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Der Israelit · 1898-04-18 · Heft 29-30 (18.4.1898) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 29-30 (18.4.1898)
Date
1898-04-18
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XHH Jahrgang. Meile Seil. M 29 & 30 ües Jlarnelit“. L«it««d«r *l«tit<(. Dir antifeiiti^en Messe in Wleliykn. lieber die Exceffe, welche gegen unsere Glaubensgenossen in Wieiiczka am 11, 12 und 13. März verübt wurden, kann erst heute ausführlich berichtet werden, nachderu bereits alle Thatsachen, die in den ersten Tagen in vielfach falscher Form ins Publikum drangen, festgestellt, all' die geheimen Elemente, welche sich im Schatten verborgen und so diese Bewegung in Scene gesetzt haben, ans Tageslicht gebracht wurden und alle maßgebenden Factore gesprochen haben. Aber jetzt erst kann man auch die Bedeutung dieses unter anderen Umständen vielleicht belanglosen Falles in seiner ganzen Tragweite ermessen. Denn das, was in Wieliczka geschehen ist, ist nicht ein Product der feindlichen localen Verhältnisse, sondern vielmehr für das ganze Land typisch und so darf es gewissermaßen als ein Miniaturbild der mit Recht besorgnißerregenden Lage der galizischen Juden angesehen werden. Ich werde hier zuerst in kleinen Umrissen den Fall selbst darstellen, um dann die volle Bedeutung desselben und die sich daraus ergebenden schlimmen Consequenzen zu zeigen. Wieliczka, durch seine Salzgruben berühmt, ist ein kleines Städtchen mit circa 7000 Einwohnern, wovoll vielleicht die Hälfte auf die Juden entfällt. Diese beschäftigen sich hauptsächlich mit Getreide- und Victualienhandel, denn in den Gruben werden nur Christen angestellt. Wie in ganz Galizien, war auch hier das Verhältnis zwischen Juden und Christen immer erträglich, bis erst vor kurzem der antisemitische Strom in seinem gewaltigen Laufe sich auch hier ein Bett gebildet und dann die ganze Umgebung mit seinen vergifteten Fluthen überschwemmt hat. Allmählich begann sich der Haß der durch die antisemitische Presse und die ruchlose, in ihren Mitteln nicht wählerische Agitation ängstlich gemachten christlichen Bürger gegen die Juden bemerkbar zu machen und die viel schwerere Aufgabe der Aufhetzung des großen Pöbels nahm der Clerus für sich in Anspruch. Es wurde in der Kirche gegen die Juden gepredigt, man klagte sie ganz grundlos allerlei schändlicher Verbrechcll an und forderte die christliche Bevölkerung auf, bei den Juden nicht zu kaufen und nicht zu dienen, da sie sonst der Erlösung nicht theilhaftig werden könne. Der Boden war schon also üppig gedüngt und es brauchte nur noch der Mann zu kommen, der ihn besäen sollte, damit bald die Frucht in die Höhe schlage. Da erschien der Reichsraths-Abgeordnete Pater Szponder, der nach seiner im vorigen Jahre erfolgten Wahl im Triumpf in die Judengaffe von Makow einzog und die Juden, denen er sein Mandat verdankte, seines unverbrüchlichen Philosemitismus versichert hat, da doch der Stifter der christlichen Religion den Ausspruch Moses: Liebe deinen flachsten wie dich selbst" zum Fundamentstein seines Evangeliums gemacht habe. Dieser Geistliche wurde vor einigen Wochen nach Wieliczka versetzt. Und nun zeigte es sich, wie die galizischen Abgeordneten, die während der Wahlen bei den Juden um Stimmen förmlich buhlten und ihnen goldene Berge versprachen, sie dann betrogen und zum Narren hielten. Derselbe Pater Szponder, der noch vor Jahresfrist mit unseren Glaubensgenoffen liebäugelte und bei ihnen als der politische Messias galt, er hat die Kravalle in Wieliczka vorbereitet und mit kaltem Blute veranstaltet. Seine Hirtenmission in dieser Stadt begann er sogleich mit der Aufreizung des Volkes, insbesondere der zahlreichen Bergarbeiter gegen die Juden. Damit aber diese Agitation in die tiefsten Bevölkerungsschichten eindringe und so das angestrebte Werk gelinge, zerstreute er in Massen ein gegen die Juden gerichtetes, von einem Krakauer Geistlichen verfaßtes Lügenbuch, betitelt „Geheimnisse der Juden", das die bekannten Märchen angeblich aus dem Talmud vorbringt, auch die für das Osterbrod geschlachteten christlichen Kinder aufzählt und insbesondere auf Grund gefälschter Citate beweist, daß die Juden eine heilige Pflicht haben, die Christen bei jeder Gelegenheit zu tödten. Mau denke nun, wie solche Predigten auf eine ungebildete, rohe Bevölkerung, die nur eine Marionette in den Händen der schlauen Volksverhetzer ist und deshalb an alles, was aus ihrem Munde kommt, heilig glaubt, wirken muß. Und es kam, wonach die ganze antisemitische Partei in Galizien und mit ihr der würdige Priester der Religion sich sehnten. Freitag abends, am 11. März, umzingelte eine nach Hunderten zählende Rotte die in der Synagoge versammelten Juden. Es begann ein furchtbares Steinbombardement, das sich dann in der ganzen Stadt fortsetzte und dem alle Scheiben der jüdischen Wohnungen erlagen. Dasselbe wiederholte sich Samstags und nahm insbesondere am Sonntag durch den ganzen Tag einen gefährlichen Verlauf. An vielen Orten wurden Juden verletzt, ihre Wohnungen stark beschädigt und jetzt noch, nach Verlauf von 15 Tagen, wohnen sie größtentheils in Zimmern ohne Fensterscheiben, obgleich es draußen

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