Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 26 (31.3.1898)
- Date
- 1898-03-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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486 zugestanden werde, welche seine Religion für alle sakramentalen Handlungen vorschreibe. Das Gericht müsse einem frommen Juden ebenso gestatten, bei der Eidesleistung sein Haupt zu bedecken, wie es kein Bedenken tragen dürfte, einem frommen Katholiken bei der Eidesleistung das Niederknieen oder das Auflegen der Hand auf das Evanqelienbuch zu erlauben. — In Übereinstimmung mit diesen Ausführungen hat die 15. Civilkammer dahin entschieden, daß das Bedecken des Hauptes nicht als ein Zusatz anzusehen ist, der mit dem Wesen des Eides nicht vereinbar ist, sondern nur eine nach den Vorschriften der Civilprozeßordnunq überflüssige Bestärkung der im Eide enthaltenen Betheuerung darstellt, die dem Zeugen aus sein Verlangen zu gestalten ist. Karlsruhe, 24. März. (DasBad Herrenalb im Württemb. Schwarzwald.) Vom Juni c. ist endlich auch Fürsorge getroffen, daß das zwischen Baden-Baden und Wildbad gelegene Herrenalb, „das Paradies des Württemberg. Schwarzwalds", auch von den orthodoxen Israeliten ohne Gewiffensscrupel frequentirt werden kann, indem von da ab dort eine jüdische Küche nach den Anforderungen des gesetzestreuen Judenthums von dem Karlsruher Metzger und Gastwirthe, Lion, ins Leben tritt. Derselbe wird, wie in Karlsruhe schon eine lange Reihe von Jahren, Alles aufbieten, seinen Kunden den Aufenthalt in Herrenalb möglichst angenehm und dadurch die Kur recht heilsam zu machen. Die gewaltigen, sich über 1400 Fuß über dem Meeresspiegel erhebenden und den Ort einschließenden Berge sind mit prachtvollen Tannenwaldungen bedeckt und daher die Luft sauerstoffreich und balsamischwürzig. Von gleicher Güte sind die Quellen. Sehr zahlreiche, gut gepflegte Spaziergänge durchziehen auf viele Kilometer die Wälder und führen zu vielen herrlichen Aussicht-Punkten. Das Klima ist der überaus geschützten Lage zufolge ein sehr mildes und fast beständiges. Außer den natürlichen Hilfsmitteln durch Lage und Klima, kommen dem Kurgaste Bäder jeder Art mit Elektrizität und Maffage zugute und ist deßhalb der Ort für Nervenleidende, Gehirn- und Rückenmarkskranke, Lungeleidende, sowie für solche, die an Zirkulationsstörungen, Rheumatismus und Verdauungsstörungen leiden, besonders zu empfehlen. Auch Frauenkrankenheiten und damit zusammenhängende Leiden finden dort rasche Hilfe. Daß dort auch eine Post- und Telegraphenstation sich befindet, ist selbstredend. — Billard, Kegelbahnen, Lesezimmer und Concertsäle 2C. lassen nichts zu wünschen übrig. Ganz besondere Sorgfalt ist auf die Einrichtung von römisch-irischen, russischen Dampfbädern und hydroelektrischen Bädern verwendet und nach dem neuesten Comfort 75 freundliche Bade-Zimmer eingerichtet worden. Sämmtliche Bäder liegen 400 Meter über dem Meeresspiegel'-in herrlichster, geschützter Gebirgslage. Vom Rhein. (Zur Orgelfrage.) Von einem beinahe außerhalb des Judenthums stehenden Stammesgenossen erhalten wir folgende Zuschrift: Der Verfasser dieser Zeilen hat nicht die Absicht, in die Polemik einzugreifen, die sich bei Erörterung der „Orgelfrage", wie man den Streit um die Einführung der Orgel in den Synagogen kurzweg zu nennen beliebt, entwickelt hat. Die Frage kann ja nur ein direktes konfessionelles Interesse haben, und wenn sie von einem Anhänger der einen oder anderen „Richtung" erörtert wird, werden wir begreiflicherweise hier wie dort — bei den Orthodoxen wie bei den Freisinnigen, Reformern und wie sie sonst noch nuancirt werden mögen — ganz objektiv, unbefangenen Anschauungen und Urtheile kaum finden und erwarten können. Ein Jude, der wie der Verfasser, weder der einen noch der anderen „Richtung" nahe steht, hat vielleicht, so unangenehm das Bekenntniß für die Leser dieser Blätter sein mag, den Vorzug als unbefangener Beurtheiler gelten zu dürfen. Es sei daher gestattet, die Meinung und Eindrücke wiederzugeben, die ich in einer rheinischen Großstadt bei Erörterung der „Orgelfrage" empfangen habe. Dort ist die Frage in richtiger und taktvoller Weise mit dem Beschluß der Nichteinführung gelöst worden. Allerdings hat es dabei heftige Kämpfe abgesetzt. Wäre die Einführung der Orgel in der neuerbauten Synagoge beschlossen worden, dann wäre es für die strenggläubigen Juden der Gemeinde unmöglich gewesen, an dem Gottesdienst in dieser Synagoge theilzunehmen. Bei Erörterung dieser Angelegenheit wurde mir eingeworfen: „Die Orgel verschönt den Gottesdienst, und Viele, die sonst längst kein Interesse mehr für den jüdischen Kultus hätten, erscheinen, wenigstens an den Festtagen noch im Gotteshause." Ich für meinen Theil glaube nicht, daß Diejenigen, welche sich der jüdischen Religion so weit entfremdet haben, daß sie nur noch an „höheren" Festtagen in die Synagoge kommen, ihren weiteren Besuch von der Lösung der Orgelfrage in einem oder anderem Sinne abhängig machen. Anders aber liegt die Frage für die strenggläubigen Juden. Für mich und für Viele mit mir, bedeutet die musikalisches Beigabe eine Verschönerung, eine Jdealisirung des Gottesdienstes, aber trotzdem begreife ich vollkommen die Energie, mit welcher sich die Strenggläubigen gegen die Einführung der Orgel als einer Nachahmung oder Einrichtung eines anderen