Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1898)
- Date
- 1898-03-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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433 Oester r. U ngar. Monarchie. V. Wien, 14. März. Ain 14. v. M. wurde die Colporteursgattin Anna Wlesek in der Stumpergasse Nr. '23. eine Jüdin, von ruchloser Hand ermordet. Am 18. Februar fand auf der israelitischen Abtheilung des Centralfciedhofes das Leichenbegängniß des unglücklichen Opfers statt. In einem Zeitungsbericht über diese Ceremonie heißt es: „Der Sarg wird in die Grube gesenkt. Kein Prediger ist hier, welcher der durch frevelhafte Mörderhand um's Leben Gekommenen einen letzten Nachruf halten würde. Es sind ja arme Leute, die sich das nicht leisten können." Nach alter jüdischer Sitte wurden die Erschlagenen, die durch Mörderhand dem Leben Entrissenen stets als Heilige betrachtet und die Kinder solcher Unglücklicher wurden als Kinder von Heiligen zur Thora aufgerufen. Wie komnrt es nun, daß die Cultusgemeinde, respektive die „Chewra-Kadischa", nicht für ein würdiges Leichenbegängniß der armen Wlefek Sorge getragen hat und daß nicht ein Prediger entsendet wurde, um dem schwergebeugten Gatten und den übrigen Hinterbliebenen den Trost des Gotteswortes in's Herz zu lenkend Wenn einer gewissen Gesellschaft der Mensch erst beim Baron anfängt, so muß man doch hier fragen, ob der demokratische Charakter des Judenthums schon so weit verloren gegangen ist, daß für die Repräsentanz desselben der Jude erst bei einer bestimmten Steuerleistung anfängt? Ein anderer Fall! Vor Monaten wurde hier ein hoher jüdischer Offizier mit allen militärischen Ehren begraben. Aber die Angehörigen waren zu arm, um dem tapferen Soldaten, der nicht nur den Rock des Kaisers, sondern auch den Namen eines Juden in Ehren getragen, durch einen Prediger einen Nachruf halten zu lassen. Nur die Gewehrsalven kündeten von seinen militärischen Tugenden, seine edlen menschlichen Eigenschaften blieben unerwähnt. Ist das nicht eine Entwürdigung unser selbst? Warum bestellt die Cultusgemeinde nicht einen Prediger, der in solchen Fällen zu interveniren hätte, da man ja den vielbeschäftigten Rabbinern nicht auch noch solche außerordentliche Funktionen zuweisen kann? Hat der Arme, der sein Leben in harter, aufopfernder Arbeit, in treuer Erfüllung seiner Pflichten gegen die Familie und den Staat verbracht hat, ein geringeres Anrecht auf die Achtung der Nachlebenden, als der Reiche, dem die Erfüllung dieser Pflichten um so Vieles leichter fällt? Frankreich. 8. Paris, 14. März. In der Berathung über die Umgestaltung der Pariser Börseneinrichtungen, das heißt kurz gesagt über die Erwürgung der Kulisse, erzählte einer der Redner, der Abgeordnete Crömieux, eine Anekdote, die Helles Licht auf die eigentliche Beweggründe dieses Feldzugs gegen die Kulisse wirft. Zur Zeit, als Herr Rouvier Finanzminister war, wünschte er, daß ein Mann, dem er wohlwollte, als Börsenmakler in Paris zugelassen werde. Das geschieht in der Weise, daß der Bewerber zunächst eine der 60 Maklerstellen kauft (gegenwärtig beträgt der Preis zwischen 600,000 Fr. und einer Million; eS gab Zeiten, in denen für einzelne Stellen bis zu 21/* Millionen bezahlt wurden), was er indeß nur thun kann, wenn die Körperschaft diet gestattet. Haben die Makler die Aufnahme des neuen Mitgliedes einstimmig oder doch mit Stimmenmehrheit beschlossen, so schlägt ihn der Syndikus der Körperschaft dem Finanzminister zur förmlichen Ernennung vor, die bisher noch nie versagt worden ist. Der Bewerber, den Herr Rouvier empfahl, war reich, makellos, geborener, nicht etwa naturalisirter, Franzose, aber — Jude. Daran scheiterte die Sache. Die Makler wollten keinen Juden unter sich dulden und wiesen den Bewerber trotz der Empfehlung des Finanzministers zurück. Herr Rouvier stellte den Syndikus zur Rede, und dieser entschuldigte die Abstimmung seiner Genossen damit, daß der Bewerber — kurzsichtig sei und im Börsensaale Abgeber von Käufern nicht würde unterscheiden können! Herr Rouvier bestand auf seinem Willen und forderte eine neue Abstimmung. Sie fand statt, und sein Schützling erhielt diesmal eine Stimme. Aber nach der Sitzung kamen ungefähr alle Makler zu Herrn Rouvier, und jeder vertraute ihm an, daß die eine Stimme für seinen Empfohlenen von ihm abgegeben worden sei. Da» amtliche Börsenpersonal in Paris ist rein christlich und will es bleiben. Die einzigen Juden, die man in den Säulengängen und Sälen des griechischen Tempels am Börsenplätze antrifft, sind die freien Vermittler der Kulisse und ihnen soll nun auch das Handwerk gelegt worden. Man sagt nicht ausdrücklich, daß man die Börse judenrein machen wolle; man begnügt sich damit, gegen die Kulissier» al» Ausländer zu hetzen, denn man uriheilt, daß dagenüge, um die gewünschte feindliche Stimmung gegen sie zu erregen. Man sieht gewöhnlich Börsenleute und Juden als gleichbedeutend an. Paris bietet das Beispiel einer der ersten kontinentalen Börsen, vielleicht der ersten, dar, die grundsätzlich keinen Juden als amtlich bestellten Makler zuläßt. Dar hat diese Börse nicht vor wilden Schwindelspekulationen gerade im Parkett, vor ungeheuren Zusammenbrüchen gerade in Parkettwerthen und vor Gaunereien der Maklerfirmen bewahrt, von denen eine der größten, die Firma Bcx, erst vor wenigen Jahren unter besonders häßlichen Umständen in Trümmer ging.? Montpellier. Am 23. Februar begann hier die Schwurgerichtsverhandlung gegen die sieben