Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1898)
- Date
- 1898-03-21
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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iiH.! 441 Kreise ergreift und ihr Schulwesen eine dementsprechende Umwandlung erfährt. Dieser Umschwung vollzog sich unter schweren Kämpfen, denn die Frommen verpönten deutsche Bildung und die Ausnahmestellung der Juden begünstigte die Beibehaltung des hergebrachten, allerdings im Argen liegenden jüdischen Schulwesens. Daß es aber doch anders wurde, das ist wesentlich auf die von Mendelsohn ausgegangenen Anregungen zurückzuführen, wenn auch schon früher einzelne Juden ihre Studien an öffentlichen Schulen zurückgelegt und es im 18. Jahrhundert schon mehrere, in der wissenschaftlichen Welt anerkannte jüdische Gelehrte, mehr oder weniger Autodidakten gab. Besonders übte die. französische Literatur eine starke Anziehungskraft auch auf die deutschen Juden aus. Die eigentliche systematische Umgestaltung des jüdischen Erziehungs- und Unterrichtswesens in Deutschland jedoch datiert von der Gründung einiger Schulen. Durch diese Schulen wurde für viele andere Orte der Anstoß gegeben, Schulen für Knaben und Mädchenzu errichten, sodaß im ersten DritteldiesesJahrhunderts fast jede jüd. Gemeinde ihre Volksschule besaß. Von der Zeit der gesetzlichen Anerkennung, der politischen und bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden muß man eine neue, die gegenwärtige, 4. Periode datieren. Sie unterscheidet sich dadurch von der vorigen, daß von einem jüdischen Unterrichtswesen, als etwas Abgesondertem, genau genommen nicht mehr die Rede sein kann. Die deutschen Juden unterliegen der allgemeinen Schulpflicht, besuchen die öffentlichen, städtischen und staatlichen, niederen und höheren Schulen und genießen deutsche Bildung. Wenn man jedoch hin und wieder der Meinung war, die konfessionellen Schulen entbehren zu können, so iftman in neuester Zeit davon zurückgekommen, ja ist bemüht — und nicht nur bei den Juden — die hier und da diskreditierten konfessionellen Schulen wieder zu rehabilitieren. Von Staatswegen wird — allerdings in sehr verschiedener Weise — für den religiösen Unterricht auch der israelitischen Schüler und Schülerinnen gesorgt. Das eigentliche jüdische Erziehungs- und Unterrichtswesen beschränkt sich also jetzt darauf, dem Bedürfnisse religiöser Bildung Rechnung zu tragen. Das geschieht allgemein durch Religionsschulen, Lehrer- und Rabbinerseminare. Erwähnung verdienen auch die von einigen Gemeinden getroffenen Veranstaltungen, welche bezwecken, den Schülern einen über das gewöhnliche Maß hinausgehenden Religions- und zugleich die Wohlthat eines mit Vorrechten ausgestatteten höheren Unterrichts zu theil werden zu lassen. Es sind dies die Realschule der israelitischen Religions-Gesellschaft in Frankfurt a. M., die Talmud-Thora-Schule in Hamburg, die israelitische Bürgerschule in Fürth, ferner die im Besitze eines Privatmannes befindliche Erziehungs¬ und Lehranstalt in Pfungstadt und die Anstalt in Gailingen. Die Talmud-Thora-Schuten in Höchberg, Burgpreppach und Schwabach, die ursprünglich eine ähnliche Tendenz verfolgten, sind jetzt hauptsächlich Vorbereitungsschulen für Lehrerseminarien. Mit der Errichtung jüdischer Elementarschulen wurde auch das Bedürfniß nach Anstatten zur Ausbildung jüdischer Lehrer rege. 1809 wurde das Caffeler Seminar gegründet. 1840 erstand das Breslauer Seminar unter Zunz. Das Hannoveraner Seminar genießt Subvention von der Provinz. Cassel, Hannover und Breslau haben eigene Prüfungskommiffäre, während die Seminare zu Münster, Köln und Würzburg lediglich als private Vorbereitungsschulen gelten und keine eigenen Prüfungskommiffäre besitzen. Württemberg und Baden, auch das Reichsland haben im Anschluß an öffentliche Seminare ebenfalls Veranstaltungen für die religiöse Bildung. Im Zusammenhang mit dem Eintritt der deutschen Juden in die moderne Bildung entstand ferner das Bedürfniß nach wissenschaftlich gebildeten Rabbinern und nach Anstalten für deren Ausbildung. Das älteste Rabbiner- Seminar ist das jüdische theologische Seminar Frankelscher Stiftung in Breslau, 1854 ins Leben gerufen. Es entstanden die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums und das Rabbinerseminar des Dr. Hildesheimer zu Berlin. Die Rabbinerschule im Kolmar ist zu einer Vorschule und Lehrerbildungsanstalt geworden. Rach einer Pause von 10 Minuten erstattete Herr Weiler—Nördlingen sein Referat: „Die Geograhie von Palästina in der israelischen Schule:" Referent verbreitet sich zunächst über die Rothwendigkeit des Geographieunterrichts im Allgemeinen und kommt mit Rücksicht auf den Zweck der Religionsschule zu dem Resultate, daß in der israelitischen Religionsschule die Geographie von Palästina als Unterrichtsgegenstand ausgenommen werden müsse. Wir haben die Verpflichtung, nächst der Liebe zu unserem Vaterlande auch pietätvolle Anhänglichkeit für das hl. Land in die Herzen unserer Kinder zu pflanzen. In den Schulen anderer Bekenntnisse geschähe mehr für die Kenntniß des geographischen Unterrichts von Palästina als in den jüdischen, ebenso sei es auch hinsichtlich der Lehrmittel. Das Judenthum rnüsse Palästina unbedingt als den Kulminationspunkt seines religiösen Wünschens und Höffens anerkennen. Zur Erreichung dieses Zieles könne der geographische Unterricht mit beitragen, weil derselbe religiöse Gedanken und Empfindungen errege. Zur Begründung seiner Ansicht führt Ref. die Aussprüche verschiedener Pädagogen an, so Zerrener, Dinier rc Zu dem praktischen Standpunkte, die Kinder nicht ganz ohne geographische Kenntnisse von Palästina zu lassen, komme noch der Umstand, daß es der Würde eines jeden Juden wenig entspräche, wenn er nicht dafür sorge, das Land seines Ursprungs, die