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Der Israelit · 1898-03-24 · Heft 24 (24.3.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 24 (24.3.1898)
Date
1898-03-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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449 Feuilleton. Der Väter schuld. Erzählung aus der Gegenwart. Von 7) Arnold Mann. EEE (Nachdruck verboten.) Was die Zukunftspläne des jungen Studentenpaares betraf, so galten sie alle einem hohen Ziele, dem der Carriere. Sie war in den Augen der beiden angehenden Juristen Alles! Der Advokatur waren sie abhold, ihr Ehrgeiz wies sie höher hinauf. Sie verhehlten sich nicht, daß der Weg, den sie sich vorgesetzt, ein mühevoller, dornenreicher sei, um so mehr, als sie Juden waren. Aber in ihrem überschäumenden Jugendmuthe schien ihnen jedes Hinderniß überwindbar und sie vertrauten ihrem Fleiß und ihrem unermüdlichen Eifer, der ihnen schon die Pforten der höheren Richterkarriere oder wohl gar der Verwaltungspraxis öffnen würde. Nur selten und stets nur nebenbei erörterten sie die Schwierigkeit, welche in ihrer jüdischen Abstammung gelegen sei. Ueberhaupt wurde von religiösen Dingen wenig zwischen ihnen gesprochen. Schlesinger wußte von den freien Anschauungen des Freundes und sah um so weniger Veranlassung, über sie zu sprechen, als er den energischen, zähen Sinn kannte, von dem Julius Hohenthal beseelt war. Emil Schlesinger selbst war Dank dem guten Vorbild, das er im Hause der Frau Regbeimer gesehen hatte, seinen religiösen Idealen treu geblieben, ja, man kann sagen: er war ein begeisterter Jude, der die Geschichte seines Stammes kannte und aus ihr den Lebenssaft für sein religiöses Fühlen sog. Von seinen Gymnasialjahren an verband ihn eine fast schwärmerische Freundschaft mit der mehr als fünfzigjährigen Frau, in deren Hause er zum Jüngling gereift war. Es war aber auch eine merkwürdige Frau! Sie hatte in früheren Jahren, als ihr Gatte noch lebte, ein Institut großen Stils geführt, welches eine ganze Anzahl von Lehrern und Lehrerinnen beschäftigte. Später, nach des Gatten Tode, hatte sie die Anstalt verkleinert und nahm nur noch eine beschränkte Anzahl jüdischer junger Mädchen auf, die ihre Ausbildung unter ihrer kräftigen zielbewußten Leitung erhielten. Nie hatte in einem jüdischen Herzen eine reinere, man kann sagen, naivere Liebe zum Judenthum gelebt, als im Herzen dieser Frau. Sie war tief erfüllt von seinen erhabenen, beglückenden Ideen, trotzdem sie es gar nicht in allen seinen Theilen kannte. So wußte sie überhaupt nichts davon, daß es Juden giebt, die am Sabbat nicht „tragen", aber an ihrem Tische mußte jeden Tag ein anderer ihrer Zöglinge laut und vernehmlich das Tischgebet vortragen, und wehe dem, der dabei nicht ganz stille saß, oder durch seine Miene verrieth, daß er nicht bei der Sache sei! Auf sein Haupt strömte dann eine Strafrede hernieder, die vom tiefsten religiösen Ernst getragen, sein Herz erbeben machte. Um nur noch eines hervorzuheben, konnte es keinen lieblicheren Anblick geben, als wenn an den Sommersabbaten nach Vollendung des Tischgebetes jeder Zögling ein übersetztes Gebetbuch vornahm und dann abwechselnd von jedem ein Stückchen aus dem Kapitel der „Sprüche der Väter" verlesen wurde, das gerade an der Reihe war. Wie da das Antlitz der alten Frau strahlte und leuchtete, wenn die herrlichen Sittenlehren, von Kindermund vorgetragen, an ihr Ohr tönte. Wie manches heilige Saatkorn fiel da in der Kleinen Seele und sproßte dann auf zu reinster Blüthe und zu köstlichster Frucht! Auch Emil Schlesinger war in dieser Sphäre aufgewachsen, und ihre Wirkungen waren nicht ausgeblieben. So kam es, daß er in religiösen Dingen ganz anders gesinnt war als-Julius Hohenthal und wo cs solche Dinge betraf, eine Festigkeit bekundete, die der freigesinnte Freund nicht begriff und in seinem Innern verspottete. Schlesinger war auch als Student im Regheimer'schen Hause geblieben. Man hatte ihn — ausnahmsweise — behalten, weil er von Jugend auf in ihm aufgewachsen war und die gute Frau Doktor in ihm ihren Liebling sah, von dem sie sich nicht trennen mochte und auf dessen Gedeihen sie stolz war. Man kann sich nach all dem das tiefe, ernste Erstaunen ausmalen, von dem Schlesinger's Seele ergriffen wurde, als sein Studienfreund einst von den Ferien, die er beim Onkel Steinhard in Dürkheim verbracht, zurückkam und den unwiderruflichen Entschluß kundgab, sich taufen zu laffen. Der Onkel hatte ihn vollauf überzeugt, daß ihm als Juden niemals eine Carriere offen stehe, vielmehr auf Schritt und Tritt Hinderniffe in den Weg gelegt würden. Steinhard hatte sich an maßgebender Stelle nach den Aussichten seines Neffen erkundigt und einen ganz trostlosen Bescheid bekommen für den Fall, daß sein Neffe Jude bliebe, dagegen hatte man ihm, die Fähigkeiten des Kandidaten vorausgesetzt, die besten Hoffnungen gemacht, wenn er sich entschließen könnte, zum Christenthum überzutreten. Nun, diese Zumuthung hatte den überzeugungstreuen Onkel kaum erschüttert. Paßte sie doch ganz vorzüglich in das Assimilationssystem, welches er sich als sein einziges Glaubensbekenntnis zurechtgelegt hatte. Es kam ihm gerade recht, daß er Gelegenheit hatte, in seiner eigenen Familie mit einem treffenden Beispiel zu zeigen, wie man die thörichten Schranken einreißt welche Juden von Christen trennen. Dazu kam nun

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