Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1898)
- Date
- 1898-03-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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405 weltgeschichtlichen und kulturgeschichtlichen Wissen doch noch manche Lücke auszufüllen! Man konnte sich doch die Sache noch einmal näher ansehen, — plötzlich, mit einem Schlage stand vor Kurt's Seele der gestrige Abend mit seinem Glanz und seinem Schimmer; er durchtastete blitzschnell noch einmal das erhebende Gefühl der Genugthuung, welches seine Brust erfüllte, als der tosende Beifall seinen Worten die Zustimmung der erlauchten Versammlung ertheilte, als ihm die vielen Persönlichkeiten von Beruf und Namen ermunternd glückwünschend die Hände schüttelten. Teufel nochmal! Das waren doch auch Männer, die waren doch auch nicht auf den Kopf gefallen, nein, nahmen ja noch viel bedeutendere Stellungen ein als sein Vater, und doch hatten sie seinen Worten zugejubelt-Unter solchen Erwägungen erstickten dre guten Regungen, die der Rath auf einen Augenblick im Herzen seines Sohnes entzündet hatte, wie die Fünkchen unter der Asche. Dann flammte noch einmal der Glanz des Festabends vor Kurt's Augen auf, noch einmal dröhnte der Beifall in seinen Ohren, dann sagte er mit fester Stimme: „Meine Ideen sind nicht thöricht, Vater, es sind die Ideen der bedeutendsten Männer unseres Staates!" „Nun denn, mein Sohn" fiel da der Rath in höchster Aufregung ein, „wenn Du Deine Ideen nicht aufgeben willst, — — ich kann Dir's nicht verbieten, Gedanken sind zollfrei; auch daß Du sie im Freundeskreise, in Privatgesprächen zu verbreiten suchst, kann ich Dir nicht verbieten, schon deshalb nicht, weil ich es nicht kontrolieren kann und es mich nicht berührt; aber, wenn Du es noch einmal wagst, in der O e f f e n t l i ch k e i t ähnlich aufzutreten, wie gestern, dann bist Du mein Sohn nicht mehr!" „So hör' ich schon von diesem Moment an auf, es zu sein", ries Kurt dem Vater ins Antlitz und verließ mit dröhnenden Schritten das Gemach. Eine merkwürdige Ruhe überkam den Landgerichtsrath, nachdem Kurt so plötzlich verschwunden war. Mit bewundernswerther Schnelligkeit erinnerte sich der eifernde Mann, daß man drüben wohl auf ihn mit dem Mittagstisch warte; er ging noch ein paar mal nachdenklich in der Stube auf und ab und begab sich dann ruhig, als ob nichts vorgefallen wäre, in das Speisezimmer. Dort hatte die Frau Räthin inzwischen vor den Ihrigen die Vermuthung ausgesprochen, daß die ungewohnte Citirung Kurt's vor den Vater wohl mit der Festrede Kurt's Zusammenhänge. Sie hatte den staunenden Kindern eben erzählt, wie sich der Vater am Vormittag beim Lesen des Berichts erregt habe, als sie Kurt aus des Vaters Arbeitszimmer Herausstürzen und nach seiner eigenen Stube eilen hörten. Sofort ging Kettler zu Kurt auf das Zimmer und ließ sich von diesem Bericht erstatten. Kurt bat ihn, ihm vorläufig bei ihm Aufnahme zu gewähren, er werde das Haus des Vaters noch heule verlassen. Der treue Schwager kam ihm wohlwollend entgegen und erklärte sich mit Freuden bereit, ihn mit Rath und Thal zu unterstützen. Er ging zunächst in die Küche und bat dort, man möchte Kurt das Essen auf die Stube bringen. Der arme Junge hatte schon wieder — ungeachtet des Vorgefallenen — über seinen Mordshunger geklagt! Dann ging Kettler wieder nach dem Speisezimmer zurück, wo man gerade die Suppe aß. Keiner wagte ein Wort zu reden. Endlich, in der Pause vor den Fischen, wagte es der Schwiegersohn, den Vater zu interpellieren. „Ist doch wirklich komisch, Papa," sagte er in einer Art treuherzigen Tones, „daß Du um der Juden willen den armen Jungen aus dem Hause jagst —" Da geschah etwas Eigentümliches. Der kleine Konrad mischte sich in die Unterhaltung. „Wir haben auch Juden in der Tlasse," rief er mit frischer Stimme über den Tisch, „und der Dr. Müller uzt sie immer und da lachen wir fürstcrlis." Der Landgerichtsrath griff nach seinem Herzen, als hätte er dort einen Stich empfangen. Er war kreidebleich geworden, dann erhob er sich langsam, ächzend von seinem Sitz und ging wankenden Schrittes auf die Thüre zu. Wie gelähmt, keines Wortes mächtig sahen alle seinem Gebahren zu. Da, als er eben die Hand auf die Thürklinke legen wollte, sprang Kettler auf. Sr kam gerade noch zurecht, um den wankenden Schwiegervater in seinen Armen aufzusangen. Eine tiefe Ohnmacht umfing seine Sinne. III. Eine geisterhafte Stille herrschte in dem geräumigen Schlafgemach, in welches man den Landgerichtsrath Hohenthal gebettet hatte. Die scheinbar einfache Ohnmacht war in ein schweres Nervenfieber übergegangen, für dessen günstigen Verlauf nach den Anordnungen des Hausarztes, Sanitätsrath Ehrenberg, vor allen Dingen Ruhe, absolute Ruhe erforderlich war. Mit peinlicher Gewissenhaftigkeit kam man dieser Anordnung nach; kein Laut regte sich in der ganzen Wohnung. Die Linoleum-Läufer der Corridore wurden nochmals mit dicken Wollläufern belegt, schwere Portieren an den benachbarten Thüren angebracht, ebenso an den Fenstern, um den heraufdringenden Straßenlärm zu dämpfen, keiner wagte ein Wort zu sprechen. Man flüsterte nur. Der'Kranke lag in schweren Phantasien. Die Räthin, welche unermüdlich war in opfervoller Pflege