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Der Israelit · 1898-04-05 · Heft 27-28 (5.4.1898) · page 29

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 27-28 (5.4.1898)
Date
1898-04-05
Page
– (sequence 29)
Language
German
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535 dieser seiner Kleidung zur Welt gekommen. Er war stumm wie ein Fisch, nur zuweilen brachte er, wie knurrend, einen ganzen Satz über die Lippen. Sonst antwortete er immer auf eine Frage mit halben Wörtern. Bekannte oder Freunde hatte er nicht und war immer einsam. Selbst in der Schänke, wo er alle freie Zeit zubrachte, knüpfte er mit Niemanden ein Gespräch an. Sobald er sich betrank, setzte er sich in einen Winkel auf die Erde, wiegte den Kopf hin und her und brummte leise irgend ein Volksliedchen vor sich hin. Seinen Lohn für seine Dienstleistungen zog er vor, in Naturalien, das heißt Alkohol oder Speisen, statt in Geld zu erhalten. Im allgemeinen war er ein stiller Mensch, der nie Jemanden wehe that. Aber einen Fehler hatte er; sobald er etwas erblickte, das nicht genügend versteckt war, konnte er sich nicht enthalten, es in die Tasche zu stecken, einerlei, ob es groß oder klein, werthvoll oder werthlos war; ein Pferdezaum, ein Sack Getreide, ein Wäschebündel, ein Leuchter, alles galt ihm gleichwerthig. Sobald er den Diebstahl ausgeführt hatte, verschwand er unauffindbar, als hätte ihn die Erde verschlungen. Dann war jedes Suchen nach seiner Spur vergeblich. Nach einigen Wochen fand man ihn gewöhnlich im Corridor des Badehauses, schlafend den ruhigen, gesunden Schlaf eines Kindes. Jedes Forschen und Fragen war vergeblich, er antwortete keinen Laut, als verstünde er nicht, was man zu ihm sprach. Kleinigkeiten, die er stahl, gab er in einer der außerhalb der Stadt gelegenen Schenken für einige Glas Schnaps hin. Bei den Juden glückte es ihm immer, diese Streiche auszuführen, ohne hart bestraft zu werden. Wenn ihn aber ein Bauer bei einem Diebstahl abfaßte, züchtigte er ihn grausanr. Oft wurde er in einem solchen Fall windelweich geschlagen, so daß er blutend an allen Gliedern, voll Wunden und Striemen, tagelang das Lager hüten mußte. Sobald er aber wieder heil war und sich ihm eine Gelegenheit darbot, that er wieder wie früher. So war Aleksa beschaffen, der jetzt am großen Ofen saß und ihn mit Sträuchern und trockenem Holz füllte. Wir ließen unsere Kleider im zweiten Zimmer und traten endlich in die Badestube. Der Raum, der für das Wannen- und Schwitzbad gemeinsam war, faßte außerdem auch noch die Mikwe, zu der man mittelst einer gewundenen, schmalen Treppe hinunterstieg. Die Stube, an deren Hinterwand sich Sitzbänke, eine über die andere erhoben, war angefüllt von einem dichten Dampf, so daß ich im ersten Augenblick nichts unterscheiden konnte. Wirre Menschenstimmen hallten durcheinander, der dichte Knäuel der Badenden wimmelte an den Bänken und in den Wannen herum. An dem Eingang zur Mikwe herrschte ein förmliches Gedränge. Wir warteten an der Thüre bis sich die Menge etwas lichtete. Aeltere oder angesehene Leute hatten hier ordnungsmäßig den Vorrang. Für mich, da ich zum Schwitzen noch zu klein war, fand der Vater eine Wanne. Ich versenkte mich bis an den Hals in's warme Wasser, und überließ mich dem wonnigen Gefühl, das sich über mich ergoß, und mich fast schläfrig machte. Allmählig legte sich der Lärm, die Menge nahm ab. Inzwischen wurde die Dunkelheit immer größer in der Badestube. Die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne drangen durch die trüben Scheiben und durchwoben den Wafferdampf, der den Raum ausfüllte, mit buntschillernden Fäden, durch die ganze Länge erhoben sich hübsche, in allen Farben schimmernde Scheidewände. In der Badestube wurde es immer leerer. Einer der Nachzügler trat ein, Berzie, der Fuhrmann, den sein schweres Handwerk so lange zurückhielt. Er war ein hochgewachsener starker Mann und führte einen kleinen Knaben an der Hand. „Das nenne ich rechtzeitig kommen," begrüßte ihn jemand lachend. Berzie suchte sich schweigend ein Plätzchen. „Spät, spät, Ihr lieben Leute," rief der alte Neb Selig hüstelnd, „schon Zeit zur Synagoge zu gehen!" ermahnte er zur Eile. Alle sputeten sich und eilten hinaus. Mein Vater, der bisher auf seinem Platze saß, und sich ganz dem Vergnügen des Schmitzens überließ, erhob sich plötzlich und trat zu n^r heran. „Bleib noch ein wenig, Leibele, ich will nur einen Augenblick in die Mikwe hinabfteigen." Damit näherte er sich dem dunklen Eingang. Ich wollte aber nicht warten und stieg hinaus, um noch unsere Kleider im Vorzimmer herauszusuchen. Dort waren nur noch fünf, sechs Personen zurückgeblieben, die sich schweigend ankleideten, um rasch nach Hause zu eilen. Bevor ich noch zu unseren Kleidern gelangt, war mein Vater zurückgekehrt. Er begann hurtig unter den Kleidungsstücken zu suchen. Doch plötzlich hielt er inne. „Hast Du Deine Stifel schon hervorgeholt?" fragte er mich mit sorgenvoller Stimme. „Nein," antwortete ich ruhig und langte nach dem Bündel, das meine Garderobe enthielt. „Wo sind sie denn? Hier sind sie nicht!" rief mein Vater sehr aufgeregt. Ich verstand diese Aufregung nicht recht, aber am Herzen fühlte ich plötzlich einen großen Schmerz. In Verwirrung begannen wir suchen. Alle Anwesenden umringten uns und halfen uns suchen. „Seht mal rasch nach, wo ist Aleksa?" sagte Jemand. „Aleksa?" antwortete der Inhaber des Bades,

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