Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 31 (21.4.1898)
- Date
- 1898-04-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448886--45830-2496200- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
573 und Tumulte. Die Juden in Paris aber, die vielleicht für die Brüder in Algier etwas thun können, von ihnen hört man nichts, wollen sie denn warten, bis der siegreiche Antisemitismus an ihre Thore pocht? Es ist hohe Zeit, sich zur Bekämpfung aufzuraffen, sonst könnte es zu spät werden! Jam ardit praximus Ukalegon. Aus Ungarn. Es ist nicht zu leugnen und es hieße sich gegen den edlen, ritterlichen Charakter der ungarischen Nation versündigen, wenn man nicht dankbar eingestehen wollte, daß Ungarn heute in Bezug auf den AntisemitiSmns in der europäischen Wüste die grüne Oase bildet. Nicht als ob hier das Eldorado der Juden wäre, als ob hier zwischen Juden und Andersgläubigen jene ideale Brüderlichkeit herrschte, welche in Wirklichkeit nirgends existirt. Der Jude begegnet auch hier auf Schritt und Tritt einer unverkennbaren Animosität und es ist gewiß, daß Ungarn in einem gewissen Sinne ebensowenig frei von Antisemitismus ist, als welches andere Land immer. Aber diese Art Antisemitismus ist keine neue Erscheinung, diesen hat eS immer gegeben und wird es immer geben. Doch reduzirt sich derselbe auf jenes erträgliche Maaß von Gegensätzen, wie sich solche zwischen zwei streng gesonderten Körpern fast nothwendig entwickeln müssen, jedenfalls zumindest, wo sie sich naturgemäß erklären lassen. Soviel ist unumstößliche Wahrheit: Der Ungar ist hochsinnig und pflichtbewußt. Er ist ehrlich bestrebt, sein einmal gegebenes Wort einzulösen — selbst Juden gegenüber. Deshalb ist in Ungarn noch keine Stimme laut geworden, welche, wie im „zivilistrten" Westen, fordern würde, die Juden der ihnen eingeräumten und verbürgten Rechte wieder zu berauben und selbst die ausgesprochenen Antisemiten beschränken sich darauf, an den Eigenschaften der Juden zu nörgeln, sich selbst als Tugendbolde aufzuspielen und etwa zu verlangen, daß sich die Juden zu ihrer eigenen „moralischen" Höhe emporschwingen mögen. Jener blutrünstige, zähnefletschende Antisemitismus der fraßgierigen, westeuropäischen Bestie ist hier — zum Ruhme de- Ungarns sei'- gesagt — eine vollkommen fremde Erscheinung. Der Ungar bestrebt sich, seinem Antisemitismus einen möglich privaten Charakter zu geben und ihn thunlichst von der Sphäre des öffentlichen Lebens fern zu halten. Das hat sich wieder einmal während der eben abgelaufenen Budget-Debatte im ungarischen Abgeordnetenhause klar gezeigt, als einige Mitglieder der klerikal-antisemitischen Volkspartei das Bedürfniß empfanden, den Juden eins am Zeug zu flicken. Mit nicht genug zu rühmender Offenheit uud Energie hat die Regierung bei dieser Gelegenheit gegen den Antisemitismus Stellung genommen. Drei Minister, unter ihnen der Ministerpräsident Baron Bauffy, verurtheilten in mannhaften Worten den Antisemitismus als demagogische Wühlarbeit gegen das Fundament des Staates, denn, sagte der Ministerpräsident: Beim Juden fängt man an und bei jedem einen bessern Rock tragenden Menschen hört man auf. Auf diese Vorgänge im Abgeordnetenhause bezieht sich das Feuilleton „Aus dem geehrten Hause" des „Budapesti Naplo", welches um so größere Bedeutsamkeit besitzt, als unter der Chiffre X-Y-Z, mit welcher es gezeichnet ist, sich der Name deS hervorragenden Publizisten und Abgeordneten Kornel Abranyi verbirgt. Das Feuilleton ist mit so köstlicher Laune geschrieben und enthält eine so zutreffende Charakteristik der Stellung der Juden in Ungarn, resp. des ungarischen Antisemitismus, daß die Leser des „Israelit" die Uebersetzung desselben, welche ich hier folgen lasse, gewiß gern sehen werden: „Nachdem der erste und zweite Johann Erklärungen abgegeben hatten, konnte auch der Dritte nicht aus der Reihe wegbleiben." Der Graf Johann Zichy gestand es ein, daß das Zrel der Volkspartei die Reaktion sei. Johann Molnar gestand es ein, daß die Volkspartei die Absicht habe, die Politik in die Kirche hineinzutragen. Dennoch mußte auch Johann Abüth etwas eingestehen. Und Johann Asboth hatte eS eingestanden, daß es in der Volkspartei allerdings einen Antisemitismus gebe! Aber mit einer geistreichen Wendung hat er zu diesem Eingeständniß sofort die Frage hinzugefügt: Wo giebt es aber auch keinen Antisemitismus? Und auf diese Frage ist das ganze Haus in Lachen ausgebrochen, aber geantwortet hat ihm Niemand. Sollte dann also Johann Asboth thatsächlich Recht haben? Nun denn: er hat Recht und auch wieder nicht. * * * Jetzt vor fünfzehn Jahren hat der Tisza-Eßlarer Prozeß in Ungarn im höchsten Grade gewüthet. Alle Welt schimpfte auf die Juden; aber deßhalb ist in ganz Ungarn keinem einzigen Juden auch nur ein Haar gekrümmt worden. Aber trotzdem keinem einzigen Juden auch nur ein Haar gekrümmt wurde, schimpfte man auf die Juden trotzdem auf allen Wegen und Stegen. Und aus dieser allgemeinen Stimmung entsprang denn auch dazumal die Antisemitenpartei, welche es jedoch trotz dieser allgemeinen Stimmung nicht einmal so weit