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Der Israelit · 1898-04-05 · Heft 27-28 (5.4.1898) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 27-28 (5.4.1898)
Date
1898-04-05
Page
– (sequence 28)
Language
German
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834 Ich stellte mich ans Fenster und spähte aus, ob Reb Jtzig sich zeigen würde. Was konnte sein Zögern bedeuten? Ich weinte vor Bangigkeit und Gram. Schon sah ich Reb Nachum Melamed ans dem Bade nach Haus gehen, der seinen kleinen Sohn an der Hand sührte. Feiwisch und unser Nachbar Wolf gingen vorüber uno trugen Weinflaschen für den Sederabend. Mein Schulkollege Gedaliab schritt, schon festlich angezogen, vorbei und trug Etwas in einem Tuch eingewickeltes in der Hand — sicherlich die Mazzoh schemurah, die der Rabbiner seinem Vater schickt. Da zeigte sich von der Ferne eine Gestalt auf dem Wege von Reb Jtzig's HauS. Mein Herz pochte hörbar. . . Ach, es war blos eine alte Bäuerin, welche die Gänse vor sich einherjagte. „Vater, ich möchte zu Reb Jtzig hinüberlaufen" — aber ich mußte meine Bitte zweimal wiederholen, da der Vater in seine Lektüre vertieft war. „Lauf', wenn Du willst." In diesem Augenblick stürmte mein kleiner Bruder in» Zimmer; man hatte ihn ausgeschickt, um einiges ausstehendes Geld für gelieferte Arbeit einzukaffiren, womit meine Stiefel bezahlt werden sollten. „Leib!" schrie er laut, „Reb Jtzig kommt, er trägt Deine Schuhe." „Und Geld hast Du gebracht?" fragte die Mutter. „Rein, sie sagten, sie würden nach Jomtow bezahlen." Noch bevor meine Mutter ihrer Empörung Luft machen konnte, öffnete sich die Thüre und herein trat Reb Jtzig. Er zog langsam von unter dem Kaftan die Stiefel hervor, die ich ihm sogleich aus der Hand riß. Ich war ganz taumelig vor übermäßiger Freude, hörte und verstand nicht, von dem, was man zu mir sprach. Ich besah die Stiefel von allen Seiten und traute meinen Augen nicht. Stiefel! Und wa» für Stiefel! Solche hat gewiß niemand gesehen. Wie sie glänzen! Rothes Futter, gewichste Hacken. Und diese Ohren, die in bunter Farbenpracht aufrecht stehen, wie die Ohren eines stolzen Renners. Ich war überglücklich und konnte mich nicht satt sehen an dem Meisterwerk der Schuhmacherkunst! Endlich wurde ich auf eine Bank gesetzt. Die Mutter trocknete mir die naffen Füße, wand um sie saubere Fetzen und ich zog mit großer Mühe die Stiefel an. Mein kleiner Bruder blickte mich mit Hochachtung und Neid an. Die Stiefel saßen prachtvoll. Ich schritt einigemale im Zimmer auf und ab. Mir schien, daß ich mit einemmale gewachsen, daß mit mir in diesen wenigen Augenblicken eine große Veränderung vorgegangen sei. Nur der Vater freute sich nicht, sondern sah schweigend vor sich hin, als ging ihn das alles gar nicht an, während die Mutter meine Stiefel von allen Seiten betastete. Die Probe war zu Ende. „Reb Jtzig" sagte mein Vater verwirrt, „ich bin gezwungen, in Ihren Augen wie ein Lügner zu erscheinen. Gott weiß, daß es nicht meine Schuld ist. Ich besitze jetzt nur siebzig Kopeken. Den Rest werde ich mit Gottes Hilfe nach den Feiertagen bezahlen." „Macht nicht's, Reb Beinisch, ich kenne Euch ja, Ihr werdet mich ein andersmal bezahlen. Wenn nur meine Chinka nichts dagegen hätte," antwortete Reb Jtzig mit seiner leisen, bescheidenen Stimme. Der Vater bückte sich über den großen Kasten und holte einzelweise Kupfermünzen hervor. Aber es fanden sich nur fünfzig Kopeken; Reb Jtzig mußte sich damit zufrieden geben. Er wand das Geld in sein rothes Tuch ein, wünschte uns fröhliche Feiertage und entfernte sich. „Nun, Rachel, gieb' uns schnell Wäsche, es ist Zeit, ins Bad zu gehen, bald wird es zu spät sein", sagte mein Vater, als sich Reb Jtzig entfernt hatte. Die Mutter bückte sich nun ihrerseits über den großen Kasten und langte für uns saubere, aber stark geflickte Wäsche hervor. Jetzt kam eine wichtige Frage zur Sprache, ob ich nämlich barfuß oder in den Stiefeln ins Bad gehen sollte. Nach gründlichen Verhandlungen wurde beschlossen, daß ich auf dem Hinweg die Stiefel in der Hand tragen und sie erst auf dem Heimweg anziehen durfte. Wir gingen. Im Bad angelangt, fanden wir die erste Stube bis zur Hälfte voll von trockenem Holz und Sträuchern zum Heizen. An der Oeffnung des großen, schwarzen Ofens saß Aleksa, eine in unserer Stadt allgemein bekannte Persönlichkeit. Außer dem Dienst am städtischen Bade als Heizer, Holzhauer und Wasserträger, verichtete er noch allerhand Arbeiten in den Judenhäusern, wie am Sabbat den Ofen zu heizen, die Lichter zu putzen, die Stuben zu fegen und dgl. Es war ein kleiner, magerer Mensch von unbestimmbarem Alter, mit einer großen, breiten Glatze am Kopf, welche von röthlichen, stets wirren und zerzausten Haaren umgeben war. Sein Gesicht war aufgedunsen, ohne ausgesprochene Hautfarbe, in der Mitte befand sich eine große, dicke Nase mit unzählicheu, schwarzen Pünktchen, die mit einem welken Rettig große Ähnlichkeit hatte. Seine rothbraunen trüben Augen, das wirre, harte und stacheliche Backen- und Barthaar verlieh seinem Gesicht einen düstern, traurigen Ausdruck. Sommers und Winters war er mit einem dicken, kurzen Rock von röthlicher Farbe bekleidet, der von unzähligen verschiedenfarbigerl Flicken bedeckt war, und die ein Ledergürtel zusammenhielt. Kein Mensch hatte ihn jemals in einem anderen Kostüm gesehen, obwohl man ihn seit zwanzig Jahren kannte, es schien, als wäre er in

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