Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 72 (12.9.1898)
- Date
- 1898-09-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1341 haben bislang von den vergänglichen Gütern gesprochen, von den ungezählten Summen Geldes, von den Millionen Völkern, von den Bankunternehmungen und von den Colonien. Jetzt werden wir von den Millionen Seelen sprechen, von den unvergänglichen Gütern der Eultur und der Erziehung, des Glaubens und der Wahrheit. Unser Zionismus, der lebensfähig ist, kann nicht einseitig sein. Er darf sich nicht auf politische und nationale Wiedergeburt beschränken, er muß sich auch auf die geistige erstrecken. Wenn die Völker an einen kritischen Punkt ihrer Geschichte gelangt sind, rufen sie ihre Todten an; sie öffnen die Gräber ihrer großen Männer, sie erinnern sich ihres Lebens und ihrer Thatcn; sie lesen ihre Werke, errichten ihnen Denkmäler und weisen auf sie als auf Muster ihrer Zeitgenossen hin. Wir handeln anders. Wir sind keine Verehrer der Vergangenheit, weil wir der Meinung sind, daß cs in der Zukunft besser sein wird, als in der Vergangenheit. Wir sind als Optimisten bekannt, und wenn uns je ein llnrecht irgendwo geschieht, oder wir erleiden je eine Mühseligkeit, so tröstet uns der Gedanke an eine künftige, bessere Zeit. Wir beginnen nicht mit einem goldenen Zeitalter, das sich in ein silbernes oder eisernes verwandelt- Im Gegentheil, wir erkennen eine dauernde Besserung der Menschheit an, worunter wir das messianische Zeitalter verstehen. Diese Hoffnung war der einzige Trost unserer wandernden Glaubensgenossen. Das Licht der (Sultur und der Erziehung ist bei uns nie erloschen, die Juden allein wissen nichts von einem Mittelalter. Als alle Nationen mit Unwissenheit und Aberglauben bedeckt waren, blieb es helle in den Wohnungen der Inden wie vordem in Egypten. Als die literarischen Schätze von Rom und Hellas unter den Trümmern der Vergangenheit begraben wurden, nahmen die Juden den Spaten zur Hand, stöberten alle jt ne Schätze hervor, reinigten sie und ließen sic eireuliren. Wir waren die Hüter der Erziehung und der Eultur; aber es wurde eine jüdische daraus; sie verschmolz sich mit unserem Leben und wurde mit jüdischem Geiste getränkt. In dieser Weise mnß der Zionismus der Eultur unserer Tage entsprechen, er muß jüdische Eultur sein. Wir können auch nicht ein Jota der geistigen Errungenschaften der Gegenwart und der Vergangenheit abgeben. Wir wollen nicht ärmer werden an geistigen Gütern, cs ist ein Theil unserer Religion, das Große, Edle und Schöne der Erziehung und Wisienschaft zu erforschen. Aus diesem Grunde errichten Juden, welche verfolgt und in fremde Länder getrieben werden, zuerst Schulen. So machten er die Kolonisten in Palästina und jene in Argentinien. Sie bauten sich nicht erst Häuser, sondern sie fragten sich sofort.- Wo ist unsere Schule? Dies waren die Schufen für die kleinen Kinder. Der Zionismus muß mit der Kultur und dem Fortschritt Hand in Hand gehen; Schule und Haus müssen von dem Geiste unseres heiligen Glaubens durchdrungen sein. Dieses religiöse Element verbindet uns stärker, obwohl oft unbewußt, als die Grundsätze einer politischen oder nationalen Vereinigung. Das ist eine Seite der Harfe, welche die Leviten an die Weiden der babylonischen Ströme hingen. Wenn je wir seufzen oder uns ängstigen, so ertönt diese Saite ltub erweckt in uns ein belebendes Echo. Dies Gefühl näherte uns, so daß wir einen ungc thciltcn Zionismus gestalteten. Ich sage nicht, daß wir alle eines Geistes sind, denn dann würden wir nicht ganz Israel mit seinen mannigfaltigen Gestaltungen in Gedanken und Glauben darstellen, sondern nur einen Theil desselben. Der Zionismus kann nicht der Repräsentant nur eines Theiles von Israel sein, wenn er lebensfähig sein soll. Da wir in religiösen Dingen einem getheilten Hause gleichen, so müssen wir gegenseitig absolute Toleranz üben. Darunter verstehe ich nicht eine einseitige, welche alle Rechte für sich beansprucht, welche sie dem Nächsten vorenthält. Ich will meine eigene religiöse ttcbcrzcugung 'Niemand aufdrängcn, aber ich will, daß inan die meinigc respektive, wie ich die Ihrige. Der Zionismns darf 'Niemands Partei ergreifen; er darf aber auch Nicmand'S Anschauung zur eigenen machen. Wir miissen vollständige Gedankenfreiheit gestatten; ebensowenig hat Jemand das Recht, sich um unsere Ueberzcugung zu bekümmern. Aber waS auch der Unterschied in einzelnen Individuell sein möge, die Einheit des religiösen Gefühls verbindet uns. DaS ist der dauernde Faktor unserer ganzen Bewegung; möge er tief liegen oder verborgen sein in der Brust unseres Volkes; er ist da unantastbar. Er gestaltet sich in unserer zionistischen Bewegung zu einem harmonischen Ganzcll. Und wenn einer meiner anwesenden Freunde von dieser Meinung abweicht, so verwcise ich ihll auf den Musikkenner, der ihm sagen wird, wie die scheinbare Disionanz in Harmonie endet. Wenn das Licht einen Spalt durchströmt, so löst cs sich in die Regenbogenfarben auf. Aber wenn nian sie wieder vereint, so bilden sie das klare Tageslicht. Und so ist cs mit dem religiösen Licht; wenn es sich nicht an den menschlichen Neigungen bricht, so scheint cs in vollem Glanze. Ungeachtet dessen, liegt das religiöse Element auf dem Grunde der zionistischen Bewegung. Ich gedenke jener merkwürrigen Sage vom Straßburger Münster. Es wird erzählt, daß tief im Fundamente jenes Gebäudes ein Stein verborgen liegt, bei dessen Berührung das ganze Gebäude erzittert und dieThürme in Bewegung gerathen. So liegt in dem tiefen Grunde unserer zionistischen Bewegung jener religiöse Stein, der.