Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1898)
- Date
- 1898-03-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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369 Zeitungsnachrichten und Eorrespandenzen. Deutschland. H. Berlin, 8. März. Die Petitions-Commission des Reichstags hatte sich am vorigen Mittwoch wiederum mit dem Anträge auf eine staatlich autorisirte Uebersetzung des Schulchan-Aruch zu beschäftigen Der Referent Abg. Müller (Waldeck) beantragte Ueberweisung der Petition an den Reichskanzler zur Berücksichtigung. Er führte aus, daß ein großer Theil der Bevölkerung durch den Umstand, daß noch immer keine authentische Uebersetzung der jüdischen Geheimbücher vorliegt, beunruhigt werde. Diese Beunruhigung sei um so größer, als das Judenthum durch die Fähigkeit, die nationale Produktion geschäftlich auszubeuten, uns überlegen sei und man annehmen müsse, daß diese Fähigkeit durch die jüdische Erziehung und jene Geheimlehre befördert werde. Das Verlangen nach einer amtlichen Uebersetzung des Schulchan Aruch sei demnach durchaus berechtigt. Allerdings gebe es bereits mehrfache Privatübersetzungen. Wenn man aber gelegentlich mal aus diese fuße, dann würde die Richtigkeit der Uebersetzung stets in Zweifel gezogen. Daß auch ein StaatSintereffe für die geforderte staatliche Uebersetzung vorliege, beweise der Wortlaut des Kol nidre Gebets. Der Correferent und andere Mitglieder traten diesen Ausführungen entgegen. Bei der Abstimmung wurde der Antrag des Referenten Mütter gegen seine eigene Stimme und die des Abg. Sachse abgelehnt und Uebergang zur Tagesordnung beschlossen. Bemerkt sei, daß die gleichfalls anwesenden konservativen Abgeordneten Schall und Jacobskötter gegen den Antrag des Referenten stimmten. V. Berlin, 6. März. Die Reise des Kaisers nach Jerusalem soll jetzt für den Herbst d. I. in Aussicht genommen sein. Der „Bote aus Zion" bemerkt dazu: Mit dem Besuche hängt es vielleicht zusammen, daß jüngst an die Stelle des im Herbst abgegangenen Ibrahim Pascha der der deutschen Sprache mächtige, seitherige dritte Sekretär des Sultans, Tausik Pascha, als Gouverneur von Jerusalem eingesetzt worden ist. Damit hängen auch die gründlichen Straßenreparaturen zusammen, die gegenwärtig zwischen Jerusalem und Bethlehem, zwischen Jerusalem und Jaffa und bald auch zwischen Jerusalem und Jericho vorgenommen werden. Damit hängt es endlich zusammen, daß die Wasserleitung, die von den Salomonischen Teichen bei Bethlehem nach Jerusalem führt, wieder soweit hergestellt werden soll, daß das Waffer Jerusalem auch wirklich erreicht. Alles Dinge, die man in Jerusalem mit Freuden begrüßt, und als dankenswerthe Zugabe zu der Ehre des kaiserlichen Besuches gern hinnimmt. Aus der Provinz Sachsen. Rach dem Muster herumziehender Komödianten und Athleten, die in ihren Ankündigungen bekannte Einwohner in der Stadt, worin sie ihre Gauklerkünste zum Besten geben, zu Wetten auffordern, um größere Kassener« folge zu erzielen, suchen die antisemitischen Wanderredner, die nirgends mehr durch ihre rüden Reden zu wirken vermögen, jetzt dadurch ein Publikum heranzulocken, indem sie aktuelle Feiertage der Juden zum Thema eines Vortrages ankündigen. Roch vor zwei Jahren wurde den Juden der Eintritt zu den Versammlungen untersagt. Heute, wo der Eintrittspreis von 50 Pfennig auf 10 Pfennige heruntergegangen, werden die Juden direkt aufgefordert zu erscheinen, und damit auch bessere Elemente nicht fern bleiben, wird auch der Rabbiner der jüd. Gemeinde öffentlich eingeladen, mit dem Redner über das Thema zu diskutiren. So giebt augenblicklich der Reichstagsabgeordnete, Malermeister Bindewald in der Provinz Gastrollen und verzapft für 10 Pfennige seine Weisheit über das „jüdische Pur im fest." (Buch Esther.) Die Herren haben ihre Themen geändert. Früher zogen sie mit dem Talnlud und Schulchan Aruch von Stadt zu Stadt; nachdem ihnen aber überall bewiesen worden, daß sie auch nicht einen Buchstaben aus dem genannten Werke zu lesen vermochten, sprechen sie jetzt über die heiligen Schriften und suchen ihre Glossen darüber zu machen. In Aschersleben wurde zu dem genannten Vortrage der bekannte Prediger Lion Wolfs öffentlich eingeladen, der durch folgende Erwiederung ablehnte: An den LSvl. Borstand der deutsch fozialen-Refor«- Partei. Auf Ihre öffentliche Einladung erwiedere ich auf demselben Wege ergebenst, daß ich mich mit einem Laien auf die Diskussion biblischer Themata nicht einlosse. Die Bedeutung des Purimfestes kennt jedes Kind: eS ist der alte Kampf der Antisemiten gegen das älteste Culturvvlk, der Kampf der Verleumdung gegen die ewigen Wahrheiten, die im alten Testament ihren Ausdruck finden. Der Antisemitenführer Haman endete — am Galgen!'. Qm mange du juif, en meurt. Wir aber danken Gott am Purim, daß er in Persien wie überall der Wahrheit zum Siege verholfen hat. Das Ende eines Haman wünschen wir keinem unserer Feinde, das besorgen die Herren unter sich selbst und — die Gerichte! (Hammerstein, Leuß, Ahlwardt u. s. w ) Prediger Liorr Wolff. Der Prediger Wolff kennt seine Pappenheimer und auch den genannten Redner, dem er schon vor drei Jahren in Aschersleben heimgeleuchtet. Erscheint ein jüdischer Geistlicher auf eine öffentliche Einladung, so wird er von der Corona einfach niedergeschrieen. In diesem Falle wurde das Abendprogramm ge-