Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 31 (21.4.1898)
- Date
- 1898-04-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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- Tunis 2× ep/1048155
- Oran 1× ep/1048048
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572 welche Gefahren der Boden der so arg unterwühllen republikanischen Gesellschaft in Frankreichs wichtigster Kolonie in sich birgt. Viel schlimmer aber ist für die Juden in Algier der furchtbare Terrorismus, der von den Antisemiten und ihren Zeitungen dort geübt wird. Ständige Rubriken dieser Organe sind Anzeigen etwa folgenden Inhalts: Mad. X . . ., Gattin eine» ehemaligen Depulirten, kauft bei den Dreckjuden Salomon, wir warnen sie, sich nicht dabei ertappen zu lassen. Mdlle. D. hat eine jüdische Schneiderin, wir haben sie schon zweimal gewarnt, danächste Mal werden unsere Freunde handeln. Fabrikant Z. hat unter seinen Arbeiterinnen jüdische Cigarettenwicklerinnen, wie lange will er Frankreich so in da» Gesicht schlagen? Die Omnibu-gesellschaft hat angeblich ihre jüdischen Angestellten entlassen, in ihrem Bureau arbeitet aber noch der S .. jude Reinach, wissen ihre Direktoren nicht, daß R. dem verhaßten Volke angehört? rc. Diese Annoncen erscheinen täglich und man kann sich leicht denken, welchen Terrorismus diese Methode erzeugen muß. Die feinen Damen, die in jüdischen Geschäften kauften, scheuen sich den Straßeninsulten sich auszusetzen, sie decken ihren Bedarf in anderen Geschäften, die Arbeiter und Arbeiterinnen werden bis auf das äußerste gegen ihre jüdischen Kollegen aufgehetzt und selbst da, wo der Fabrikant den Muth hat, den Israeliten in seiner Arbeit zu behalten, dulden die anderen Arbeiter es nicht, ruiniren das Handwerkszeug rc., bis der Jude oder die Jüdin freiwillig den Dienst verlassen. So hat der Fabrikant La Contra zum Beispiel 40 jüdische Mädchen entlassen und an ihrer Stelle christliche Spanierinnnen zum Cigarettendrehen anstellen müssen rc. Selbst die großen Gesellschaften weichen dem Terrorismus, die Dampfschifffahrt»- und Eisenbahngesellschaften, die Omnibus- und Droschkenkompagnien haben alle ihre jüdischen Beamten, Kutscher, Arbeiter rc. entlassen, oft ohne Entschädigung, um ihr Material nicht den Angriffen des fanatisirten Pöbels auszusetzen. Ebensowenig duldet die Stadtverwaltung noch jüdische Angestellte in ihrem Dienste, vielleicht einige Aerzte ausgenommen. Wohl versucht der Generalgouverneur Lepine, dessen gerechtes und ruhiges Verhalten rühmend anerkannt werden muß, einzuschreiten, allein er kann nur die ärgsten Tumulte verhüten, sonst ist er einflußlos, während Drumont mit einem Worte die Straßendemonstrationen, Tumulte, ja vielleicht einen ernsten Ausstand Hervorrufen oder verhüten kann. Der eigentliche Chef der Antisemiten in Algier ist ein verbummelter Student, Max RegiS, der in Untersuchungshaft gesessen, weil er sich damit in Paris gerühmt hat, daß er einen Eingriff in die Geldschränke der Juden gethan habe. Dabei ist dieser Hetzer gegen die „fremde Rasse" gar nicht einmal Urfranzose, Fran<;ais de France, wie man in Frankreich sagt, sondern nach den Worten deS Justizministers Milliard in der französischen Kammer, Italiener: „Dieser 33jährige junge Mann, der an der Spitze der Unruhestifter stand, ist erst seit gestern Franzose. Sein Vater wurde erst 1886 naturalisirt und er ist erst kürzlich Franzose geworden." Dieser Rädelsführer ist vor einiger Zeit verhaftet worden, und die Vereinigung der Journalisten in Algier und Tunis hat dem Generalgouverneur Lepine, weil er nach dem Gesetz die Freilassung weigerte, die Ehrenpräsidentschast entzogen. Diese Gesellschaft wendete sich auch für Regis an das Journalistensyndikat in Paris, doch umsonst, denn letzeres lehnte ein Einschreiten ab. Die Unruhen sind keineswegs auf Algier beschränkt geblieben, in der ganzen Provinz, in Oran und Constantine gährt es und jeden Augenblick kann hier der Judenhaß in einer fürchterlichen Explosion seine Stärke bezeugen, selbst bis nach Marokko hat die Bewegung übergegriffen. Als einen Grund de» Judenhasses und zwar seinen vornehmsten, wurde immer das Edi.kt Cremieux bezeichnet, das den Juden das Wahlrecht gab und die Araber angeblich neidisch machen sollte. Jetzt sind aber die Unruhen auch in Tunis, wo die Juden doch keinerlei politischen Rechte haben und wo die Araber keinen Grund haben gegen die Juden neidisch zu sein, wo sie auch vor der französischen Herrschaft in dem besten Verhältniß mit den Israeliten gelebt haben. ES ist eben von gar keiner Bedeutung, ob man diesen oder jenen Grund vorschützt, es ist der alte, uralte Judenhaß, den eine geschickte und bösartige Agitation aus seinem Schlafe erweckt hat. Man kann ermessen, in welchem Maße die materiellen Verhältnisse der Juden leiden. Die Arbeiter finden keine Arbeit, die Kaufleute können nicht verkaufen, alle Geschäfte gehen schlecht, die Fremden, die sonst in jedem Jahre das milde Klima anlockte, wollten in diesem Jahre sich nicht unter die Herrschaft eines Negis und Drumont stellen und sich nicht der Gefahr aussetzen, in den Straßtumulten für Juden gehalten zu werden. Es sieht trübe in der jüdischen Gemeinde in Algier aus und man zweifelt nicht mehr, wenn man sich diese Situation vergegenwärtigt, an der Richtigkeit der Angabe, daß allein in der einen Gemeinde 1500 Familien der öffentlichen Wohlthätigkeit anheimgefallen sind. Es sieht trübe aus und noch ist die Zukunft äußerst unsicher, Drumont kandidirt für das Mandat in Algier und ob er nun gewählt wird oder nicht, sicher bringt der Monat bis zur Wahl neue schwere Verhetzungen