Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1898)
- Date
- 1898-03-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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LLXIX. Jahrgang. Erste Beilage M Jff 23 -es „Israelit". Feuilleton. jüdisches Leben und Mirken in Transvaal.*) (Nachdruck verboten.) Allgemein hat sich unter dem Publikum die Ansicht verbreitet, daß die Gewinnung der Boeren zu einer höheren Kulturstufe, das Emporreißen aus ihrer urwüchsigen Vedürfnißlosigkeit das Verdienst der Engländer sei. Jeder, der mit den Verhältnissen des Binnenlandes, des nördlichen Hochplateaus, also dem drei Viertel des Freistaates bekannt ist, wird dieser Anschauung nicht zustimmen, sondern den jüdischen Händler als Bannerträger moderner Kultur und als versöhnender Mittler im nationalen Streite bezeichnen. Britischer Einstuß machte sich nur geltend in dem südlichen Goldbezirke des Witwaterandgebirges und etwa noch auf dem Vikaap-Goldfelde im Westen; aber auch dort nur in zweiter Linie, nachdem der Jude schon Jahrzehnte hindurch durch seinen Verkehr mit dein Volke den Boden für die Saat beackert hatte. Juden aus Holland, Hamburg und Süddeutschland, namentlich auch aus Frankfurt a. M, waren schon in den dreißiger Jahren als Agenten von Exporthäusern der Hafenstädte in gewisser Anzahl angelangt, hatten sich schließlich in Kapstadt, Port Elizabeth und East London selbständig gemacht und prosperirten dank ihrer Nüchternheit und ihres Fleißes. Ihre Briefe mit Schilderungen des Landes und der Geschäftsverhältnisse veranlaßten allgemach auch Familienangehörige und Freunde nach Südafrika auszuwauderu. Der Hauoelsverkehr mit den Boeren, die im Jahre 1837 sich von der britischen Herrschaft lossagten und auf der Hochebene jenseits der Flüsse Oranje und Voal zwei unabhängige Freistaaten bildeten, gestaltete sich infolge der Entfernung und des bis in die Neuzeit sich erstreckenden Mangels an Bahnen oder Postverbindungen sehr schwierig. Die jüdischen Geschäftsverbindungen waren es nun, die zuerst eineil Hausirhandel behufs Anstellung des Verkehrs einrichteten. Die frisch gelandeten Glaubensgenossen oder ailch andere Personen erhielten mehrere der gewaltigen, grellroth bepinselten und mit 16 bis 20 Ochsen bespannten Planwagen mit eineul wohlassortirten, alleil erdenklichen Bedarfsartikeln umfassenden Waarenlager bepackt und zogen *) Verfasser ist Nichtjude. Red. des Israelit. nun los in's Innere, besuchten die zerstreut, oft meilenweit von einander entfernten Gehöfte und versorgten die Landbewohner mit Allem, von der Büchse und Munition bis zum Pfluge und der Stecknadel. Da die Boeren Baargeld nicht besaßen, so tauschten sie Landesprodukte ein: Mais, Geflügel, Dürrobst, Pferde, Schafe und Rindvieh, die später in den Städten wieder verkauft wurden. Als sich dieser Handelsverkehr ausdehnte und die Hausirer oft dreizehn Monate andauernde Handelszüge unternehmen mußten, stellte sich das Bedürfniß heraus, an zentral gelegenen Plätzen des Binnenlandes Waarendepots zu errichten, wo die Händler ihre erschöpften Lager wieder ergänzen und auch die Landesprodukten abliefcrn konnten. Diese Handelsstationen der jüdischen Geschäfte bildeten häufig den Kern, um den sich Handwerker u. s. w. versammelten und die später allmählig zu Landdrosteistädten auswuchsen. Diese Händler besaßen das unbedingteste Vertrauen der Boeren, denen sie in allen Schwierigkeiten des Lebens Rath ertheilten. Herr I. Salomon, der greise Theilhaber der Firma Rosenthal und Susman zu Salisbury in Betschuanaland, des ersten Geschäftes am Platze, hat mir oft von diesen jahrelangen Handelszügen erzählt und immer wieder erwähnte er die Thatsache, daß nur allein die Frömmigkeit, die strenge Beobachtung der Gebote, den Juden das Vertrauen der Boeren errungen, die selbst sehr gläubige, leider gegen Andersgläubige oft etwas intolerante Kalvinisten find. Gerade der religiöse Jndifferentismus der Engländer und anderer Einwanderer nach der Entdeckung des Goldes, hat zum großen Theile die Abneigung der Boeren gegen die Ausländer entfacht. Die jüdischen Gemeinden, von denen viele Angehörige spanischen Ursprungs waren, hielten ihre Gebote mit peinlicher Genauigkeit und die Hausirer wichen trotz allen sich aufthürmenden Schwierigkeiten nicht von den Gesetzen der Diät auf ihren Handelszügen ab. Eine Folge der Ungebildetheit der Boeren, die nur nothdürflig zu lesen und schreiben vermochten, für fernerliegende Dinge kein Interesse hatten, war der enge Zusammenschluß, fast möchte ich sagen, eine cegen die Außenwelt hin sich bekundende Abgeschlossenheit, die dazu beitrug, den religiösen Eifer nicht erkalten zu lassen, die Wankenden zu stützen. Synagogen und Schulen wurden gegründet und auch sonstige Anstalten für Stiftungen. Als Johannesburg, welche Stadt heute $0,000 Einwohner zählt, mehrere Theater, vorzügliche Hotels, Wasserleitung, elektrische Beleuchtung und elektrische Straßenbahnen besitzt, im Jahre 1889 aus nur wenigen Wellblechhäusern bestand, begann man schon den Bau einer Synagoge aus