Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-03-21 · Heft 23 (21.3.1898) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 23 (21.3.1898)
Date
1898-03-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448880--45675-2495982
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

432 an der Sonne getrockneten Lehmziegeln, die Errichtung des ersten Gotteshauses in der Goldstadt. Die Juden wrren infolge ihrer engen Beziehungen zu allen Theilen des Landes natürlich in bevorzugter Stellnng bei der Entdeckung der Goldfelder, so daß es eine erklärliche Erscheinung ist, daß in ihrm Händen die Antheilscheine der ergiebigsten Goldgruben ruhen. Auch an dem ungeheuren Aufschwung des' wirthschaftlichen und geschäftlichen Lebens nahmen sie nutzbringend Theil, so daß heute von den Pfundmillionären des Goldlandes zwei Drittel Israeliten sind. Ich nenne nur die Namen Goldmann, B^st, Albu, Rosenthal, Günzburg, Görz und Montefiore. Leider hat das Gold viele der Männer verleidet, durch den Umgang mtt den religiös indifferenten Engländern, in deren Gesellschaft zu glänzen sie einen Ruhm suchten, der Religion und vor allem der strikten Befolgung der Gesetze sich zu entfremden. Die jüdische Mitteiklaffe und die Frauenwelt sind aber noch durchweg tief religiös und bieten der Gleichgiltigkeit der sozialen Streber gegenüber ein erfreuliches und gedeihliches Gegengewicht. Politisch ist das Judenthum in Transvaal in zwei Lager getheilt; die an der Goldindustrie hauptsächlich betheiligten Kreise unterstützen die Forderungen der Engländer, der sogenannten Uitlanders-Partei, während die übrigen den Boeren beipfl'chten. daß sie das Wohl des Freistaates den Interessen des Kaplandes unterordnen. Sollte der Bergbau schließlich die gehegten Erwartungen täuschen, so würde die zusammengewürfelte Schaar der Goldhungrigen dem Lande den Rücken kehren uud den Boeren überlassen, sich aus der Klemme und der Schuldenlast zu ziehen. Dem Geburtslands nach sind wohl die meisten Israeliten Deutsche, und sie waren auch die Ersten, welche Handelsverbindungen mit Deutschland Unterzeichneten, z. B. liefert eine jüdiscke Peitfchenfabrik in Eschwege fast die sämmtlichen Wagenpeitschen, nach Südafrika. Für deutsche Unterstützungsvereine, sowie auch zur Linderung des Nothstandes der Boeren in den politischen Bezirken, wo Dürre und Heuschrecken, Obst und Getreide vernichteten, die Rinderzucht, die Heerden dahinrasst und mehr als 8000 Boeren und Koffern an dem Malariasieber starben, haben die Juden des Transvaal's ganz bedeutende Summen gespendet. Sehr viele Israeliten besitzen iln Freistaate das Bürgerrecht, was zu erlangen Ausländern sehr schwer fällt, und sind angesehene Mitglieder des Volksraad, deren Worten man mit Spannung lauscht. Peinliche Vergleiche müssen sich den Herren auforängen, wenn sie an die Heimath denken, wo selbst eine judenfreunüliche Fraktion aus OpportunilätSrücksichten jüdische Kandidaturen zu Hintertreiben suchen. Man begreift im Schwarzen Erdtheile nicht, daß sich eine Religionsgenossenschafr eine Vertretung verweigern läßt, welche die unausgesetzt gegen sie geschleuderten Schmähungen öffentlich widerlegen könnte, und dieses zu einer Zeit, wo eine andere Religionsgenossenschaft, die Katholiken, in lärmendster Weise ihre Paritätsklagen Vorbringen. O. Kalt—Reuleaux. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen: Deutschland. cf- Erfurt, 17. März. Die in Weimar erscheinende Zeitung „Deutschland" brachte folgende Mittheilung: „Hierselbst verstarb Frau Wwe. Bankier Cäcilie Callmann geborene Hirschberg. Als Tochter eines Buchhändlers in Bromberg 1824 geboren, heirathete sie im Jahre 1847 den 1869 verstorbenen Bankier August Callmann. Schon im Kriegsjahre 1866 hatte sie sich als echte Patriotin ausgezeichnet und ganze Compagnien preußischer Landwehr, welche am Ettersberg um Weimar auf Vorposten lagen, aus eigenen Mitteln mit Nahrung:c. versorgt. Eine größere Thätigkeit entfaltete sie in den Kriegsjahren 1870/71. Ihr Haus am Markt bildete eine große freiwillige Arbeitsstätte für Verbandartikel und Unterzeug der Truppen im Felde. Aus allen Straßen der Stadt kamen die Damen, alt und jung, herbei, zu helfen und unter ihrer Anordnung zu arbeiten. Viele Nähmaschinen gingen Tag und Nacht, und im kleinen Garten saßen Kinder, Charpie zu zupfen. Wer etwas übrig hatte, brachte es zu Frau Callmann, dort wurde alles noch verarbeitet, alles für die Braven im Felde hergerichtet, und allwöchentlich gingen viele große Kisten fertiger Maaren an das Bezirkscommando zur Weiterbeförderung in Feindesland. Das waren die Thaten, mit denen die biedere Frau an die Oeffentlichkeit trat. Ihrem Rufe folgten gern Weimars Bürgerinnen zu neuer Arbeit. Gar manche Thräne verschämter Armen linderte sie im Stillen, keine Bitte ging unerhört an ihrem Ohre vorüber. Neben reichen Auszeichnungen vom verstorbenen Kaiser Wilhelm und der Kaiserin Augusta. von unserem Großherzog und der hochseligen Frau Großherzogin, aus welche sie in den letzten Tagen mit großer Freude zurückblickte — ihre Schulter zierte das eiserne Kreuz für Frauen und Jungfrauen, der großherzoglich sächsische Verdienst-Orden für ruhmreiche Thätigkeit im Kriege und die Kriegsmedaille von 1870/71 — ist ihr auch mancher schwere Schicksalsschlag nicht erspart geblieben. Ein langes Leiden erlöste ihr irdisches Sein im 74. Lebensjahre. Möge sie sanft schlummern!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.