Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1898)
- Date
- 1898-03-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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MMWWMWWWWWVWWWWWWWMWWWWWWWW 389 Hohenthal saß wartend in dem Polsterlehnstuhl vor seinem breiten Diplomatenschreibtisch, mit dem Rücken zur Thüre. Er drehte sich nicht um, als Kurt eintrat, sondern sprach nur, als ob er in die Lust rede, mit harter Stimme: „Setz Dich, Kurt." Kurt wurde die Sache immer räthselhafter. Jawohl, der Vater hatte ihn schon wegen manches dummen Streiches zur Rede gestellt. Aber dann hatte er ihnl väterlich auf die Schulter geklopft und ihn mit halbem Lächeln des rechten Weges gewiesen! Aber so? Der Vater kehrt ihm den Rücken zu, er rührt sich nicht?? Todtenstille herrschte in dem Gemach. Kurt erschrack förmlich vor der Stimme des Vaters, die jetzt noch viel härter klang: „Wer hat Dir Deine gestrige Festrede ausgearbeitet?" Ach so — das war's? Nun, sei muthig, Kurt, Du hast Wunder gemeint, was dahinter steckt! „Weshalb fragst Du mich das, Papa?" erwiederte Kurt mit einer Art falschen Pathos. Der Rath antwortete erst nach einer kleinen Pause, in der er sich zu besinnen schien: „Weil ich nicht hoffe, daß es Deine eigenen Gedanken sind, denen Du da Ausdruck gegeben Haft!" „Ich bedarf keiner geistigen Vormünder," kam es gemessen von Kurt's Lippen. Er wunderte sich selbst über den leisen Oberton sittlicher Entrüstung, der aus diesen Worten hervorklang. Das war sonst gar nicht seine Sache. Aber, er war in Bezug auf Anspielungen, die seine geistige Verfassung betrafen, etwas empfindlich, zumal er gerade bei seinem Vater das Gefühl hatte, daß dieser die wahre Beschaffenheit dieser geistigen Verfassung erkannte. Darauf schien der Vater aber jetzt nicht den Hauptwerth zu legen, denn er fuhr fort: „Ich sagte nur, ich h o f fe es nicht, daß es Deine eigenen Gedanken sind. Ich hoffe es nicht, im Interesse der Menschlichkeit, der Deine Aeußerungen in's Antlitz schlagen, ich hoffe es nicht, in Deinem eigenen Interesse, weil sie mir ein Beweis Deines perversen sittlichen Empfindens wären, und endlich in meinem und meines Hauses Interesse, weil ich mein Haus rein halten will von Rohheit und Schmutz —" Seine Stimme war während der letzten Sätze zu einem lauten Grollen angewachsen, vor dessen Macht Kurt förmlich erschrack, da er aus dem tiefen Ernst, mit dem der Vater sprach, ersah, daß ihm das Alles aus dem tiefsten Innern kam und er in vollem Maße den tiefen Gegensatz empfand, in dem diese Innigkeit und Ueberzeugungsfestigkeit des Vaters mit der Gedankenlosigkeit und Leichtfertigkeit kontrastirte, in der er die tausendmal ausgesprochenen Dinge, nur mit dem Schwulst schöner Worte verbrämt, wiederholt hatte. Diese Empfindung war in Kurt aber nur eine ganz unklare. In Wahrheit glaubte er sich in keiner Weise blosstellen zu dürfen, am allerwenigsten vor dem Vater, der ja offenbar ganz anderen Anschauugen huldigte, als diejenigen waren, denen er Ausdruck gegeben, und die in seinen studentischen Kreisen heimisch waren. Er hatte das Gefühl, daß er den scharfen Hieb des Vaters würdig parieren müsse, und so sagte er: „Wenn Du es Rohheit nennst, für das Wohl und die sittliche Festigung des Vaterlandes zu kämpfen, so ist das Deine Ansicht, ich aber, Vater, ich erkenne darin die höchste Aufgabe, die mir gestellt ist! Die Juden gefährden durch ihr schamloses Vordrängen den sittlichen Bestand des Vaterlandes, sie verpesten die Volksinstinkte und diese Juden bekämpfen, das nennst Du Rohheit? Ich nenne es ein Verdienst!" „Beweise mir Deine Voraussetzung" erwiederte der Rath mit eiserner Ruhe. „Run denn," begann Kurt, „die Juden wollen nicht arbeiten, das ist das erste. Sie verschmähen das Handwerk wie überhaupt jede körperliche Anstrengung, und gerade jenem Erwerbszweig, der am intensivsten die Arbeit des Körpers in Anspruch nimmt, dem Ackerbau stehen sie am fernsten-" „Sag' mal, Kurt" fiel der Rath hier mit starker Stimme ein, „warum'.studierst D u denn Jura, warum verschmähst Du denn einen Lebensberuf, der Deiner Hände Fleiß erfordert und wählst Dir einen, bei dem Du jeder körperlichen Arbeit aus dem Wege gehst? Warum, Kurt —?" „Run," erwiederte Kurt, der nicht recht verstand, was der Vater mit diesem Einwurf bezweckte, „nun, Vater, das fragst Du doch wohl nicht im Ernst?" „Im vollen Ernst" war die Antwort. „Run, das ist doch klar, Vater, weil ich glaube nur zu einem geistigen Berufe zu taugen, weil —" „Weil die ganze Sphäre, in der Du ausgewachsen und erzogen bist, Dich auf einen solchen Beruf hinweist", ergänzte der Rath. „Ganz recht" sprach Kurt. Da drehte sich der Vater zum ersten Mal um, indem er mit dem Sessel eine leichte Wendung zu Kurt hin machte. Dann sagte er mit starker Betonung : „Dich selbst entschuldigst Du mit der Erziehung, die Dir zu Theil geworden, mit den äußeren Einflüssen, an denen Du unschuldig bist, und die Dich einem geistigen Berufe zu- und von einem — sozusagen — körperlichen Berufe hinwegführen! Warum läßt Du dieselbe Entschuldigung nicht für die Juden gelten? Warum betrachtest Du ihre Berufsneigung