Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 29-30 (18.4.1898)
- Date
- 1898-04-18
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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556 empfindsam kalt ist und in der vorigen Woche geschneit hat. Nur dem energischen Einschreiten der Regierungsorgane ist es zu verdanken, daß kein Menschenleben zum Opfer fiel. Seit einem halben Jahre ist es das fünftem a l, daß der christliche Mob über die jüdische Bevölkerung ohne jedweden Grund herfällt. Zuerst geschah es in Chodorow, dann kommen rasch nacheinander die Massacres in Schodnica, Tarnow und Przemyslany. Jetzt ist die Reihe an Wieliczka gekommen. Aber obgleich hier kein Blut geflossen ist, wie es auf den vorhergehenden Stationen der Fall war, sind doch die Folgen der letzten Ausschreitungen für unsere Glaubensgenossen furchtbar. Denn den Excessen folgt nun eine intensive Boykottirung des jüdischen Handels. Kein Christ kauft beim Juden, sondern in einem vom Landesausschusse unterstützten christlichen Geschäfte. Es wurde nämlich das Gerücht zerstreut, daß die Juden dieVictualien vergiften, man will auf diese Weise die ohnehin den Juden feindlich gesinnten niedrigen Schichten der christlichen Bevölkerung bewegen, die jüdischen Gewölbe gänzlich zu meiden. Die Armen aber wissen nicht, was sie anfangen sollen. Doch wie gesagt, in ganz Galizien ist in der gesellschaftlichen Atmosphäre eine so große Menge von Zündstoff angehäuft, daß man darauf gefaßt sein muß, daß der Drath in kurzer Zeit einen neuen Judenkrawall melden werde.*) Diese plötzliche, aber doch seit langem vorbereitete Umwandlung der Gemüther der polnischen Bevölkerung hat die bereits erwähnte Broschüre verursacht. In kurzer Zeit ist sie im ganzen Lande in ca. 10 000 Exemplaren verbreitet worden und nachdem sie sich bereits in Händen Aller befand, wurden die letzten Exemplare auf das Geschrei der Juden von der Staatsanwaltschaft konfiscirt. Aber was nützt es, wenn dieselben Theorien von den Priestern in der Kirche und Schule gepredigt werden? Man darf sich also nicht wundern, daß das Volk gegen die Juden so aufgehetzt ist, daß man nur einen Funken zu werfen braucht und sogleich wird es der Aufforderung gemäß „die Juden tobten, ihnen die Baarschaft rauben, ihre Häuser niederreißen, die Synagogen aber vermittels Feuer und Pech in Brand setzen?' Erst neulich bedrohte unsere Glaubensgenossen in Wadowce ein schreckliches Gemetzel,, dem sie nur durch einen Zufall entgangen sind. Aus dem Hause eines Juden ist eine christliche Magd verschwunden. Das Volk hatte sich bereits versammelt, um an dem Juden, den es des Ritualmordes beschuldigte, eine furchtbare Rache zu nehmen, als plötzlich einige Gendarmen mit der Magd erschienen, die sie bei einem Mädchenhändler *) Die Prophezeihung des Herrn Correspondenten ist leider inzwischen eingetroffen. (Vergl. Notiz Krakau) gefunden haben, als sie eben im Begriffe stand, die Stadt zu verlassen. Die Existenz unserer galizischen Glaubensgenossen ist also wirklich besorgniserregend. Ueberall boykottirt man ihren Handel, der ohnedies niemals in Blüthe gestanden ist und außerdem wird das Volk von der Kanzel herab durch allerlei Lügen gegen sie aufgestachelt. Doch die jüdischen Abgeordneten aus Galizien lassen sich darüber keine grauen Haare wachsen und haben sich noch zu keiner That aufgerafft. Sie fürchten, der Polen-Club würde eine schlechte Miene machen, wenn sie sich der schrecklichen Lage ihrer bedrängten Brüder annehmen! Und das ist doppelt traurig . . .Jonas Fränkel. Zettimgsirachrichte« und Correspondenzen: Deutschland. 8. Gm. Karlsruhe. Die Leser dieses Blattes werden gewiß durch die politischen Tagesblätter von der Walldorfer Wahlprügelei und der Verurtheilung einiger dabei Betheiligter (zu Gefängnißstrafen von fünf Tagen bis zu vier Wochen) Kenntniß haben. Die judenfeindliche Presse hat seinerzeit die Angelegenheit, die sich bei der gerichtlichen Verhandlung als ein ganz gewöhnlicher Wahlkrawall erwiesen hat, zu einer ungeheuerlichen Schauermär aufgebauscht. Viele Blätter berichteten von „Landfriedensbruch"; ein antisemitisches Blatt gab sogar ein Extrablatt heraus, indem von einem „Mordanschlag gegen Consul Cöster" berichtet wird. Auch die „Badische Lander - zeitung", dieses waschechte Rischusblatt hat ihr gut Theil zur Uebertreibung und Trübung der Sachlage beigetragen. Dieses enfant terrible der nationalliberalen Partei, das keinen Tag vorübergehen läßt, ohne sich gründlich zu blamiren, (vergleiche die scharfe Verurtheilung durch den eigenen Parteiführer Fieser in der II. badischen Kammer, sowie den Fall Cloß), hat nun auch in der besagten Angelegenheit in Bezug auf Verdrehung der Wahrheit Bewunderungswürdiges geleistet. An der Spitze der Nr. 24 prangt ein „die Sozialdemokratie als Judenschutztruppe" überschriebener Artikel, in welchem mit sichtlichem Wohlbehagen und in fettgedruckter Schrift die große „Enthüllung" gemacht wird, daß zu der damaligen Walldorfer Versammlung ein Heidelberger Sozialdemokrat erschienen war und für seine Svesen eine Vergütung von 5 Mark durch den Angekagten Kramer erhal^n hatte. Aus dieser „außerordentlich bezeichnender Thalsache zieht nun die „Landeszeitung" den streng logischen und äußerst geistreichen Schluß, daß die böse Sozialdemokratie gewissermaßen ein Unternehmen der reichen Börsenjuden sei, und daß die zahl-