Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 24 (24.3.1898)
- Date
- 1898-03-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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447 hilfsbedürftiger israelitischer Glaubensgenossen, soferne die Gewährung im mittelbaren oder unmittelbaren Interesse des Judenthums ist. c) Die Verbesserung der bürgerlichen Stellung der Juden. Die Verbescheidung der Gesuche, welche bis spätestens 30. April an die oben bezeichnete Cultusvermaltung einzureichen sind, geschieht ohne Rücksicht auf Ort und Land der Petenten. Schweinfurt, 21. März. Mit seinem gestrigen, hochinteressanten Vortrage im hiesigen, neugegründeten „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" über „die Juden in Schweinfurt im Mittelalter" hat uns Herr Distriktsrabbiner Dr. Stein auf kurze Zeit die Gestalten unserer Vorfahren aus dem Schooße der Vergangenheit hervorgezaubert und uns in meisterhafter Rede ein übersichtliches Bild ihrer Drang- und Rothverhältnisse im Mittelalter vor unseren Augen entrollt. Wahrlich keine kleine Aufgabe mag es gewesen sein, einen Stoff, zu dessen Erforschung sich Hindernisse jeder Art in den Weg stellten, in so trefflicher Weise zu ergründen, sowie aus den in den wenigen, bei dem Stadtverderben vom Brande verschont gebliebenen städtischen Akten sich befindlichen Notizen ein vollendetes und einheitliches Ganze zu formen. Reicher Beifall lohnte die fesselnden Ausführungen des Redners; gleichzeitig legte der Applaus sowie ferner auch die starke Betheiligung beredtes Zeugniß ab von dem Interesse, das man in den hiesigen, jüdischen Kreisen derartigen Veranstaltungen entgegenbringt. Gegen solche klar zu Tag tretende Kundgebungen vermögen die Angriffe eines Einzelnen, der sein Auge den offen- und klarliegenden Fortschritten unserer jüdischen Gemeinde verschließt, und dieselbe als dem Rückschritt geweiht, proklamiren will, kein Echo in der Brust klardenkender Männer zu erwecken. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Krakau. Die letzten Wahlen in den hiesigen Cultusvorstand ergaben eine Niederlage der orthodoxen Partei, die kein einziges Mandat erhielt. Dieses Ergebniß ist aber nur der unerhörten Corruption und den Schwindeleien zuzuschreiben, mit denen sich die in fast allen jüdischen Gemeinden in Galizien herrschende Clique am Ruder festhält. Nach den Wahlen wurden sofort Proteste an die Statthalterei eingebracht. Der Cultusvorstand hat sich bereits constituirt und wählte zum Präsidenten Dr. Leon Horovitz und zu Vizepräsidenten die Herren: Hirsch Landau und Maximilian Ehrenpreis. Die antisemitische Partei wächst hier mit jedem Tage dank des Protektorates des Krakauer Fürstbischofes Puzyna. In der letzten Woche wurde hier eine Broschüre veröffentlicht und von den Katecheten in den Schulen verbreitet, die die ruchlosesten Verdächtigungen und Beschuldigungen gegen die Juden enthält, so das Märchen von der Benutzung des christlichen Blutes zum ungesäuerten Brote und dergleichen. In Podgorze haben sich einige geachtete jüdische Bürger bei dem Bezirkshauptmann dagegen beschwert und erzielten, daß derselbe dem dortigen Katecheten die weitere Colportage verboten hat. In Krakau aber ist bis nun nichts geschehen, das der Verbreitung dieser das Volk gegen die Juden aufhetzenden Schrift in den Weg trete. J. F. ß. Prag, 18. März. Die Prager Handelskammer veranstaltete eine Enquete über den „Niedergang unserer Industrie." In Fortsetzung der Berathuug kamen gestern die Experten der Textilindustrie zu Worte. Das Referat des Herrn Landtagsabgeordneten und Kammerraths Alexander Richter enthielt einen Passus, der auch die Leser Ihres Blattes in hohem Grade interefsiren dürfte. Derselbe lautet: „Ich will noch eines Störenfriedes gedenken, unter welchem unser Handel und Verkehr, und unmittelbar auch unsere Industrie leidet. Ich will hier Niemanden anklagen oder in Schutz nehmen, sondern nur etwas zum Ausdruck bringen, d. i. der nationale und soziale Unfrieden, der in unserer Monarchie herrscht und unter dem unsere Monarchie mehr leidet als irgend ein Staat in Europa. Unter dem Schlagworte: „Kauft nicht bei Deutschen!", „Kauft nicht bei Czechen!", oder „Kauft nicht bei Juden!" ist ein ordentlicher Geschäftsverkehr nicht möglich. Die dümmsten Schlagworte finden ja gläubige Anhänger, wie z. B. die künstliche Schaffung der Nothwendigkeit und die Möglichkeit des Bestandes einer nationalen Industrie. Kann man heute eine Unternehmungslust und einen gedeihlichen Verkehr im Reiche erwarten, wenn ein so reicher, tüchtiger und intelligenter Theil unseres Handels- und Jndustriestandes, wie es die Juden sind, den gemeinsten Beschimpfungen und Verfolgungen auf der'Masse " wie in den parlamentarischen Körperschaften schutzlos preisgegeben ist. Ich muß das zur Geltung bringen, denn der Antisemitismus ist ein Symptom des Niederganges nicht nur des Individuums, sondern des großen öffentlichen Lebens, und Handel und Industrie können sich nicht frei entfalten dort, wo solche Sumpfpflanzen wuchern. Ich weiß, ich bin als Spinner nicht ganz sachlich gewesen, aber die von mir erhobenen Beschwerden drücken auf das ganze Geschäftsleben. Ich habe Verhältnisse berührt, die wahr, sehr ernst sind und alle Beachtung der Negierung verdienen. (Lebhafter Beifall und Bravo-Rufe.), Italien. § Mailand. Vor einigen Tagen hielt der General-Lieutenant Graf ■ bi Marzno über , die hier garnisonirenden Truppen Revue ab. Hernach ließ er aus den Truppen ein Quadrat bilden und stellte