Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 29-30 (18.4.1898)
- Date
- 1898-04-18
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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566 sich daher nicht mit Unrecht, warum die ungarische Regierung, deren Gerechtigkeitsliebe doch bekannt ist, diesem Hetzkaplane nicht endlich einmal das Handwerk legt und seine judenfeindlichen Vorlesungen ein für allemal verbietet. Frankreich. Paris, 15 April. (An die Frauen Frankreichs.) Pariser Blätter veröffentlichen einen beredten Aufruf an die Frauen Frankreichs, in dem es heißt: „Inmitten der Ausbrüche des Zornes und des Haffes ist eine Stimme nicht vernommen worden: die Stimme der Güte. Die Männer haben gestritten, geschmäht, man hat für die Wahrheit gekämpft, man hat herrlich nach Gerechtigkeit geschrieen, aber man hat nicht geweint. Man hat die furchtbare Wirklichkeit vergessen. Und diese ist, daß ein Mann leidet. Dieser Mann ist unschuldig, wenigstens ist bisher der Beweis seiner Schuld nicht erbracht worden. Frankreich ist das Land des Mitleids und seine Dichter haben stets gelehrt, daß man über alles Elend weinen müffe. Diese Lehre ist auch die christliche. Sogar das Gesetz, das bestraft, verwirft die Grausamkeit. Und doch wird ein Mann allen Grausamkeiten unterworfen! Er klagt nicht, er jammert nicht, er vertraut seinen Vorgesetzten. So schrieb er in seinem letzten Briefe vom 26. Januar über den General de Boisdeffre: „Ich hoffe, daß er mir auf meinem Grabe das Zeugniß der Loyalität meiner Vergangenheit, namentlich aber meiner Haltung seit drei Jahren ausstellen wird, während deren ich unter allen Quallen nie vergeffen habe, was ich bin: ein aufrichtiger und seinem Lunde ergebener Soldat. Ich habe Alles hingenommen. Alles ertragen und zu allem geschwiegen. Ich rühme mich dessen übrigens nicht, ich habe nur meine Pflicht gethan." Und die Frau dieses Mannes, der nur nach Gerechtigkeit schreit, der nur die Liebe für die Seinigen bekundet, darf nicht einmal mehr die ihr theueren Schriftzüge sehen! Die Briefe werden abgeschrieben, verstümmelt, vordatirt. Die Briese der Frau Dreyfus werden wahrscheinlich ebenso behandelt. So oft zu Gunsten Dreyfus' in Paris ein Schritt gethan wird, hat dieser eine Verschärfung der Strafe zu erdulden: er wird in einer Hütte inmitten einer Insel isolirt, in Ketten gelegt, sein Gesundheitszustand verschlimmert sich, sein Gehirn wird schwächer und am 26. Januar schreibt er, daß er nahezu ein Sterbender ist. Heute verlangt Frau Dreyfus, zu ihrem Manne gehen zu dürfen, um deffen trauriges Loos zu theilen; man verweigert ihr Die Erlaubniß, damit sie nicht all die Gräuel der Behandlung ihres Mannes erfahre, der darüber nichts schreiben darf. Und da haben die Frauen Frankreichs das Mitleid und die Energie, die Thränen und den Muth, die beiden großen Triebfedern der Seelen vergeffen! Der Aufruf schließt wie folgt: „Frauen, an Euch ist jetzt die Reihe! Laßt doch endlich den Schrei der Liebe vernehmen, deffen unsere Zeit bedarf. Oeffnet Eure Seelen weit der ererbten Hochherzigkeit. Diskutirt nicht, grübelt nicht, leidet! Da liegt die Wahrheit. Beruhigt Euch, Ihr werdet Euere Pflicht gethan haben, sobald Ihr nur gut wäret. Verwendet Euch bei denen, die wiffen und können. Die Männer erzürnen sich bei dem Tone ihrer eigenen Worte und finden nur noch verletzende. Ihr werdet Euch verständlich zu machen wiffen. Saget, daß all' die Grausamkeiten unnütz sind. Saget, daß, wenn dieser Mann da drunten stirbt, seine Leiche eine schwere Last ist und eines Tages schwer auf unsere Geschichte drücken wird. Ihr seid geschaffen, um zu lindern. Vereinigt Euch! Wendet Euch an Die, die die Pflicht haben. Euch anzuhören. Verlanget, daß diese Frau die Briefe rhres Gatten zu sehen bekomme, wäre es auch nur auf dem Ministerium und vor Zeugen. Verlanget namentlich, daß jene bewunderungswürdige, unglückselige Frvu zu dem gehen dürfe, der sich sterben fühlt. Seid zehn, zwanzig, nur zwei, wenn Ihr wollt, nur Eine. Eine unter Euch wird genügen, wenn sie in sich das menschliche Mitleid zusammenfaßt und im Namen des französischen Gewiffens das Wort spricht, das leben wird!" Dieser Aufruf ist bisher von den Frauen Edmund de Preffensö, Trarieux, Havet, A. Mville, P. Meyer, I. Psichari geb. Renan, P. Menard-Dorian A. F. Rorhard unterzeichnet worden. Belgien. k. Brüssel. In Belgien, wo ca. 12,000 Juden leben und alle Rechte der Staatsbürger genießen, war bisher von einer antisemitischen Bewegung nichts zu merken. Seit der Affäre Zola hat die klerikale Preffe Belgiens einen entschieden antisemitischen Ton angeschlagen. Jetzt hat aber die klerikale Majorität der Deputirtenkammer sich diesem Treiben angeschloffen. Den belgischen Kammern steht das Recht zu, Ausländer als Belgier zu naturalisiren. Die Deputirtenkammer hat nun einen ständigen Ausschuß eingesetzt, der alle derartigen Gesuche zu prüfen hat und deffen Anträge gewöhnlich Annahme finden. Gestern lagen der Kammer zahlreiche Anträge auf Ertheilung der das volle Bürgerrecht gewährenden Naturalisation vor. Der Zufall wollte, daß alle diese Gesuche mit einer einzigen Ausnahme nur von Juden herrührten. Was geschah? Ein klerikaler Deputirter durchschritt vor der Abstimmung die Reihen der Rechten und mahnte seine klerikalen Gesinnungsgenoffen, nicht „unmittelbar nach