Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 26 (31.3.1898)
- Date
- 1898-03-31
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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501 nicht anders werde. Wozu Dich aufregen und den Kindern den Schlaf stören?" „Das ist ja eben das Unglück, daß man Dich niemals umstimmen kann. Ich sage Dir, gehorche Deiner Frau, und gehe morgen zu Reb Pinchas ins Geschäft." „Wenn er mich braucht, kann er um mich schicken, denn er hat Gottlob Diener genug. Wenn er die Arbeit an Feiwisch geben will, dann mag er sie ihm geben. Ich will keinem, Gott behüte, sein Brod wegnehmen. Sprechen wir nicht mehr davon." „Was willst Du denn kaufen? Und für wen?" „Zunächst glaube ich, müßte man Siesel für Leibele anschaffen. Er geht barfaß." „Um Gotteswillen, hör auf! Was dieser Mann im Kopfe hat! Die beiden älteren Mädchen haben Fetzen an, und nicht Kleider, und der kommt mir gar mit Stiefeln für Leibele. Wie kann ich da ruhig bleiben? Wenn ich die beiden armen Kinder ansehe, vergeht mir das Herz. Warum sollen sie schlimmer daran sein, als Andere? Solche fleißige, arbeitsame Kinder. Ach, du lieber Gott! . . . Die jüngere klagt wenigstens zuweilen, macht sich Luft im Kummer, aber die ältere trägt schweigend ihr bitteres Loos, nur im Verborgenen vergießt sie heiße Thränen . . Ein leises Jammern unterbricht diese Rede. Der Vater hustet stürmisch, daß er keinen Athem holen kann. Der Wind tobt im Kamin daß die Röhren erbeben und erklirren. Ich zitterte unter meiner leichten Decke und drückte mich an meinen kleinen Bruder, der mit mir das Lager theilt. Im Zimmer herrscht Schweigen. Einige Tage spater begegnete meinem Vater, der mit mir aus dem Bethause kam, Reb Pinchas. Dieser war einer der wohlhabendsten Männer unseres Städtchens und sehr gelehrt. Alle seine freie Zeit verbrachte er bei den heiligen Büchern. „Guten Morgen, Reb Beinisch!" grüßte Reb Pinchas.; „Guten Morgen, Gut Jahr!" „Wie geht's Euch?" „Gott sei gedankt . . „Habt Ihr genug Arbeit, Reb Beinisch?" „Gottlob, kann mich nicht beklagen." „Ihr seid wahrlich ein guter Jehudi, Reb Beinisch, und klagt niemals; das ist gut gethan, sehr gut." Mein Vater antwortete nicht und wollte weitergehen. „Wartet doch ein wenig. Was eilt Ihr so? Es regnet ja nicht. Scheint, wir werden angenehmes Wetter zu Jomtow haben. Seht, wie schön der Tag ist." „Ja sehr schön." „Wenn Ihr nicht zu sehr beschäftigt wäret, möchte ich Euch etwas Arbeit geben. Aber Ihr könntet wohl keine annehmen?" „Ich kann welche annehmen," versetzte mein Vater einfach. „Ich werde es mir überlegen. Vielleicht gebe ich die Arbeit dem Feiwisch, wenn Ihr allzusehr beschäftigt seid", sagte Reb Pinchas und betrachtete meinen Vater aufmerksam. Aber mein Vater wurde nicht verwirrt, und Reb Pinchas fuhr fort: „Run denn, so kommt heute Abend zu mir und wir werden die Sache besprechen." Reb Pinchas entfernte sich und ich hatte gerne Lust, den Vater zu fragen, ob ich nun Stiefel bekommen würde, wagte es aber nicht. Es war seltsam. Meinen Vater liebte ich über alles in der Welt, es war meine größte Wonne, sein breites Antlitz mit dem kurzen Bart zu betrachten, in dem ein tiefblau herzensgütiges Augenpaar leuchtete, und über das sich die weiße, breite Stirn wölbte. Ich fühlte, daß auch er mich herzlich liebte, und doch konnte ich niemals mir ein Herz fasten, etwas von ihm zu verlangen, oder ihn mit Reden zu belästigen. Sein Handwerk verstand ich bereits aus dem Grunde und hatte dies auch bewiesen, indem ich mir das Chumesch, das ich zum Geschenke vom Vater bekam, selber eingebunden hatte. Doch ging ich noch zur Schule und burfte mich noch nicht mit Arbeiten beschäftigen. Zu Hause erzählte der Vater, daß Reb Pinchas ihn für den Abend bestellt habe, um ihm die Arbeit zu übertragen. „Siehst Du, so wie Du nur meinen Rath befolgt hast .... Wenn Du immer so wärest, das wäre unser Aller Glück," sagte die Mutter triumphirend. Die arme Mutter! Sie kannte den Werth des Vaters, und wußte ihn zu schätzen. In seiner Abwesenheit wurde sie nicht müde, seine edlen Herzenseigenschaften, seine Güte und Selbstlosigkeit zu preisen. Sie hegte für ihn eine Verehrung, wie für ein höheres Wesen. Aber der drückende Mangel, das sorgenvolle Dasein, die stete Bangigkeit um den kommenden Tag, drückten die arme Frau nieder und ließen sie zuweilen, wider ihren Willen, gegen den Vater bitter werden. Aber er wußte, wie ihre Seele an ihm hing und zürnte ihr niemals. Mein Vater war ein Mann von regen geistigen Interessen, ein Mann des Buchs, der nicht nur mit den Einbänden, sondern auch mit dem Inhalte der Bücher sich zu schaffen machte. Zuweilen fesselte irgend ein hebräisches Buch, das er gerade in der Arbeit hatte, seine Aufmerksamkeit, dann konnte er auf Stunden alles ringsum vergessen und sich in die Lektüre vertiefen. Die geringfügigen Kleinigkeiten des praktischen Lebens