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Der Israelit · 1898-04-18 · Heft 29-30 (18.4.1898) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 29-30 (18.4.1898)
Date
1898-04-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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640 Stellenlosigkeit ist nicht unseren Kreisen entsprungen. Ein englischer Verein in Liverpool und der Verein deutscher Kaufleute in Berlin betreiben diese Art von Versicherung schon eine Reihe von Jahren mit gutem Erfolg. Untere Berechnungen basiren auf den Erfahrungen dieser Vereine. Und wenn wir auch mit ganz anderen Verhältnissen, anderen Ziffern oft zu rechnen haben, so können uns diese Vereine immerhin als Grundlage dienen. Wenn wir bedenken, daß das deutsche Reich die Alters- und Invaliditäts-Versicherung ohne jede Anhaltspunkte in's Leben gerufen und daß diese Einrichtung von den anderen Großmächten als hohe politische Weisheit gepriesen und allenthalben nachgeahmt worden sei, so können auch wir getrost den Sprung in's Dunkle wagen. § 1 der Statuten besage, daß der Verein seine Mitglieder auf dem Wege der Versicherung gegen die durch die Beobachtung des Sabbats verschärfte Gefahr der Erwerbslosigkeit schützen wolle; damit solle aber nicht etwa gesagt sein, daß der Verein auf Wohlthätigkeit basire. ES sei eine auf Gegenseitigkeit gedachte Vereinigung, deren in Stellung befindliche ordentliche Mitglieder, diejenigen, die augenblicklich außer Stellung, mit dem Nothwendigsten zu versorgen haben. Da» Schlimmste für einen jungen Mann sei, wenn er nach gekündigter Stelle, aller Subsistenzmittel beraubt, sich vis ä vis de rien befinde. Hand in Hand mit der Versicherung müffe natürlich eine hochentwickelte Stellenvermittlung organisirt werden, und auf diesem Gebiete sei Denjenigen, die den Verein materiell zu fördern beabsichtigen, Gelegenheit geboten, Proben ihrer Hochherzigkeit abzulegen. Denn die ziemlich umfangreichen Kosten für die Stellenvermittlung, die seither in jüdischen Kreisen, den wackeren Hamburger Verein ausgenommen, nur sehr lässig betrieben worden sei, könne nicht aus den Beiträgen der jungen Leute bestritten werden. Junge Leute, die auf die Heilighaltung des Sabbat reflectiren, könnten häufig keine Stelle erhalten, weil die an dem Sabbat geschloffenen Geschäfte mit solchen jungen Leuten besetzt seien, die sich aus der Entweihung des Sabbatnichts machten. Hier habe der Verein einzugreifen und hierzu bedürfe er der Mittel. Redner erwarte hierbei die thätige Mithilfe der anwesenden Prinzipale. Herr Löb rechtfertigt nunmehr vom versicherungstechnischen Standpunkte aus, die in den Statuten festgesetzten Beiträge und Vergütungen und zeigt bei dieser Gelegenheit, daß er das complicirte Gebiet der Versicherungsbranche mit seltener Meisterschaft beherrscht. Der Appell an die GlaubenSgenoffen, der in den jüdischen Zeitungen erlaffen wurde, habe von allen Seiten ein lebhaftes Echo gefunden. Zustimmung-- und Beitrittserklärungen seien in großer Menge eingelaufen und hervorragende Glaubensgenossen in fast allen größeren Städten Deutschlands haben sich bereit erklärt, dem Verwaltungsrathe beizutreten. Für heute wollen wir nur die Herren Benjamin Hirsch — Halberstadt, Aron Kober—Breslau, Samuel Strauß—Karlsruh e nennen, die in den Verwaltungsrath beizutreten, sich freudig bereit erklärten. (Die Namen wurden etwas rasch verlesen und konnten deßhalb von uns nicht alle notirt werden.) Der Berliner Stellenvermittlungs-Verein Schomre Schabbos ist auf Anregung de- Herrn Rabbinatsaffeffor Dr. Biberfeld unserem Verein in corpore und der Vorstand im Einzelnen beigetreten und stellt seine Dienste zur Verfügung unserer Vereinigung, welche Mittheilung von der Versammlung mit großer Freude entgegengenommen wurde. Redner fordert die Anwesenden auf, als ordentliche und außerordentliche Mitglieder dem Verein beizutreten und schließt, der sicheren Hoffnung Raum gebend, daß wir etwa» zu schaffen im Stande sind, das aus kleinen Anfängen große Resultate zeitigen wird. Herr Vorsitzender, Louis Feist, dankt dem Redner für seinen lichtvollen Vortrag und stellt das Thema zur Discuffion der Versammlung. Herr Steinberger ergreift nunmehr dar Wort, um eine Beschwerde über die jüdischen gesetzestreuen Prinzipäle vorzubringen, diese wollten die frommen Commis ausnützen. (Sehr richtig! Bravo!) Redner zitirt das geflügelte Wort: „Von heute ab sind Sie Commis, aber nicht bei mir." (Wiederholte Bravorufe.) Diese Ausbeutung falle aber auf die Prinzipäle zurück. Große fromme Häuser seien infolge dessen dem Untergange geweiht. Die jungen Leute gewännen bei der geringen Bezahlung kein Interesse am Geschäft und die Firmen leiden in erster Linie selbst darunter. Vor allen Dingen solle man die Salaire aufbessern, (Stürmisches Bravo.) dann kämen auch in Bezug auf das Halten des Sabbat bessere Zeiten. Herr Weil wünscht, daß der Verein nicht nur für Deutschland, sondern sich international gestalte; man erwiedert ihm, daß die« nicht angängig, da jenseits der deutschen Grenze jede Controle aufhöre, es gäbe innerhalb Deutschlands vorerst genug zu thun. Herr S. Lehmann beanstandet verschiedene §§. der Statuten, die Sätze seien zu niedrig w. Herr Löb meint darauf, die Herren sollten nur recht tief in den Beutel greifen, um die Consolidirung des Vereins zu bewirken. Herr Löb erwiedert hierbei auch dem Herrn Steinberger. Seine Anschauung sei grundfalsch. Die niedrigen Gehälter hätten weit tiefere Ursachen. Solche Dinge regeln nicht Einzelne, sondern es seien große volkswirthschaftliche Fragen die mit Angebot und Nachfrage zusammhängen. Nach seinen langjährigen Erfahrungen seien nichtjüdische und jüdische neologe Gehilfen im Großen und Ganzen nicht besser bezahlt, wie fromme, junge Leute.

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