Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1898)
- Date
- 1898-03-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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426 Sinne stattgefunden, ebenso wünscht er die Bewilligung der Kosten für die Festtage und für den Jugend - gottesdienst (Herstellung einer neuen Agende im konservativem Sinn) davon abhängig zu machen. Er findet aber keine Gegenliebe und die Sitzung wird wegen allgemeiner Abspannung geschloffen. Frankfurt a. M., im März. (Verspätet.) Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach am 28. Februar der letzte Redner dieses Winters Herr Cantor P. Klibansky von hier über das Thema: Die Melodien der Juden (erläutert durch Vorträge am Klavier). Die Musik oder Tonkunst und die Dichtkunst haben die Menschheit auf allen ihren Zügen begleitet und den Geist genährt, ehe er noch an die grobe Kost nüchterner Rede sich gewöhnt hatte. Sie haben, sobald die Religion ihre schützenden Fittiche über die Menschheit ausgebreitet hat, überall Wildheit gezähmt, Leidenschaft gefesselt und die Geister zur That entflammt Je tiefer wir heute nach den Ursprüngen aller Volksbildung und Gesittung spähen, desto lebendiger rauscht der Quell heiliger Dichtungen und Gesängen uns entgegen. Der Genius einer Nation bekundet sich vorzugsweise in den Klageliedern und Freudengesängen. Die Musik im Vereine mit der Dichtkunst fand erst im Tempel auf Moriah ihre höchste Weihe, feierte erst in den Levitenchören ihre höchsten Triumphe. Stets hat das gesangsfreudige Volk der Juden bei seinen Festen religiösen und weltlichen Schlages gesungen. Im Gesänge und im Zusammenklange der Instrumente wurde gleichsam das Aufjubeln des gequälten Herzens nach langer freudloser Arbeit vernommen. — Der Redner schilderte nun jene Melodien, jene einfach lieblich ernsten Weisen unserer Synagogengesänge, die seit Jahrhunderten mit mächtigem Zauber auf die Gemüther unseres Volkes eingewirkt und zu seiner Erbauung im gemeinsamen Gebet beigetragcn. Viele dieser Melodien tragen Spuren einer längst verschollenen Zeit an sich und die wenigsten derselben passen in unser Dur- und Mollsystem, ermangeln aber dennoch nicht mit ihren Halb- und Anderthalb- Tönen einer tonartlichen Basis. Die jüdischen Melodien tragen ein nationales Gepräge und ein elegischer Ton durchzieht fast alle vom Anfang bis zu Ende; „ein Ton, in dem Geschichte liegt." Diese Melodien scheinen wie Lieder, die sich improvisirt dem Herzen entreißen, und man begreift kaum, wie sich solche Tonergießungen durch lange Jahrhunderte fortpflanzen konnten, ohne je ausgeschrieben zu sein. Redner wies darauf hiu, daß sich die liturgischen Gesänge bei den Juden seit der Mitte des 8. Jahrhunderts d. g. Z. ausgebildet hatten, wie man sich infolge des Ausbaus des Gebetrituals gar bald genöthigt sah, die Blicke anderswo hinzulenken, um hier Brauchbares für die Synagoge zu finden, wie sich Jüdisches und Christlicher haß- und neidlos auf dem Boden der Tonkunst in unbeeinträchtigter Harmonie aneinanderschloffen, daß sich infolge der Uebereinstimmung von Melodien der katholischen und jüdischen Liturgie im Synagogengegesang „der Kreislauf eines gegenseitigen Empfangens und Gebens geltend gemacht hat." Die Peitanim sowohl als auch der gewaltige Umschwung auf musikalischem Gebiete ließen auch in den jüdischen Gesang neues Leben einziehen. Palästrina', Bach' und Händel', Haydn' und Mendelssohn'sche Musik haben verändernd auf die Melodien der Juden eingewirkt. Dazu kam noch, daß man es nicht verschmäht hatte, manche tanz- und marschartige Melodie, oder trillerreiche Opernarien beim Gebete zu verwenden. Selbst die Tonweisen ihrer Bedränger hatten die Juden nicht verschmäht und so begegnen wir häufig in den Synagogengesängen arabischen, proventzalischen, slavischen und deutschen Volksliedern. Der Redner brachte aus der Melodienfülle des Frankfurter Chasonis eine Reihe interessanter Beispiele. Auf dasselbe hat der noch jetzt in der Synagoge der JSraelit. Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. seit mehr als 40 Jahren wirkende Vorbeter Herr I. Friesländer einen großen Einfluß ausgeübt. Infolge einer veränderten Vortragsweise seiner Recitation, die eine geschmackvolle Verschmelzung alter Frankfurter Synagogenmetodien und solcher von Berlin, Hamburg und Karlsruhe sind, haben sich dieselben mehreren Generationen eingeimpft und sind im Munde aller geläufig geworden. Um die Erhaltung der unverfälschten alten Frankfurter Synagogen-Melodien hat sich Herr Alfred Geiger überaus verdient gemacht und durch deren Aufzeichnung einen äußerst werthvollen Beitrag zur Geschichte der Synagogen-Melodien geliefert. Redner demonstrierte mit Hülfe des Klaviers und Harmoniums, wie manches populäre Lied zu einer Duchonmelodie, wie mancher Armeemarsch zu einem Schlußkaddisch Verwendung fand. Redner erwähnte noch, daß erst in unserem Jahrhundert, das die Blüthe des Synagogengesanges genannt werden kann, der musikalischen Welt eine unerschöpfliche Quelle eigenartiger Musik erschlossen worden sei, die die Aufmerksamkeit nichtjüdischer Komponisten in hohem Maße hervorgerufen hat. Das überaus zahlreich erschienene Publikum folgte mit größtem Interesse dem äußerst interessanten und lichtvollen Vortrage. Reichster Beifall ward dem Redner zu Theil. e. Mannheim. Ich möchte an dieser Stelle auf einen Mangel aufmerksam machen, der sich in der hiesigen Gemeinde in empfindlicher Weise fühlbar macht. Es existirt hier keine Fleisch- und Wurst-