Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 26 (31.3.1898)
- Date
- 1898-03-31
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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500 am Rande eines tiefen Grabens erhebt sich eine alte, geschwärzte Windmühle, die gleich einem Niesenvogel ihre Flügel schwingt. Jeden Donnerstag gehe ich dorthin mit der Mutter, um Mehl für den Sabbat zu holen. Dieser Gang gehört zu meinen liebsten Beschäftigungen. Unweit von der Mühle steht ein einsamer Holzpfahl, das ist der Meilenzeiger, welcher auf meine Phantasie eine besondere Anziehungskraft autübt. Ich habe die Empfindung, daß dort, jenseits de- Meilenzeigers eine völlig neue Welt beginnt. Oftmals hatte ich beschlosien, bis an die Gemarkung dieser unbekannten Region vorzudringen, aber eist nie dazu gekommen. Jetzt erneuere ich diesen Beschluß, die Reise am Chol-hamoed unweigerlich auSführen, und koste es, was es wolle. Hinter einem anmulhigen Häuschen mit Garten fließt ein Bach, und ringsum erheben sich zahlreiche, ohne Ordnung hingestreute Lehmhütten, mit abgeschälten Wänden und rissigen Dächern. Eine dieser Hütten, die sich an eine andere lehnt, welche aber gleichfalls dringend einer Stütze bedarf, ist jetzt der Gegenstand meiner zärtlichsten Gedanken. In dieser Hütte wohnt nämlich Reb Jtzig, der Schuster, ein Mann, der seit zehn Tagen all mein Sehnen und Wünschen, wenn ich träume oder wach bin, an sich fesielt. Zwar ist Reb Jtzig stets ein sehr liebenswerther Mensch gewesen, aber niemals zuvor hatte ich dies so sehr empfunden, als jetzt, da er für mich .... Stiefel fertigt. Ja, so, Stiefel und zwar neue Stiefel, ganz neue, von den Schäften bis zu den Sohlen. Noch eine oder zwei Stunden, und Reb Jtzig bringt sie mir nach Hause. Wenn ich daran denke, will ich vor Freude hüpfen. Das sind ja die ersten Stiefel in meinem Leben — ja, noch mehr, diesmal bekomme ich überhaupt neue Garderobe. Früher, wenn ich jemals ein neues Kleidungsstück bekam, so war es aus einem abgetragenen von des Vaters Röcken oder Beinkleidern hergestellt. Meine Füße bedeckten immer alte gefleckte Schuhe, nur ausnahmsweise kaufte mir der Vater einmal Sandalen, die einige Wochen lang anhielten, den größten Theil de» Jahres aber ging ich barfuß, neue, ganz neue Fußbekleidung hatte ich niemals besessen. Nun werde ich am 17. Jjar dreizehn Jahre alt, also Bar-Mizwah, und diesem Umstande hatte ich e» zu verdanken, daß mein Vater sich entschloß, einen tiefen Griff in seine Tasche zu thun, und eine solche Menge Geld auszuwerfen. Das war keine Kleinigkeit — zwei und einen halben Rubel! Einen vollen Monat schwankte mein Vater, und oftmals berieth er darüber mit meiner Mutter, meist, wenn alle Hausgenossen schliefen. Ich lauschte immer, den Athen! anhaltend, wenn eine solche Unterredung begann: „Rachel, schläfst Du?" „Schlafen? Wie kann ich schlafen? Weh' ist mir!" EinMwerer, langer Seufzer entringt sich der Brust meiner Mutter und ein harter, trockner Husten schüttelt den ganzen Körper meines Vaters. Im Schornstein heult und klagt der Wind. „Hast Du das ganze Geld ausgegeben?" hebt der Vater von neuem an. „Es ist um aus der Haut zu fahren, Beinisch, wenn man Dich hört! Wie viel hast Du mir gegeben? Dreiundvierzig Kopeken. Und wann? Am Montag! Heute ist Donnerstag. Rechne nach: sieben Groschen war ich schuldig, für elf Hab ich Stroh zum Heizen gekauft, für drei Bohnen, für zwei Hirse . . ." „Ich weiß, ich weiß," unterbricht sie der Vater, „Du hast es nicht für Naschwaaren ausgegeben. Sprechen wir von etwas Anderem. Die Feiertage kommen, man muß darüber berathen und Nachdenken." „Ach, ich werde nicht müde daran zu denken. Woher sollen wir auf die Feiertage nehmen? Weh ist mir!" „Was ist zu thun? Gott wird helfen, wie er bisher geholfen." Und wieder kommt ein schwerer Seufzer aus der Brust der Mutter und ein harter, trockener Husten aus der Brust des Vaters. Der Wind heult und pfeift in allen Spalten und Nissen der Wände. „Man nruß für die Kinder etwas anfertigen lassen," unterbricht der Vater das Schweigen. „Zuerst müssen wir Mazzoth besorgen und dann Kleider für die Kinder." „Ich hoffe, Arbeit zu bekommen. Der Postinspektor will mir einige Bücher zum Binden geben, auch der Geistliche hat etwas bereit, außerdem Hab' ich gehört, daß Reb Pinchas ein Amsterdamer „Schaß" gekauft hat, welches er seinem künftigen Schwiegersohn als Peßachgabe schicken will. Vielleicht giebt er's mir zum Binden." „Vielleicht. Vielleicht giebt er's aber dem Feiwisch?" „Und wenn auch? Feiwisch ist auch ein armer Mann, er braucht auch Arbeit." Soweit ging der Altruiismus meiner Mutter nicht. „Bist Du ein reicher Mann, daß Du für andere sorgen willst? Zuerst denk an Dich und Deine Kinder. Ich an Deiner Stelle wäre schon zwanzig Mal bei Reb Pinchas».gewesen." „Wenn er mich rufen wird, werde ich gehen", erwidert der Vater gelassen. „Willst Du vielleicht warten, bis Reb Pinchas um Dich einen Wagen schickt? Du großer Mann! Kleinigkeit, Beinisch Buchbinder! Paßt es ihm, zu Reb Pinchas zu gehen, um Arbeit zu bitten? Ach Dein Stolz wird uns noch an den Bettelstab bringen." „Du kennst mich ja, Rachel, und weißt, daß ich