Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1898)
- Date
- 1898-03-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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368 zeigt, daß man dem Satz von der Nächstenliebe durch einen Zusatz eine gehässige Tendenz unterzuschieben versucht, wovon der Text der Bibel nichts weiß, daß Andere, ähnlich wie Haneberg, aus Gehässigkeit Behauptungen aufstellen, die sie nicht beweisen können. An der Hand des biblischen Textes wollen wir nun Nachweisen, daß die Ausdrücke 7™ „Dein Bruder", “pni „Dein Freund", fmar „Dem Nächster" nicht speziell sich auf den Bekenner der mosaischen Religion beziehen; selbstverständlich ist derselbe vielfach damit gemeint, da ja damosaische Gesetz in erster Linie seine Bekenner verpflichtet, aber die Mitmenschen sind damit nicht ausgeschlossen. Die Gelehrten, die immer von einem National- oder Stammes- Gott des jüdischen Volkes sprechen, scheinen ganz zu vergesien, daß die Bibel mit den Worten beginnt: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde", so daß also die Bibel und mit ihr das jüdische Volk nicht diese engherzige und ausschließende Auffasiung über Gott haben kann. Spricht man nicht auch von einem „deutschen Gott", von einem „Gott Frankreichs"? Will aber der Deutsche oder der Franzose damit sagen, daß sein Gott nicht auch der Gott des andern Volkes sei? Gewiß nicht; aber dem jüdischen Volke verübelt man, wenn es von seinem Gotte spricht, und erblickt darin eine Anmaßung und Ueberhebung. Ebenso darf der Deutsche von seinem „dentschen Bruder" sprechen, ohne daß ihm entgegen gehalten wird, daß er die übrigen Menschen nicht als Brüder und Nächste anerkenne. „Im I. B. M., C. 11,3 heißt es bu 710x1 imn Einer sprach zum Andern <injn>." Das sicht bei den Männern des Thurmbau von Babel, die wohl noch keine Juden waren und nach der Erzählung nicht sonderlich brave Menschen, da sie gegen Gott ankämpfen wollten. Hier ist also das Wort sn „Freund, Nächster" in ganz gewöhnlichem, allgemeinem Sinne gebraucht, wie in der deutschen Sprache des: Einer sprach zu dem Andern." Und ebenso wird der Ausdruck nx „Bruder" in dem allgemeinen Sinne angewendet, z. B. IV. B. M. P'K nww rronjtt rowai wm n:n: wk brr „Und Einer sprach zum Andern (mx): wir wollen ein Oberhaupt einsetzen und nach Egypten zurückkehrer." Auch in diesem Satze lehnt sich das Volk gegen Gott und Moscheh auf und benimmt sich feindselig, so daß der Ansdruck „7*ix" keine brüderliche Gesinnung au-drttcken will. Also nx „Bruder" hat ebensowenig wie jm „Freund, Nächster" die spezielle Bedeutung „Bruder", „Freund", sondern die ganz allgemeine sür Nebenmensch, wenn diese auch in böser Absicht zusammenstehen und sogar gegen einander in böser Absicht handeln, wie folgende Stellen beweisen. I. B. M. C. 49, 5. vn'ri7i2v vvn 'bs onx 1^7 pycty „Simon und Levi sind Brüder; Waffen der Gewalt sind ihre Schwerter." Hier wird nicht hervorgchoben, daß sie „Brüder" waren, sondern es soll betont werden, daß sie zwei gleiche Brüder sind, die gewaltthätig gehandelt haben. IV. B. M. C. 31, 14 heißt es: b- T>r> w 7wb i:npn TD7D cvo 7IV1P2 wnb lnsn. „Wenn Jemand mit Absicht frevelt gegen seinen Nebenmenschen onjn) und ihn mit List tötet, von meinem Altar sollst Du ihn wegholen um ihn zum Tode zu führen." Der Mensch, der den Nebenmenschen in absichtlicher, listiger Weise tödtet. sieht doch wahrlich in dem Opfer nicht den Freund und Nebenmenschen? Und doch lautet der Ausdruck nn bv „gegen den Nächsten." Eine ähnliche Stelle ist V. B. M. C. 22, 26. nin 12-in p LD) in st *n myi bv S"X mp 1VX2 '2 „denn wie Jemand sich aufmacht gegen seinen Nächsten onyi) und ihn ermordet, so ist diese Sache." Ferner steht im II. B. M. C. 31, 18. n’iwx p2'i' w 715x2 ix pxn inn nx v"x 712m. „Wenn Leute mit einander streiten und einer schlägt den andern onjn) mit einem Stein oder mit der Faust." Es liegt in allen diesen Fällen kein Grund vor, den Bruder, den Israeliten zu betonen, so wenig wie an anderen Stellen, die wir angeführt haben die Ausdrücke nx ,ri ires? nur Bruder, Freund und Nächster bezeichnen, sondern alle drei sich auf den Mitmenschen beziehen. Aber auch dann, wenn diese angeführten Beispiele den Israeliten, den Bruder meinen, so wäre das etwas Selbstverständliches, daß das mosaische Gesetz zu seinen Bekennern spricht, damit aber keinesfalls den merkwürdigen Schluß gestattet, der Nichtisraelite sei ausgeschlossen, gegen den Nichtisraeliten habe der Jsraelite keine Verpflichtung nach allen diesen Richtungen, ja, daß es ihm nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten sei jede Rücksicht bei Seite zu setzen. Wäre diese Logik wahrhaft und begründet, dann würden die Bekenner der mosaischen Religion sicherlich die unmoralischsten, verworfensten Menschen sein, nicht einen edlen Zng ausweisen können; dann würde das mosaische Gesetz und die mosaische Gottesanffasiung nicht so beachtet und gewürdigt werden, wie es bei aller kritischen Prüfung auch derer, die nichts Gutes, nichts Besonderes, nichts Erhabenes, nichts Wahres darin finden wollen, doch immer anerkannt werden muß. Wird das mosaische Gesetz doch immer als das Fundament der bestehenden Religionen anerkannt. So verwerflich, wie es heutzutage wieder so offen und so oft ausgeschrieen wird, muß es denn doch nicht sein, sonst würde man das „A lt e Test amen t" einfach ad acta legen. (Fortsetzung folgt.)