Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 27-28 (5.4.1898)
- Date
- 1898-04-05
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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63S Nicht bist Du tobt, ein unmodernes Kleid! Hebräersprache, selt'nes Wunderband, Das um das Weltenjudenthum sich wand Aus Kraft gewebt und Unzerreißbarkeit! Nicht bist Du tobt, ein unmodernes Kleid. Wie dort die lichtumkränzten Bergeshöh'n, So unvergänglich, ewig juaendschön, Ragst Du, erhaben, über Ort und Zeit! Die grüne Rinde um den Baum voll Saft, Hältst Du vereint, was Weltenmeere trennt, Was Alles sich zum Judenthum bekennt, Was jüdisch denkt und fühlt und wirkt und schafft! Und würde mehr zerstreut noch durch die Welt, Das Gottesvolk,^die auserwählte Schaar, Hebräersprache, Sprache wunderbar, Du bist das Band, das sie zusammenhält! _ Regina Rüben. Mir einem Mrew-^eßach. IugenLerriirrerungen von Ben-Ami. (Aus dem Russischen.) (Schluß.) „Ihr wünscht also Geld? Ich habe nur anderthalb Rubel bei mir, die könnt ihr bekommen, den Rest zahl' ich auch, mit Gottes Hilfe nach den Feiertagen. Kaum hatte sich Reb Mendel entfernt, als meine Mutter ihrer Empörung in stürmischer Weise Luft machte. „Du bist also der Meinung, daß ich ihn nicht bezahlen soll, umsonst soll er Deinem Kinde Unterricht ertheilen?" „Er hätte können bis nach den Feiertagen warten. . „Er ist auch ein armer Mann und braucht auch auf Peßach." Die Mutter schwieg, und ich gab ihr im Herzen recht. Nun war meine Hoffnung zu Waffer geworden. Ich war sehr niedergeschlagen und weinte bitterlich, mein Abendbrod blieb unverzehrt. Spät am Abend, als sich bereits alle zur Ruhe begeben halten, trat mein Vater an mich heran, legte seine Hand auf meinen Kopf und sagte: „Gräme Dich nicht, Leibele, Du wirst Stiefel bekommen." Ich erhob meine vor Freude leuchtenden Augen und blickte durch die Thränen zu meinem Vater empor. Sein liebes Antlitz strahlte von Herzensgüte, aber auch ein Ausdruck von Müdigkeit und Erschöpfung lag darauf. Am nächsten Morgen begleitete ich den Vater zu Reb Jtzig, dem Schuhmacher. Wir kamen durch einen finsteren Corridor in eine mittelgroße Stube, in der ein großer Ofen den dritten Theil des Raumes einnahm. Das äußerst bescheiden, aber ebenso sauber eingerichtete Zimmer faßte außer den gewöhnlichen Geräthen den Arbeitstisch Reb Jtzig's und einen Schemel davor. Die ganze Häuslichkeit athmete Frieden. Reb Jtzig war ein stiller bescheidener Mann, der fünfzehn Stunden täglich seinem Handwerk oblag, und außer seinem Arbeitstisch nur noch das Bethaus kannte, wohin er mit strenger Pünktlichkeit Früh und Abends zum Gottesdienst kam. Er betete sehr andächtig, indem er jedesmal in die jüdisch-deutsche Uebersetzung blickte, um sich den Sinn der Worte zu vergegenwärtigen. Jeden, der dies nicht nöthig hatte, überhaupt jeden in der Thora Kundigen betrachtete er für einen höher stehenden Menschen und zollte ihm aufrichtige Verehrung. Mit seiner Frau Chinka lebte er in musterhafter Eintracht und holte in allen Angelegenheiten zuerst ihre Meinung ein. Chinka liebte ihren Mann abgöttisch und war außerdem eine biedere, geschickte Hausfrau, die strenges Regiment führte, aber dabei von großer Herzensgute war. Kinder hatten sie nicht und das war der große Schmerz ihres Lebens. Aber als sie zur Ueberzeugung kamen, daß sich daran nichts werde ändern lasten, daß dies offenbar ein unabänderlicher Beschluß des Himmels fei, der sie des Kindersegens ihrer Sünden wegen nicht würdige, verzichteten sie darauf und suchten Trost in anderen Idealen, die ihnen das Leben ausfüllten. Reb Jtzig und seine Frau widmeten ihre Liebe, alle zärtlichsten Regungen ihres Herzens dem Gotteshause, das sie für die Lücke in ihrem Leben tröstete und ihnen Hoffnung für die Zukunft gewährte. Bald stifteten sie eine Ner-Thamid-Lampe, bald widmeten sie alle Ersparnisse dem Ankauf eines Vorhanges für die heilige Lade, oder einer Sammtdecke auf den Almemortisch. Ihr größtes Joeal war, einmal so viel Geld beisammen zu haben, um eine Sefer- Thora schreiben lasten zu können, und sie dann im Jubel und unter Musikbegleitung in die Synagoge zu bringen, wo man daraus in alle Ewigkeit an Sabbat- und Festtagen vorleseu würde. Diesem Ziele strebten sie mit Aufgebot aller Kräfte zu, Reb Jtzig verdoppelte seine Anstrengungen bei Tag und bei Nacht, gönnte sich keinen Augenblick Ruhe und