Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1898)
- Date
- 1898-03-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448879--45649-2495955- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
•' ^^M^WPWMWWWWMWMMW LUIX. Jahrgang. Erste Leilaye M J16 22 des JferntUT. [ Leitender Artikel Dor fünfzig Jahren. Niko lsburg, im März. Am 8. Oct. 1848 erließ Rabbiner Hirsch ^*atr von hier aus folgendes Rundschreiben: „An die ehrsamen israelitischen Gemeinden in Mähren. Geliebte Brüder! Der erste Kettenring unserer jahrhundertlangen Schmach ist gebrochen. — Dank dem Vater im Himmel, der uns zu jeder Zeit geführt. Das in der Brust der Völker neuerwachte Rechtsgefühl hat die ersten Früchte des Heiles uns gebracht. Mit an Einstimmigkeit grenzender Stimmenmehrheit haben die Abgeordneten des Volkes in der konstituirenden Reichsversammlung die Aufhebung aller Judensteuern ausgesprochen, und froh dürfen wir uns der Hoffnung hingeben, daß dasselbe Rechtsgefühl nunmehr auch bald alle anderen Fesseln und Schranken brechen werde, mit denen eine irregeleitete Vergangenheit in Wahn und Vorurtheil sich und uns herabgewürdigt; wir dürfen hoffen, die Zeit sei nicht mehr sehr ferne, wo dem Juden auch in unserem schönen Vaterlande voller, gleichberechtigter Theil an allen Pflichten und Rechten gegönnt sein werde, und wir als Menschen unter Menschen, als Bürger unter Bürgern, jedem redlichen und guten Streben gleichberechtigt unsere Kräfte zuwenden können. Allein, geliebte Brüder, dieser so sehnsüchtig von uns hergeigewünschte Sieg der Wahrheit über die Lüge, des Rechtes über die Gewalt, des reinen Gottbewußtseins über Vorurtheil und Wahn, wird uns nur dann zu Heil und Segen gereichen, wir werden uns nur dann seiner Wahrheit freuen können, ja wir werden uns nur dann seiner dauernd zu erfreuen haben, wenn wir als Juden aus dem Ringen um diesen Sieg hervorgehen, wenn wir als Juden die Früchte dieses Sieges genießen wollen, wenn wir mit doppeltem Ernst, mit doppelt entschiedener Kraft nun in dieser freiern Zeit die Erhaltung unserer Religion und ihrer Heiligthümer, die Vollendung aller hehren Ausgaben des Judenthums anstreben, und die Heiligthümer, mit innigster, lebendigster Liebe umklammern werden, für die unsere Väter und wir solch' jahrhundertlange Schmach erduldet. Denn wahrlich, meine Brüder, was hätten wir errungen, wenn wir nun, wo wir, so Gott will, bald freie Juden sein können, aufhören wollten, Juden zu sein! Mit Gleichgiltigkeit gegen unsere Gotteslehre hätte Jeder von uns schon längst die gleichberechtigte Stellung auf Erden erkaufen können, und es hätte nicht des jahrhundertlangen Ausharrens, desZ'jahrhundertlangen Duldens aller Schmach und allen Elends bedurft! Das fühlt gewiß ein Jeder von Euch, geliebte Brüder und gewiß täuscht die Hoffnung nicht, daß sobald wir nur erst das volle Recht, die volle Freihtit errungen, wir zuerst damit dem gütigen Lenker unserer Geschicke das Opfer unseres Dankes bringen werden, daß wir sodann in einträchtiger, brüderlicher Vereinigung alle unsere Kräfte dahin richten werden, nunmehr ein frischeres, lebendigeres Gemeindeleben in unserem jüdischen Kreise zu weilen, und auf freiem Boden alles Edle und Göttlichmenschliche unter uns zu Gott und Menschen erfreuender Reife zu entfalten. Allein, geliebte Brüder, die mancherortes in den jüngsten Tagen gemachten Erfahrungen lasten die Besorgniß nicht unbegründet erscheinen, es dürfte unsere Aufgabe in dieser neuen Zeit nicht überall und von Allen in solchem Sinne gefaßt und begriffen werden; es dürfte die Zeit der Freiheit leicht mißverstanden zu einer Zeit der Losgebundenheit und Lockerung des jüdischen religiösen Gemeindeverbandes werden, und den bedauerlichen, schmerzlichen Ruin alles dessen herbeiführen, was uns heilig und hehr, alles dessen, was unsere Stütze und unser Trost in den trüben Zeiten der Nacht gewesen, und das nun in dem Sonnenlichte der Freiheit nicht zu Grabe gehen, vielmehr zu erfrischtem erhöhten Dasein und Leben geführt werden sollte. Noch ist unsere Gleichstellung nicht in Wirklichkeit errungen, kaum ist die Steuerfrage voll gelöst, und schon zeigen sich hie und da in den Gemeinden Schwierigkeiten, die Domestikalbedürfniffe unserer eigenen innern Angelegenheiten wie bisher aufzubringen, schon will Mancher, da ihm die schmachvollen exeptionellen Steuern von den Schultern genommen, nun auch die ehrenvolle gerechte Bürde der Gemeinde« lasten von sich werfen, und von vielen Seiten sind hierüber bereits dem, von Euch, geliebte Brüder, mit der Wahrung Eurer Rechte betrauten Komitee Besorgnisse und Klagen eingelaufen. Das Komitee hat, seitdem es mit Eurem Vertrauen beehrt worden, unablässig den Gang unserer großen Angelegenheit verfolgt, und nichts verabsäumt, was nur irgend die Erreichung unseres Zieles fördern und entgegenstehende Bestrebungen zu vereiteln im Stande war. Seinen zeitgemäßen Schritten ist es auch mindestens zu verdanken, daß nicht § '! ’T s i.