Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1898)
- Date
- 1898-03-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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892 Menge gegen sich gereizt. Als am nächstfolgenden Tage das in Bar le Duc lagernde 94. Regiment von einer Uebung zurückkam, wurde ihm zu Ehren eine große Demonstration veranstaltet, aber die auf« geregten Masten wandten sich plötzlich mit dem Geschrei „Nieder mit DreyfuS, Tod den Juden!" gegen das Haus, in dem Taubmann wohnt. Ehe der Polizeikommiffar, der mit seinen paar Gensvarmen der Menge gegenüber ohnehin fast machtlos war, es verhindern konnte, war das Haus gestürmt, ebenso eine Reihe von Läden der Nachbarschaft, in denen sich jüdische Geschäfte befinden. Mit Mühe wurde die Ordnung wieder hergeftellt, doch mußte der Kommissar mit Rücksicht auf die herrschende Erregung von Verhaftung der Rädelsführer Abstand nehmen, dagegen mußte Taubmann mit seiner Familie au« Bar le Duc flüchten. Gegen einige Rädelsführer ist ein Prozeßverfahren eingeleitet worden; aber man glaubt nicht, daß eine ernstliche Strafe gegen die Exzeventen ausgesprochen werden wird, ebensowenig, wie die wegen der antisemitischen Hetzversammlung vom 13. Februar zur Rechenschaft gezogenen Millevoye, Guerin, Regis u. a. m. etwas ernstliches zu befürchten haben.? Paris. Immer neue Details werden über die Unruhen in der Provinz Algier bekannt und jedes nette Faktum beweist, daß man durchaus auch in jüdischen Kreisen die Schwere des den Juden zugefügten Schadenebenso unterschätzt, wie die Gefahr für die Zukunft. Die schlimmste Thalsache ist, daß nicht nur die städtische Polizei, an deren Spitze notorische und berüchtigte Antisemiten stehen, dem Pöbel freie Hand ließ, nein, daß auch das Militär, wie übereinstimmend alle unabhängigen Berichte melden, nur sehr widerwillig und unter ernsten Anzeichen beinahe offener Widersetzlichkeit geger die Plünderer eingeschritten ist. Es ist diebegreiflich, denn sowohl die Gensdarmen, als die Zouaven werden aus Algier selbst rekrutirt und stehen unter dem Banne lokaler Vorurtheile und Gehässigkeiten. So war eS möglich, daß die Truppen sich die Taschen mit den Cigarren re. füllten, die ihnen die Plünderer aus einem jüdischen Geschäfte herausreichten, daß die GenSdarmen die Straße auf und ab patroullirten und den Straßendamm ihrem Befehle nach freiheilten, aber ruhig zusahen, wie gleichzeitig alle jüdischen Geschäfte in dieser Straße demolirt wurden. Wenn solch böser Wille unter den Organen des Staates vorherrscht, dann sind freilich die Aussichten der Juden auch in Zukunft sehr trübe. Es ist auch dafür charakteristisch, daß ein angesehener sozialistischer Abgeordneter Viviani, der Fraktionsgenoste des toleranten Jaures, bereits jetzt den Antrag auf Amnestie für di» wegen der Unruhen in Algier verurteilten Zedenten stellen konnte. Freilich Viviani ist in Algier gewählt und selbst so antisemitisch, wie ein Sozialist dies nur sein kann. Erfreulicherweise hat die Regierung die Ablehnung dieses Antrages bewirkt. Dabei ist das Elend der Juden, welche zum Theil bei der Plünderung um all ihr Hab und Gut gekommen sind, sehr groß, so daß sogar die protestantischen Missionäre in ihrem Organ „Reveil <T Israel“ die öffentliche Mildthätigkiit für dieselben anrufen. England.? London. In der Sitzung de« Board of Deputies kam neben anderen die Allgemeinheit weniger inleressirenden Sachen, ein Briefwechsel mit dem auswärtigen Amt zur Verlesung, aus dem wir entnehmen, daß nach den Berichten des englischen Gesandten in Teheran die Lage der persischen Juden sich etwas gebessert hat. Der Gesandte Mr. Hardinge hatte übrigens schon energisch eingegriffen, ohne die Aufforderung von London abzuwarten, wofür ihm seitens der Juden besonderer Dank gebührt.? London. Das Komitee für Religionsunterricht hielt am 3. März unter dem Vorsitz von Sir Henry Lukas eine Generalversammlung ab. In dieser berichtete der Vorsitzende, daß die Zahl der unterrichteten Kinder auf 5610 gestiegen sei und dementsprechend die Ausgaben auf 48 000 Mark. Leider ist die Zahl der Subskribenten eine viel zu geringe, und daher das Defizit chronisch. Der letzte öffentliche Aufruf hat ein geringes Resultat erzielt.? Leeds. Ein Fall religiöser Intoleranz, wie er in dem aufgeklärten England glücklicherweise höchst selten ist, bringt unsere Stadt in nicht germge Aufregung. Zwischen dem Jewish-Aoung-Men'« - Club und dem Ltberal-Club war ein Billard-Match verabredet, dessen erste Parthie im Lokale des jüdischen Vereins gespielt wurde. Alle Theilnehmer waren über die gute Aufnahme, die sie seitendiese» Vereins erfahren, einig, um so mehr aber überrascht, als der Vorstand de« Liberal-Club verbot, die zweite Parthie in seinen Räumen zu spielen, da er Juden nicht gestatten könne, seine Räume zu betreten und sich unter seinen Mitgliedern zu mischen. Die Beleidigung ist um so schwerer, als sie gänzlich unprovozirt ist. Die Sache hat gewaltige« Aussehen gemacht und wird begreiflicherweise von den Konservativen kräftig gegen die Liberalen aurgebeutet. Rußland.? Petersburg. In dem General W a n o w s k y, der kürzlich da» Kriegsministerium niedergelegt hat, scheidet ein arger Judenfeind au« der russischen Regierung. Gleich nach seinem Amtsantritt schrieb er vor die Zahl der jüdischen Militärärzte auf 6 Prozent zu reduziren, und da diese Zahl von 5 Prozent für jeden einzelnen Distrikt festgestellt w^r, mußten sich