Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-03-21 · Heft 23 (21.3.1898) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 23 (21.3.1898)
Date
1898-03-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448880--45671-2495978
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

428 herauszugeben, wodurch alles geordnet wird, wogegen sie sich in dem zweiten desien weigert. Wie hieraus ersichtlich, hängt alles für die Juden von den Launen der Beamten ab. Aus Staray-Sinawa kamen die zahlreichsten Klagen. Was sich dort zugetragen, ist geradezu lächerlich. Die Register wurden von einem Phantasten geführt, der sich 80 Jahre hindurch damit amüsirt hat, Leuten Kinder zuzufchreiben, die sie niemals hatten, Mädchen unter die Knabenrubrik zu schreiben. Bei den Geburten Zwillinge oder sogar Drillinge daraus zu machen. So sieht eine alte Jüdin, die seit 25 Jahren Wittwe ist, eingeschrieben mit zwei 21 jährigen Söhnen; einMclamed, der die Geburt von zwei Töchtern gemeldet, sieht aufgeführt mit drei Söhnen; einem alten Wasserträger, der niemals Kinder gehabt, werden zwei Söhne zugeschrieben u. s. w. Die Verstorbenen endlich sind niemals aus den Registern entfernt worden. So war dann Staraga-Sinawa vorgemerkt und um ein Contingent von 214 jungen Israeliten zu stellen, wogegen es deren nur 64 aufzustellen hatte. Natürlich wurden alle jungen Leute eingestellt, selbst diejenigen, die berechtigt waren freizukommen. Was aber das Schlimmste ist, die Eltern dieser zusammen phanlasirten Rekruten, sie seien nun tobt, oder überhaupt aus der Luft gegriffen, wurden mit 800 Rubel Strafe belegt, wegen Nichterscheinens. P a l ä st i n a.? Jerusalem. An die außergewöhnliche Witterung dieses Jahres werden die Bewohner Palästinas noch recht lange denken. Eine Kälte, wie in diesem Jahre, haben wir hier noch llicht erlebt. Leider sind wir hier auch garnicht darauf eingerichtet, und trotz Heizens blies der eisig kalte Nordostwind durch die wenig dichten Thüren und Fenster. Selbst in Jaffa hat es geschneit, was noch nie oagewesen ist, so daß die Eingeborenen das unbekannte „Etwas" angestaunt haben, es anzurühren, hüteten sie sich alle. Sogar in Jericho, das doch sehr tief liegt, sind viele Bäume erfroren. In Damaskus soll der Schnee fußhoch gelegen haben. Auch in Jerusalem fiel wiederholt viel Schnee und die Kinder jubelten über handlange Eiszapfen. Die Preise stiegen auf dem Markt, weil das Unwetter den Verkehr hindert. Die armen Leute litten sehr durch diesen ungewohnten „deutschen Winter", auf den man hier so wenig eingerichtet ist, weder Mensch noch Thier oder Pflanzen, weder Haus noch Kleidung. Einige arme Juden sind unter Schneestürmen erfroren. In den Jardinieren, wo man sonst im Januar schon verschiedene Gemüse einerntete, um sie auf den Markt nach Jerusalem zu bringen, ist Schnee und Eis gewesen, was seit Menschengedenken nicht erlebt ist. Aber die kalte Witterung hat auch ihr Guter. Die Feigengärten des Gebirges Juda sind dadurch von der verderblichen Schildlaus befreit, die seit Jahren vielen Bäumen den Saft entzog, und keine guten Früchte reifen ließ. Und die sonst so schönen und fetten Saatfelder bei Madaba und weiter hinaus gegen Osten, die seit 7—8 Jahren von verheerenden Heuschrecken verdorben wurden, werden jetzt auch von diesem Feinde befreit, so daß der schöne Weizen früherer Zeit wieder zu erhoffen ist, was für Jerusalem wichtig ist. vermischtes. Schrimrn Herr Lehrer Neufeld wird mit dem 1. Juli l Js. pensionirt und wird alsdann die hiesige jüdische Elementarschule in eine einklassige Schule verwandelt. Seit ca. 3 Monaten schon ist genannter Lehrer beurlaubt und ertheilt Herr Lehrer Benjamin Falk den ganzen Unterricht. In Stampfen bei Prcßburg wurde in der jüngsten Generalveriammlung der Gemeinde und des Bezirkes, Herr Moses S. Herzog '"3, Rabbiner in Deva einstimmig zum Bezirks-Oberrabbiner gewählt. Der bisherige Rabbiner, Herr Samuel Wesel wurde Tags zuvor zum Oberrabbiner der Gemeinde Deva (Siebenbürgen) ebenfalls einstimmig ernannt. Beid- Herren Rabbincn werden am n"’N ID’J m ihren neuen Posten antrcten. .cntP’ö nun Feuilleton. Der Väter Schuld. Erzählung aus der Gegenwart. Von 6) SHH Arnold Mann, In einen: kleinen Orte der bayrischen Rheinpfalz war Julius Hohenthal geboren. Seine Eltern waren früh gestorben und er kam als zehnjähriger Knabe in das Haus eines Onkels in Dürkheim an der Haardt, der sich des verwaisten Neffen annahm und seine Erziehung zu leiten beschloß. Waren aber des kleinei: Julius Eltern fromme, gottesfürchtige Juden gewesen, Leute von jenem alten Schlage, der heute total auszusterben beginnt, einfache Leute, die ohne viel Bedürfnisse durch's Leben gehen, ihr Päckchen Sorgen auf dem Rücken, aber dennoch frohgemuth und gottergeben all ihre Lebtage, so hatte Onkel Steinhard, der Bruder von Julius' Mutter, bereits in seinen jungen Jahren dem neuen Geist Rechnung getragen, der im Gegensatz zu jener altjüdischen Genügsamkeit in der Brust des Menschen die Begierden aufstachelt, die Begierden nach Geld und nach Ehre. Steinhard hatte es bis zum Bankier gebracht und spielte in Folge seines freimüthigen Auftretens im

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.