Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1898)
- Date
- 1898-03-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448877--45599-2495903- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WWDWWMWWW WWWWWW XXXIX, Jahrgang. Erste Beilage;u M 20 ftts «IsmrM". Leitender Artikel. Nächstenliebe. Von Rabbiner Dr. H. Gänger. a*@- II. Kommen wir nun zu den Ausdrücken -pnx „Dein Bruder", *pn „Dein Nächster", im „Dein Genosse." Haneberg sagt: und viele andere Gelehrte und Nichtgelehrte sind derselben Ansicht. — „Welcher Kenner des Alterthums kann für wahrscheinlich halten, daß n amicus, rvap Socius auf einen Heiden anwendbar sei?" Wir glauben, daß Gesenius zu den „Kennern des Alterthums" und des Geistes der hebräischen Sprache gerechnet werden darf. In seinem „Handwörterbuch über das Alte Testament" steht bei dem Worte nrr Bruder. Den Namen: Bruder, Brüder braucht aber der Hebräer ferner in folgenden Verbindungen; 1. für Vettern, Verwandte jeder Art; 2. für Stammesgenossen; 3. für Landsleute. Selbst von verwandten Völkern; 4. für Bundesgen o s s e n z. B. Tyrier und Hebräer; 5. für Freunde, Genossen; 6. für Nächster, Mitmensch; 7. für Personen und Sachen, die sich gleichen. n. 1. Bekannter, Genoffe, Freund; 2. Geliebter; 3. jeder andere Mensch, Nächster, Mitmensch, selbst von leblosen Dingen, I. B. M., C. 15, 10. tiw. Nächster, Mitmensch, syn. von jn. III. B. Mos-, 5, 21. Die hier angeführte Beweisstelle lautet: „Wenn sich eine Person versündigt und begeht eine Treulosigkeit gegen den Ewigen, indem sie ableugnet dem Nächsten cito») ein anvertrautes Gut, oder ein Darlehen, oder durch einen Raub, oder enthält seinem Nächsten den Lohn vor." An der Hand der Bibelstellen wollen wir beweisen, wie harmlos all' diese Ausdrücke sind; wollen aber eine kurze Erklärung vorausschicken. Es ist selbstverständlich, daß ein Gesetz, welches in erster Linie für ein bestimmtes Volk gegeben ist, sich auf die Mitglieder dieses Volkes zunächst bezieht. Daß diese Mitglieder sich als Brüder, als Freunde, als Nebenmenschen betrachten sollen, ist, wie schon betont, eine hohe moralische Forderung, die nur anerkennens- und rühmen-werth 1 ist. Wenn es daher fortgesetzt heißt: So und so hast du dich gegen deinen Bruder, Freund und Nächsten zu verhallen, so ist das ein selbstverständlicher Ausdruck, der aber nicht sagen kann und will: aber gegen die übrigen Menschen darfst du nach Willkür und Belieben handeln, darfst du jede Rücksicht bei Seite lassen. Auch in anderen Sprachen hat man unterscheidende Bezeichnungen, und die Gesetze aller Länder und Völker beziehen sich in erster Linie auf die Unterthanen des eigenen Landes und wollen in erster Linie das Wohl des eigenen Landes und Volkes im Auge haben. Wir glauben keine allzugewagte Behauptung aufzustellen, daß diese drei so feindselig aufgefaßten Ausdrücke nu „Bruder", n „Freund", m „Nächster", den Menschen bezeichnen, derfich Anderen gegenüber auch als Bruder, Freundund Nebenmensch benimmt, im Gegensatz zum feindlich gesinnten Menschen. Und doch! Ist es nicht so in der Welt, daß die Sprache die Völker trennt, auch wenn sie gleicher Religion sind? Und stehen zwei Völker sich feindlich gegenüber, so erblickt Einer in dem Andern nur den Gegner und nicht den Nebenmenschen, nicht den Freund und Bruder, der er doch der Religion nach sein sollte. Auch unsere heutige Welt sieht darin nichts Unmoralisches, sondern etwas ganz Natürliches, Selbstverständliches. Die Deutschen nennen sich und halten sich für das b i e d e r st e Volk; die Franzosen bezeichnen sich als die e d e l st e Nation u. s. w.; der Franzose spricht nur vom „perfiden" Albion und der Engländer wünscht dem Deutschen auch nicht lauter Erfolg und Glück; aber keines dieser Völker macht sich ein moralisches Bedenken darüber, daß es die Mitmenschen nicht ganz wie sich selbst liebt. So übt man Nachsicht auf der Erde mit sich selbst und mit der Welt, nur gegen das jüdische Volk will man den bittersten Vorwurf erheben, daß es nicht dieselbe Liebe allen Menschen gegenüber übe und nicht dieselben moralischen Pflichten anerkennt und erhebt, wie gegen sich selbst; daß es im Punkte der Nächstenliebe weit zurückstehe gegen alle anderen Menschen. Daß man mit zweierlei Maß mißt und an dt.m jüdischen Volk nicht nur tadelt, sondern als schlimmsten Vorwurf seines Gesetzes macht, was bei anderen Menschen als etwas Selbstverständliches angenommen wird, da» ist weder logisch noch moralisch gere ch 1. Wir haben an der Hand einer Lutherbibel ge-