Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 27-28 (5.4.1898)
- Date
- 1898-04-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448884--45779-2496090- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
521 behaupten wollen? Jagen wir da nicht einem Phantom nach, einem Wahngebilde, das wir nie und nimmer erreichen werden? Am besten ist's, so spricht die Partei der radikalen Assimilisten: „Wir stürzen uns ins Zeitmeer, wir gehen auf unter den übrigen Völkern, wir streifen alles ab, (und mit der Zeit nach mehreren Geschlechtern auch die Physognomie), was uns an die Zugehörigkeit zu diesem unglücklichen Volke erinnern könnte. Lastet uns aufgehen, tastet uns untergehen in den Wogen des Völkermeeres, nur lastet uns keine Juden sein, denn ist zwar kein Verbrechen, aber es ist ein Unglück, Jude zu sein."*) Das sinddiejüd. Antisemiten. Traurig, tief traurig, daß Menschen, die eine solche Sprache führen, die solche Mittel zur Bannung des Unheils vorschlagen, es noch wagen, sich Juden zu nennen. Aber Moses ruft auch diesen warnend zu: isjmh „Stehet f e st!" Haltet fest an Eurem Glauben, haltet fest an Eueres Volkes Ehre! Denn keln^Volk auf Erden ist ja so geehrt worden, wie wir Israeliten. „Ihr, die Ihr dem Scheine und dem Erfolge nachbuhlet und nachjagt, Ihr könnt ja auch die großen Triumphe Israels unter den Völkern nicht übersehen. Hat uns doch die göttliche Offenbarung erkoren zu ihrem Träger, zu ihrem Sendboten, der Weltenherr, Israel erhoben und geweiht. Gott, der Herr selbst hat uns ja geehrt und machte uns zu seinem auserwählten Volke, zu seinem Priestervolke, zu seinem Heiligthume, c’jhe nateo b arm mp vr. Wir sind seine Kinder, seine Diener, E7i ns» ss’p^K "“6 cnx d’js." Aber wer giebt heute was darauf? Man fragt wenig nach dem, als was uns das heilige Gottesbuch bezeichnet, oder was Gott von uns hält. Nun denn, wir werden Euch beweisen, daß kein Volk auf Erden von allen civilisirten Völkern so geehrt ist worden,wie Israel. Und auf das wird man doch wohl etwas geben?! Wohlan! Alle Culturvölker ehren das Judenthum bewußt oder unbewußt als das Volk Gottes. Denn sie haben den jüdischen Monotheismus als den ihrigen ausgegeben, die jüdische Sittenlehre als die ihrige adoptirt, die jüdische Offenbarung ist in die ihrige übergegangen, die jüdischen Propheten ehren sie als ihre Propheten, mit den jüdischen Psalmen verherrlichen sie ihren Gottesdienst, ihre Heiligen haben sie aus den Reihen unseres Stammes, unseres Volkes entnommen und als Vorbilder sich erwählt. Kann ein Volk mehr geehrt werden?! Wenn man uns dafür mit Undank belohnte, liegt dafür etwa die Schuld an uns? Oder ist es nicht vielmehr eine Schmach und Schande für diejenigen, die uns für diese göttlichen Gaben haßten und verfolgten? isjmh „Stehet fest" und *) Thatsächlich hörte ich ähnliche Worte von Glaubensgenossen, welche Söhne frommer, gottesfürchtiger Juden sind. wanket nicht im Vertrauen auf Gott und glaubet fest, daß unser Gott, der die Völker erleuchtete, damit unsere Offenbarung in der christlichen Lehre Eingang finde, daß derselbe Gott Israels auch dafür sorgen wird, daß Sein Geist der Liebe in die Herzen der Menschen dringe, und inag es damit noch so langsam vorwärts gehen, vertrauet nur auf Seine Hilfe; die Gotteserkenntniß, die Humanität, die Gesittung, die Moral wird doch endlich zunt Siege gelangen und wird über die Gewalt trinmphiren, Ihr werdet schließlich die Wogen der Zeitftrömung unversehrt durchschreiten, die den Fortschritt der Menschheit theilen und Euch in die Freiheit führen wird. Dieses Wort unseres Lehrers Moses inögen auch unsere heutigen radikalen Assimilisten beherzigen, die in ihrem Kleinmuth alles Jüdische abstrcifen möchten, ihre Brüder im Stiche lasten und sich so zu geben trachten, als wären sie „vollwerthige Arier". Eine andere Parteigruppe giebt uns den Rath cnjtnS T,iro „Lastet uns nach Mizrajim zurückkehren." Das sind die Verzagten und Kleinmüthigen: „Uns hilft kein Fortschritt, keine Cultur, keine Aufklärung. Wir bleiben was wir immer waren, die Parias, die Geächteten und Verachteten, die Juden. Wir mögen versuchen, was wir wollen, es nützt nichts. Und wären wir die Besten, die Gerechtesten, die Edelsten und Vollkommensten, ja Engel allesammt, wir werden es doch nie zur wahren Gleichberechtigung unter den Völkern bringen, wir werden immer die Minderwerthigen fein; wir haben nichts zu hoffen, von der Zukunft nichts zu erwarten, wir thun das Klügste uns in unser Geschick resignirt zu ergeben, in unser Mizrajim zurückzukehren, in unser Ghetto, d. h. in das „Neue Ghetto" in das soziale und gesellschaftliche uns zurückzuziehen." So sprechen die hjcx ’:op, die in ihrem Kleinmuth ihre Hoffnung auf Gott und auf seine Verheißung verloren haben. Diesen aber ruft der Gottesmann die aufrichtenden Worte zu "2: c"n enso r,x cmn hwo ’s. „Wie Ihr heute die Egypter sehet, so werdet Ihr sie nie wieder sehen." Die Menschheilsentwickelung schreitet immer vorwärts, das Rechtsbewußtsein ergreift immer weitere Kreise. Wir kehren nicht zurück, am wenigsten gehen wir freiwillig in das mittelalterliche Mizrajim wieder. Nein, wir halten unerschütterlich fest an unserem Recht, wir lasten uns das Errungene nicht streitig machen. Mit bau sogenannten dritten Stand hat auch das westeuropäische Judenthum seine Menschenrechte erkämpft. Wohl hat diese Errungenschaft nicht die ersehnte, gehoffte Erlösung gebracht, sie hat aber doch nie geahnte Erfolge gezeitigt, so daß nicht zu befürchten ist, daß die Finsterniß des Mittelalters wiederkehren könnte.