Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 25 (28.3.1898)
- Date
- 1898-03-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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468 zusammen, um durch deren Herausgabe bis jetzt unzugängliche Schristen oder fehlerhafte Drucke dem großen Publikum in möglichster Vollkommenheit zu übergeben. Große Gelehrte bemühen stch aus zahllosen gedruckten und ungedruckten Werken die Forschungen und Gedanken Anderer übersichtlich zusammenzustellen, um so den Jüngern der Wissenschaft Zeit und Mühe zu ersparen, und damit dieselben ungestört ihre ganze Kraft der richtigen Beurtheilnng des vorhandenen Wissensstoffes widmen können. Unsere Zeit, ist die Zeit der Editionen und der bibliographischen Arbeiten. Großes ward und wird alltäglich auf diesem Gebiete geleistet, und wir sind der festen Meinung, daß die Nachwelt diesen selbstlosen Arbeitern der Gegenwart mehr Dankbarkeit zeigen wird, als den früheren Stürmern, die in wissenschaftliches Gewand gehüllt weit mehr Jrrthum als Wahrheit absichtlich und absichtslos verbreiteten. Ein Gebiet giebt es, für dessen Erforschung wir von vergessenen Handschriften und in der Erde ruhenden Dokumenten wohl nur wenig Förderung mehr erwarten dürfen, das ist die Geschichte der Lehrer der Mischnah und Gemara, die Darstellung des Lebenslaufs und Wirkens der Tanaim und Amaraim und ihrer ersten Nachfolger. Für diesen Zweig der Wissenschaft jedoch liegt dem opferfreudigen vorurtheilslosen Forscher noch eine ungeheure Fülle kostbarer, unbeachteter und ungehobener Schätze an der Oberfläche und in der Tiefe des mächtigen Beckens nie ver. siegender Lebenswassern, das wirdaS nriw 2', das Meer des Talmud nennen. Diejenigen, welche in früherer Zeit mit kundiger Hand auf diesem Meere steuerten oder mit Aufopferung ihres ganzen Seins in seine Tiefen tauchten, hatten meist so viele hochwichtige Dinge zu beobachten, welche das Wesen des Judenthums berühren, daß sie nur gelegentlich Studien über das mehr Aeußerliche des Geschichtlichen, das ja vornehmlich das Interesse unserer Zeitgenossen zu wecken scheint, mittheilen. — Freilich überall, wo sie solchen Studien huldigten, geschah auch dieses mit unübertrefflicher Gründlichkeit. — Es blieb deßhalb für die Gelehrten unseres Jahrhunderts noch sehr viel kaum besprochenes Material übrig, das sie für die von unserer Zeit gewünschte Geschichte der Träger der Tradition, nutzen konnten. Haben die Wortführer der talmudischen Geschichtsforschung unserer Zeit dieses vorhandene Material auch fleißig, vorurtheilslos und richtig benutzt? — Bis jetzt hat man es kaum wagen dürfen, diese Frage vor der großen Oessentlichkeit zu verneinen. Als vor mehr als vierzig Jahren, der stets auf der Warte stehende Samson Raphael Hirsch beim Erscheinen der Grätzschen Geschichte des Zeitalters der Tanaim diesem, seinem ehemaligen Schüler, in flammenden Worten ein energisches Halt zurief, als er streng objektiv diesem durch das Einschmeichelnde seiner Sprache so gefährlichen Geschichtsschreiber tendenziöse Entstellung und unverzeihliche Leichtfertigkeit nachwies, da durfte es Grätz wagen, als einzige Antwort auf zwölf klassische Artikel, die im Auge eines jeden Vorurtheilslosen für die wissenschaftliche Bedeutung des neuen Geschichtsromans vernichtend sein mußten, seinem ehemaligen Lehrer die Worte „ketzerriechender Klausner" entgegenzurufen. Noch vor wenigen Jahren, als für das Grätz'sche Geschichtswerk von einem Panegyriker die Biographie des Verfassers geschrieben wurde, sind darin auf Samson Raphael Hirsch wegen seiner Jeschurunartikel gegen Grätz, die sachlich nie widerlegt worden sind, nach fast vier Jahrzehnten Schmähungen gehäuft worden. Wie Mancher hat es in unseren Tagen noch erleben müssen, daß Angriffe auf Grätz in der Unterhaltung mit Glaubensgenossen, fast wie eine Blasphemie angesehen wurden, trotzdem namhafte jüdische und nichtjüdische Historiker schon längst ihr unzweideutiges Urtheil über die Unwissenschaftlichkeit der Grätz'schen Geschichte abgegeben hatten. Der noch lebende Geschichtsforscher Weiß hat sich in seinem vcm-n m m mit einem solchen Nimbus von Gelehrsamkeit zu umgeben gewußt, daß man über ihn, trotzdem auch er seine Pfeile gegen Vieles richtet, was uns zum Heiligsten gehört, selbst im Kreise mancher Gesetzestreuen kaum wagen durste, ein abfälliges Urtheil zu äußern. — Da wurde uns vor einigen Monaten vom Buchhändler ein Werk ins Haus geschickt, das in schönem Hebräisch geschrieben den Titel führt Dorot, Havischonim (n'jiBwn mn). Der Nebentitel lautet „Geschichte der jüdischen Literatur vom Abschluß des Talmuds bis zu den letzten Gaonim". Der jetzt erschienene Band soll den dritten Theil einer Geschichte der jüdischen Literatur bilden. Das Werk ist dem Oberrabbiner von Frankreich Zadok Kahn gewidmet und mit Unterstützung der Pariser Alliance herausgegeben. Der Name des Verfassers war uns unbekannt, doch mit jeder Seite, die wir weiter in dem Werk lasen, wuchs unsere huldigende Bewunderung für ihn sowohl wegen seiner ernsten und gediegenen Forschungsart, als auch wegen seines umfassenden Wissens. Kürzlich hörten wir, daß dieser von uns bewunderte Unbekannte ein russischer Privatgelehrter sei, der früher als angesehener Kaufmann in Rußland gewohnt habe und augenblicklich in stiller Zurückgezogenheit in Deutschland ganz seinen Studien lebe. Durch die in diesem Werke niedergelegten wissenschaftlichen Resultate ist, mit Ausnahme des großen Rapoport, unwiderleglich der Stab gebrochen über die glänzenden und lärmenden Wortführer der modernen deutschjüdischen Geschichtsforschung der talmudischen Epoche. Unwillkürlich entringen sich dem Verfasser an vielen Stellen seines Buches Worte schärfsten Tadels über