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Der Israelit · 1898-03-21 · Heft 23 (21.3.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 23 (21.3.1898)
Date
1898-03-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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429 öffentlichen Leben Dürkheim's eine Rolle. Er war in die städtischen Körperschaften gewühlt worden und wußte sich diese Ehre durch eifrige Theilnahme an allen öffentlichen Angelegenheiten, sowie durch seine offene Hand, die von ihrem Neichthum stets zu geben bereit war, auf lange hinaus zu erhalten und sich in den Augen aller wohlwollenden Bürger würdig zu zeigen. Er war ein eifriger Vertheidiger dieses neuen Geistes, von dessen Verbreitung er das einzige Heil für seine Religionsgenossen erhoffte. „Man muß sich assimiliren", war sein Wahlspruch. Wie er das meinte, wußte der gute Mann gewiß selbst nicht anzugeben. Ob er damit nach dem Beispiel, welches er selber gab, die Vordringlichkeit meinte, durch welche der Jude in eine Reihe mit seinen christlichen Mitbürgern gelangen solle, um dann doch heimlich verspottet und ausgelacht zu werden, oder ob er mit diesem Wahlspruch noch weiter ging und sogar die Annahme der christlichen Religion, den völligen Glaubensübertritt als wünschenswerth bezeichnete, das war nicht klar. Genug, daß er selbst seinen jüdischen Mitbürgern ei» lebendiges Beispiel gab, wie man sich als Jude eine Stellung erwirbt, mitten in einer christlichen Stadt und in einer christlichen Verwaltung. — Für den kleinen Julius war unter diesen Umständen der Tod der Eltern und die Aufnahme in Steinhards Haus verhängnißvoll. Die neue Sphäre, in die der Knabe kam, vernichtete das kaum entfaltete religiöse Gemüth unb fuhr wie ein eisiger Wind über die warmherzigen religiösen Lehren hinweg, mit dem die frommen Eltern das Herz des Kindes erfüllt hatten. Des Kindes SeKe ist wie ein unbeschriebenes Blatt. Die Schrift, die aus dem Seelenblatt des kleinen Julius geschrieben stand, hatte sich noch nicht so tief eingegraben, als daß sie nicht durch die gewaltsame, mörderische Hand der Gleichgültigkeit und der religiösen Verblendung völlig ausgelöscht werden konnte. Eine neue Schrift zeigte sich auf ihm und sie ward zur Schrift des Lebens. Steinhard war Junggeselle geblieben und hielt sich eine christliche Haushälterin. Die Emanzipirung von den Speisegcfetzeu war eine der Neuerungen, durch die Bankier Steinhard dem neuen Geist Rechnung trug und mit denen er die trennenden Schranken einzureißen vermeinte, die sich haushoch thürmten zwischen Juden unb Christen. Daß wir mit den Andersgläubigen nicht an einem Tische zu effen vermögen, war ihm das nationale Unglück in seiner höchsten Potenz, und die Entfernung dieser Schranken und die Beseitigung dieses Unglücks galt ihm als das höchste Verdienst des modernen Juden. So bereitete er sich daun in seinem Privatleben würdig vor auf diese rettende Heldenthat und hielt sich eine christliche Haushälterin. In den Augen des kleinen Julius war Susanne, ein Fräulein von 45 Jahren, des Onkels Frau, genau wie im Elternhause die Mutter die Frau des Vaters gewesen war. Zu Anfang gefiel es Julius recht gut beim Onkel; der Onkel war lieb zu ihm und das Leben in der Stadt bot dem erstaunten Auge des Kindes manche Neuigkeit, manchen ungekannten Eindruck; das war doch alles so ganz anders wie in dem öden Heimathsdorfe, wo die niedrigen Häuschen die ungepflasterte Landstraße flankirten und die Gänse gackernd durch das Dorf trotteten. Hier sah man Menschen, sah man ein reges, geschäftliches Leben, hochgiebliche Häuser, gepflasterte Straßen, von allerlei Fuhrwerk in flottem Laufe durchsaust. Manchmal, wenn er auf dem Wege zur Schule war — er besuchte die unterste Klasse des Gymnasiums — blieb er in den ersten Tagen staunend stehen und sah sich das wundersame Treiben an, die Menschen stießen ihn schier vom Trottoir herab, er aber stand und schaute — eine neue Welt! Und auch in des Onkels Haus war alles so gauz anders als bei den Eltern. Der Vater war doch am Freitag Abend immer nach der Synagoge gegangen und er hatte mitgehen und ganz vorn in der sogenannten Kinderbank stehen dürfen neben seinen Attersgenoffen, dem kleinen Emil Schlesinger und dem verwachsenen Aron Bär! Und dann, wenn der Vorbeter mit dem letzten Kaddisch geschloffen und er mit seiner Kameraden ein kräftiges letztes: „Omen" gerufen hatte, dann war er immer stolz an des Vaters Seite getreten und hatte das Köpfchen geneigt, daß die segnende Vaterhand sich b«rauf lege, war munter plaudernd neben dem Vater nach Hause gewandert unb hatte mit einem jubelnden „Gut Schabbes" die Mutter begrüßt, und die strahlenden Lichtlein und den linnenbedeckten Tisch-o, wie schön das Alles gewesen war! Warum nur der Onkel niemals mit ihm nach der Synagoge ging? Gewiß, Emil und Aron sind immer da und warten auf ihn. Und hier zu Hause niemals ein Sabbatlichtchen — keine wohlschmeckenden Barches — keine segnende Vaterhand — kein liebendes Mutterherz-! Die dumme Susanne stand immer in der Küche und kochte — wahrhaftig, es war doch nicht schön beim Onkel, und wenn nicht die Straße gewesen wäre mit den neuen Menschen und den vielen niegesehenen Dingen, es hätte dem kleinen Julius in Dürkheim gar nicht gefallen. Und wie mit den trauten Freuden des Freitag- Abends, ging es Julius mit tausend andern Dingen im Hause des Onkels. Da gab es keine Chanukkalichtchen anzuzünden, da durfte er nicht am Simchas Thora, mit einem Tallis augethan stolz und erhobenen Hauptes der Minute harren, wo er mit den anderen Knaben den Segensspruch über die Thora hersagen durfte — genau wie ein Großer! Da gab es kein

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