung vorgehalten (welche doch nur in dem langjährigen Drucke und dem Ausschlüsse derselben von jeder Gelegenheit zur Bildung begründet war. D. V.) ferner wie durch die Bedürfnißlosigkeit der Juden und Beschränkung der Genüsse des Lebens die übrigen Gewerbe, Kunst und Wissenschaft nur wenig belebt werden, wie den Juden deshalb, auch bei gleichem Erwerb mit den Christen, weit mehr Reingewinn übrig bleibt. Dann ist die Rede von einem minder ausgebildeten Rechts- und Sittlichkeitsgefühl der Juden, wodurch er sich manches als Regel erlaube, was ungesetzlich ist, ferner von seiner nationalen Lebhaftigkeit, also unermüdlich stets auf Erwerb und Sparsamkeit gerichteten Thätigkeit, welche ihm das Uebergewicht über die Christen bei gleicher Concurrenz verleiht. Man sieht also, ganz im Stile der heute beliebten Kampfesart gewisser Parteien. Der gehässige Artikel schließt mit dem Ausruf: „Der Himmel bewahre uns vor solch einer, infolge der Emanzipation unvermeidlichen Bereicherung unseres Bürgerthums, was an sich schon kulturbedürftige Klassen genug besitzt." In der Schlußbetrachtung meint der Verfasser, daß die Juden mit den in den letzten 30—40 Jahren errungenen Rechten wohl zufrieden sein können und empfiehlt er namentlich allmählige Erhebung und Verschmelzung der Juden mit den Christen und zu diesem Zwecke Sittigung derselben durch gemeinsamen geselligen Verkehr. So sehr der anonyme Verfasser in einem Theile seiner Ausführungen sich gegen den Vorwurf von Vorurtheil und Parteisucht gesichert hält und seine Behauptungen nur von reinem Patriotismus eingegeben erklärt, so werden die gehässigen einseitigen Darlegungen uns kaum überzeugen, daß die Juden, wie er vorgiebt, einen nachdrücklichen Beistand für ihre Interessen in ihm erblicken können. Wie könnte denn auch der geistig und sittlich so empfängliche Jude einen derartig sittigenden geselligen Verkehr mit Christen find e n oder nur Muth und Begeisterung für seine sittliche Ausbildung schöpfen, wenn er durch die Gesetzgebung mit Ausnahmegesetzen bedrückt und als Niedrigstehender behandelt wird? War denn nicht gerade die Emanzipation die Vorbedingung für eine wirksame durchzuführende Besserung in diesen Beziehungen? Doch^wenden wir uns jetzt dem höchst inte-