Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 27-28 (5.4.1898)
- Date
- 1898-04-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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510 Baron Joseph v. Hirsch, der die Versammlung mit seiner Anwesenheit beehrte und sein besonderer Interesse an der Sache bekundete, besonder» gedachte, so sei hier bemerkt, daß der Großvater dieses Herrn, der Begründer des Welthauses von Hirsch, Herr Jakob v. Hirsch, im Jahre 1840 unter vielen andern Legaten auch ein solches zur Anregung für den landwirthschaftlichen Beruf unter den Juden testirte, aus dessen Erträgnisse alljährlich jüdische Jünglinge, die sich in der Landwirthschaft bei einem Oekonomen oder einer landwirthichaftlichen Schule in Bayern auszubiloen suchen, unterstützt werden sollen. Die Stiftung, welche seit 22 Jahren unter der Administration des obigen Herrn Joseph von Hirsch steht, war stets bemüht, ihren Zweck zu erfüllen und hat so manchen jungen Mann dem Berufe der Landwirthschaft zugeführt und im Sinne obiger Bestrebung segensreich und wohlthätig gewirkt. Es ist anzunehmen, daß der edle Stifter das Bedürfniß seiner Zeit richtig erkannte und mit seiner Stiftung dem guten Rufe seiner Glaubensgenossen dienen und ihr Wohl fördern wollte, sicher aber glaubte der am königl. Hofe geehrte und beliebte Herr damit auch im Sinne seines Königs weiland Ludwig I. zu handeln, unter dessen Regierung man sogar gesetzlich auf die größere Betheiligung der Juden an Landwirthschaft und Handwerk zu wirken suchte. Thatsächlich fanden und finden sich in Bayern viele Juden, die Oekonomie zu ihrem Berufe wählten, andere sie mit einem Nebengeschäft verbanden, ähnlich wie es auch bei den christlichen Landbewohnern der Fall ist. Möge daher auch jetzt das Streben aller Wohlgesinnten dahingehen, den Beruf des Ackerbaues bei uns heimisch zu machen; er ist es, der bei einem arbeitssamen, einfachen Leben eine sichere Existenz dem künftigen Geschlecht bietet und den Kampf ums Dasein, der in allen andern Berufen immer schwieriger wird, erleichtert; er ist es aber auch, der in seiner Verbindung mit der Natur den gläubigen Sinn, in der Arbeitsamkeit und Nüchternheit das religiöse Leben stützet und der Beobachtung der religiösen Vorschriften weniger Schwierigkeit bietet. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Prag, 18. März. Ein Veteran des ärztlichen Standes, ein durch seine langjährige wissenschaftliche und humanitäre Wirksamkeit weit über die Grenzen unserer Stadt und unseres Landes rühmlichst bekannter und bewährter Praktiker, ein edler und hochherziger Menschenfreund, ein biederer und ehrenfester Charakter, ein eifriger Förderer der sanitären Wohlfahrt unserer Stadt, ein Gründer und Schöpfer von der Nächstenliebe geweihten Institutionen. All dies war Med. Dr. Jacob Schütz, der gestern um 6 Uhr Nachmittags im patriarchalisch ehrwürdigen Alter von 92 Jahren aus dem Leben geschieden ist. Wohl selten dürfte die Lebensbilanz eines Menschen mit einem so reichen Gewinne abschließen, als dies bei dem Verstorbenen der Fall war, der, obgleich er schon seit mehr als einem Jahrzehnt in Zurückgezogenheit lebte, dennoch seinen Lebensabend verklärt sah durch die Verdienste, die er sich durch seine segensreiche Thätigkeit erworben hatte. Erft vor Kurzem erhielt er von Sr. Majestät dem Kaiser das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone; wir beschränken uns darauf, in flüchtigen Zügen eine kurze Charakterschilderung dieses edlen Mannes unseren Lesern vor Augen zu führen. Wir müssen in erster Reihe jener ärztlichen Cardinaltugend gedenken, die dem Dr. Schütz im vollsten Maße eigen war; jener seltenen Liebe, Treue, Hingebung und Aufopferung für seinen Beruf, die jeder Mühe und Gefahr spottet, und nur in der unbeschränkten Ausübung der Pflicht ihren höchsten Lohn erkennt. Und wahrlich, unter den Tausenden, welchen Dr. Schütz während seiner nahezu fünfzigjährigen ärztlichen Berufsthätigkeit sein Wissen und seine Kräfte geweiht, stellen die Armen, deren Rechnung nur Gott bezahlt, ein großes Contingent. Seine Menschenliebe machte keinen Unterschied zwischen Reichen und Armen. Seinen höchsten Stolz setzte Dr. Schütz darein, und zur größten Ehre rechnete er es sich stets an, wenn ein kranker ärztlicher College für sich oder für seine Familie seinen ärztlichen Beistand in Anspruch nahm, und mit wahrer Selbstaufopferung war er bis in sein Greisenalter bestrebt, das in ihn gesetzte Vertrauen in jeder Beziehung zu rechtfertigen. Ihm war der ärztliche Beruf ein heiliger Cultus, zu dessen Diensten er sich als Priester berufen fühlte. Und diese erhabene Auffassung seiner Mission war es vor Allem, die ihm nicht bloß in breiten Schichten der Bevölkerung, sondern ganz besonders unter seinen älteren Collegen ein dauerndes Andenken gesichert hat. Doch nicht bloß als Arzt, auch als ärztlicher Schriftsteller und als Begründer und Förderer der auf die Verbesserung der Gesundheitsverhältnisse der Stadt Prag abzielenden Institutionen hat sich der Verstorbene unvergängliche Verdienste erworben, und wenn auch manche dieser Schöpfungen mit der Zeit in Vergessenheit gerathen sind, so boten sie doch eine feste Basis, auf welcher neuere moderne sanitäre Institutionen begründet werden konnten. Eine seiner schönsten Schöpfungen war die Gründung des israelitischen Nächstenliebevereines, an welcher er regen Antheil genommen und die wie kaum ein anderer ähnliche Tendenzen verfolgender Verein zur Blüthe und segensreichen Entwickelung gediehen ist. Die Erinnerung an sein segensreiches Walten und Wirken wird erhalten bleiben, wenn auch der Leib längst zu Staub und Moder geworden.