Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 27-28 (5.4.1898)
- Date
- 1898-04-05
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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533 :' W*r*V~‘ ' «'l'»**’*1. "T‘.4I*.'!»U' -W^«P|?|WPPmi W^WWWWWWWWW träumte nur von jener großen Stunde, da er seine Hoffnung verwirklicht sehen würde. „Wenn wir nicht werth waren, unser Kind unter die Chuppoh zu führen, so werden wir, mit Gottes Hilfe, seine heilige Thora unter der Chuppoh in sein Haus bringen," pflegte Reb Jtzig öfters zu seiner Chinka zu sagen, die dabei heiße Thränen vergoß. Als wir hinkamen saßen Reb Jtzig und Chinka gerade beim Frühstück. Man hieß uns sehr freundlich willkommen. Chinka holte etwas Branntwein und Kuchen hervor und bewirthete uns. Dann begann die übliche Unterhaltung über die schweren Zeiten, über die Vorbereitungen zum Fest, wobei Chinka das Gespräch führte, während Reb Jtzig meist nur durch ein Kopfnicken seine Zustimmung bekundete. Endlich kamen die Stiefel an die Reihe. Der Meister nannte den letzten Preis: drei Rubel. Mein Vater erschrack bei dieser großen Summe. „Dann muß ich auf diese Stiefel verzichten", sagte er. Ich fühlte, daß mein Herz still stand. Reb Jtzig rieth dem Vater ein Paar alte Schäfte zu finden, dann könnte ers um zwei Rubel machen. Mein Vater stand auf und sagte im Weggehen, daß er sich die Sache überlegen wollte, und daß er keine alten Schäfte hätte. Ich fühlte mich höchst unglücklich. „Mach ihm die Schuhe für zwei und einen halben Rubel," sagte Chinka mit ihrer sanften Stimme. Sie verstand ersichtlich mein Herzleid und hatte Erbarmen mit mir, denn sie sah mich mit ihren schönen Augen an, die mir in diesem Moment wie die Augen eines Engels erschienen. „Wenn es Dir recht ist, ist es mir gewiß recht," antwortete Reb Jtzig in seiner stillen Art. „Aber ich sag euch im voraus, daß ich vor Jomtow nur anderthalb Rubel bezahlen kann, den Rest zahl' ich, so Gott will, nachher", bemerkte mein Vater. „Auch recht", sagte Chinka. Reb Jtzig begann das Tischgebet, nachher setzte er mich auf eine Bank, zog meine durchnäßten und zerrissenen Sandalen aus und nahm mir das Maaß. „Die Stiefel werden am Erew Peßach zu Mittag fertig sein", sagte Reb Jtzig sich erhebend. Das war die Entstehungsgeschichte meiner ersten Stiefel im Leben. Es war kein Wunder, daß mich beim Gedanken an dieselben ein wonniger Schauer überlief. Jeden Morgen erwachte ich mit der glücklichen Empfindung, daß mich etwas sehr Angenehmes erwartete. Ich liebte diese Stiefel, bevor ich sie noch gesehen. Doch nein — ich sah sie gleich vom ersten Augenblicks ihres Wachsens und Werdens und überwachte jede» Stadium ihres Entstehens. Kaum hatte ich einen freien Moment, flugs war ich bei Reb Jtzig und weidete mich an dem langsamen Fortschreiten meiner künftigen Stiefel, und da wir seit einer Woche Ferien hatten, verbrachte ich ganze Tage bei ihm. Nicht nur die Stiefel feffelten mich, auch die Ruhe und die angenehme Wärme bei Reb Jtzig zog mich an. Gestern war ich dort bis spät am Abend geblieben, wofür mich die Mutter tüchtig ausschalt. Als ich wegging, fehlten an den Stiefeln noch die Hacken und der Meister stellte sie beiseite, um ein anderes Paar vorzunehmen. Das betrübte mich sehr, doch Reb Jtzig beruhigte mich mit der Versicherung, daß sie heute, also am Erew Peßach unzweifelhaftig fertig würden. Und doch ließen mich unruhige Gedanken und vage Befürchtungen lange nicht einschlafen; in meinem kindlichen Egoismus zitterte ich, Reb Jtzig könnte plötzlich krank werden, und meine Stiefel blieben ein Torso. . . Jetzt, wie ich auf dem Boden saß und durch das Loch im Dache zu Reb Jtzig's Wohnung hinübersah, sann ich nach, wie ich, trotz des Verbots der Mutter mich hinwegschleichen und meinen werdenden Stiefeln einen Besuch abstatten könnte. „Leibele, Leibele, wo bist Du?" hörte ich plötzlich die Stimme meiner Mutter. Ich sprang eilig von dem Balken herab, verwundete mir leicht den Fuß an den herumliegenden Scherben, und gelangte etwas hinkend bei meiner Mutter an. Hier erwartete mich der Auftrag, Jawdocha, die Wasserträgerin zum Brunnen zu begleiten. Jedes Jahr erfüllte mich dieses Amt eines Aufsehers über das Kaschrut des Peßach-Waffers, das Jawdocha am Brunnen holte, mit großem Stolz. Aber jetzt, da ich sehnsüchtig der Ankunft Reb Jtzig's mir meinen Stiefeln harrte, gehorchte ich nur widerwillig. Zehn mal ging ich hinter den funkelnd weißen Kannen Jawdochas zum Brunnen, und jedesmal erwartete ich mit Bestimmtheit die Stiefel. Schon von der Ferne lugte ich au«, um Reb Jtzig zu erblicken, fragte jeden in unserm Hause, der zufällig vor der Thüre stand, und jedesmal vergeben». Die zweite Nachmittagstunde war vorüber. Unsere Behausung hatte mit einemal ein veränderter Aussehen gewonnen, und stand wie umgewandelt da. Die Wände waren frisch gekalkt, der Fußboden mit gelblichem Lehm bestrichen und darüber Sand gestreut. Alle Haurgeräthe, frisch gescheuert, blinkten weiß. Der Vater saß am Tisch, in die Lektüre des „Sohar" versunken. Auch er war auf einmal wie umgetauscht, als hätte dar erhabene Fest, das Fest der Freiheit, seine Zauberstrahlen vorausgesandt und ihn mit seinem Lichte ttberfluthet; dem Lichte jener Sonne, die einst vor mehr als dreitausend Jahren Israel aufgegangen war, als es der Allmächtige mit erhobener Hand aus der Sklaverei in das Land der Verheißung führte.