Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1898)
- Date
- 1898-03-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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WMWWWWM 388 England.? London Montag den 14. v. Mts. fand die Februar-Versammlung des Board of Guardians unter dem Vorsitz von B. L. Cohn statt, in der die wichtige Frage zur Sprache kam, ob die Schwindsucht unter den armen Juden des Ostends in der Thal bedenkliche Fortschritte mache oder nicht. Das SpezialcomitL, das den Auftrag hatte, den Sachverhalt festzustellen, hat nun nach mühsamer und eingehender Arbeit Bericht erstattet, und kommt zu dem Schluß, daß seit 1881 die Zahl der jüdischen Lungenkranken im Ostend Londons nicht mehr gestiegen ist, als das Verhältniß der jüdischen Bevölkerung es mit sich bringt. Der Bericht zieht in Betracht, daß die Gesundheitsverhältnisse in diesem Stadtviertel überhaupt ungesunde sind, daß die Wohnungen und Werkstätten außerordentlich eng sind, und daß viele der russischen und polnischen Einwanderer bereits die Krankheit auihrer Heimath mitbringen. Das SpezialcomitL schlägt eine Reihe von Maßregeln vor, welche wenigstendie Ansteckungsgefahr vermindern soll. Sprechsaal. Die „Vereinigung jüdischer Studierender", die trotz alter Schmähungen ihr Wappen hoch hält, unter dem sie die jüdischen Studenten Berlins zu vereinigen bestrebt ist, hat es gewagt, am schwarzen Brett der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthunls ein Flugblatt anzuheften, das zum Eintritt in den Verein auffordert. Dieses Flugblatt ist widerrechtlich von einem Dr. Silberstein, einem Gönner jener Anstalt, entfernt worden Wir sind wohl gewöhnt, daß unsere Anzeigen in der Universität von antisemitischen Nowdies beschmutzt werden; daß eine ähnliche Handlungsweise auch von einem jüdischen Theologen ausgehen kann, müssen wir zu unserem Bedauern konstatiren, diese Thatsache ist freilich eine traurige Konsequenz jener Verleumdungen, die stets gegen uns ausgestoßen werden, weil mir in ruhiger und niemals provocierender Weise das ungeschminkte, reine Judenthum vertheidigen. — Unsere Devise lautet: Hebung des jü» dischen Selbfibewußtseins und Studium der Geschichte und Literatur unseres Volkes. Wenn ein jüdischer Theologe gegen dieses Programm ankämpst, dann hat er sich selbst gerichtet. Um wenigstens einer unwahren Behauptung entgegen zu treten, erkläre ich, daß unser Verein nicht zionistisch ist, sondern daß er auf der breitesten Basts des Judenthums steht und jede politische und religiöse Ueberzeugung in seiner Mitte duldet, wenn sie nicht dem Judenthume feindlich ist. Max I u n g m a n n. eanä. meä, Vorsitzender der „Vereinigung jüdischer Studenten", Berlin, Elsaßerstraße 19. Vermischtes. Rom, 8. März. (Der Papst gegen den Antisemitismus) Wie aus ernster vaticanischer Quelle verlautet, bereitet der Papst eine Encyclica über den Antisemitismus vor. Den Antisemitismus bezeichnet der Papst als der Civilisation und den Doctrinen der katholischen Kirche entgegenlaufend. Dementsprechend werden die Katholiken vor dem Antisemitismus gewarnt werden. AeirMelott. Der Väter Schuld. Erzählung aus der Gegenwart. Von 4) Arnold Mann. ~ Als Kurt um 3 Uhr in die Wohnung zurückkehrte, waren die Mittagsgäste bereits angekommen. Man wartete nur noch auf die Ankunft des Rath'S um zu Tisch zu gehen. Der jetzt ausgezogene, breite Speisetisch war kostbar gedeckt, in der Ecke neben dem Buffet stand ein zierlicher Korb mit Wein in Flaschen, in dessen Nähe der Schwiegersohn des Hauses, Premierlieutenant von Kettler, einstweilen Platz genommen hatte, als wollte er den kostbaren, flüssigen Schatz vor allen Zufällen behüten. Frau Alice durchblätterte vorn im Salon, dessen Flügelthüren weit offen standen, die letzten Hefte der „Modernen Kunst", und der kleine Konrad vergnügte sich damit, an den Gedecken die Messer und Gabeln zurecht zu rücken und dann wieder zu verschieben. „Morjen Kurt," rief Kettler, als sein Schwager eintrat, „na, gratulire; hast Deine Sache fein gemacht." „Für jetzt," lachte Kurt, „wär's mir aber lieber, wenn's zu Tische ginge; ich habe einen Mordshunger! Weißt Du, Leo, solch' Frühschoppen ist doch eine famose Erfindung, der macht einen zu eiilem ganz neuen Menschen!" „Hast Recht, mein Sohn," sprach der Lieutenant, „doch ich glaube, eben kommt Papa," fügte er lauschend hinzu, als er Geräusch auf dem Corridor hörte. In der That trat die Räthin jetzt ein und bat zu Tisch, Papa sei soeben gekommen. Alles nahm Platz, und man wartete nur auf den Hausherrn. Der aber kam nicht, statt seiner kam das Matchen mit der Bestellung, der Herr Rath lasse den jungen Herrn zu sich bitten. Kurt erhob sich. Was konnte Papa von ihm wollen, jetzt, zu so ungewohnter Stunde, wo Papa doch wußte, daß man mit dem Mittagstisch auf ihn warte? Auch den Gästen fiel der sonderbare Zwischenfall auf, der ihnen heute doppelt unverständlich erschien; sie kannten ja die Genauigkeit und Liebenswürdigkeit Papa's genügend, um jetzt über die Rücksichtslosigkeit zu erstaunen, mit der er den Mittagstifch störte. Rur die Räthin ahnte, was vorlag. Aber sie schwieg, und so wartete man stumm, selbst der lebhafte Konrad schwieg und blickte scheu von einem zum andern. Kurt trat in das Arbeitszimmer seines Vaters.