Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1898)
- Date
- 1898-03-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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864 zustande kommen", war die Antwort Dreyfus'. — „Solch edle Gesinnung ist achtungswerth", bemerkte, ein Notizbuchs aus der Tasche ziehend, Erzherzog Carl; notirte etwas und empfahl sich mit den leutseligsten Grüßen von seinem Quartiergeber. Die Folgen dieser kurzen Unterredung blieben nicht aus. Kurze Zeit nach dem Friedensschlüsse erschien, in ganz Deutschland giltig, die Verordnung, daß alle vagabundirenden Juden als heimathbcrechtigt dahin gewiesen werden sollen, wo sie geboren wurden oder sich verehelicht hatten. Das Porträt des Dreyfus soll sich noch heute mit der von Erzherzog Carl verfaßten Aufschrift: „Michael Treyfus, die Religion in der Person", in der kaiserlichen Bildergallerie in Wien befinden. Holland. X. Amsterdam, 7. März. Die Aufregung, die in Folge der in Frankreich begangenen Rechtsverletzungen sich des Niederländischen Volkes bemächtigt hat, dauert noch ungeschwächt fort. Nicht nur an Zola, sondern auch an den anderen unerschrockenen Märtyrer der Wahrheit, an Oberst Piquart werden noch fortwährend aus den verschiedensten Theilen des Landes Briefe und Adressen abgesandt, so z. B. vor wenigen Tagen von einem Kreise Haarlem'scher Aristokraten. Mit Genugthuung sagt man sich hier, daß der Antisemitismus bisher in Holland weder über die östliche noch über die westliche Grenze einzudringen vermocht hat, und so manche sozial hochstehende Persönlichkeit hat der Freude darüber in diesen Wochen öffentlich Ausdruck gegeben. Einen besonders vornehmen Weg hat dabei der bekannte Sozialreformer und Großindustrielle Herr I. C. van Marken, der Präsident des im vorigen September in Delft abgehaltenen internationalen Genossenschaftskongreffes eingeschlagen. Er übersandte an den Vorstand der jüdischen Gemeinde seines Wohnorts Delft einen kostbaren orientalischen Vorhang, den er auf einer jüngst beendeten Reise nach Egypten erworben hatte. Zufällig hätte er, so sagt er in dem Begleitbrief, vernommen, daß dieses Kunsterzeugniß sich zu einem bestimmten Zweck in der Synagoge, nämlich als Vorhang vor den Gesetzesrollen ganz besonders eigene. „Ich hoffe," so fährt er fort, „daß Sie dieses Geschenk eines Andersgläubigen nicht nur als einen Beweis meiner persönlichen Achtung für Ihre Religionsgesellschaft, der so viele hervorragende Niederländer angehört haben und angehören, entgegennehmen, sondern gerade in diesen Tagen, als ein erneutes Zeichen, daß jeder rechtlich denkende Niederländer es sich zur Ehre rechnet, daß jene verblendete Lehre des Antisemitismus in unserem gemeinsamen Vaterlande keine Wurzel zu faffen vermocht hat." — Der klerikale „Limburgische Kurier" ist wegen seiner antisemitischen Hetzartikel in der Militärkantine in Herzogenbusch verboten worden. — Die „Amsterdamsche Courant" weist darauf hin> daß einige der antisemitisch-klerikalen Winkelblätter der südlichen Provinzen, die Feuilletons ihrer literarischen Beilagen regelmäßig stehlen. Bisher hätten sie darüber geschwiegen, diesmal wolle sie aber die „s'Hertogenbossche Courant" und Consorten doch festnageln, denn die von ihnen abgedruckte Novelle, deren Verfasser natürlich verschwiegen wird, „Mein Nachbar Jakob", sei ein Werk des von diesen Blättern so schmählich behandelten — Zola! — Die „Haag'sche Courant" erzählt, Baron Michiels van Verduynen, Generalkommiffar der Pariser Ausstellung für die Niederlande, sei dieser Tage nach Hengeloo gegangen, um die dortigen Textil-Industriellen zur Theilnahme an der Ausstellung zu bewegen, aber die Industriellen seien wenig geneigt, dem Ansuchen zu entsprechen. Sie hätten Grund dazu, denn wer wolle sein Eigenthum riskiren in einem Lande, wo das Recht nicht heilig sei, und wer wolle zur Verherrlichung eines Landes beitragen, das sich selbst entehre? vermischtes. Berlin. (Herr Ahlwardt hat abgemirthschaftet!) Der Ahlwardt hat in Spandau eine argr Enttäuschung erlebt. In sciner Glanzperiode wurde er in Versammlungen, die er dort abhielt, von Tausenden empfangen und den Gipfel seines „Ruhmes" erreichte er, als ihm unter frenetischem Jubel der Menge von dem Hauptmann a. D. Herter ein Lorbeerkranz auf's Haupt gesetzt wurde. In dieser Woche kam er wieder nach Spandau, um über Judenflinten, Zola und Drcyfuß zu sprechen, natürlich gegen 30 Pfennig Eintrittsgeld. Aber nur — sieben Zuhörer waren erschienen, Ahlwardt hielt es unter seiner „Würde" aufzutreten und verließ mit seinem Schwiegersohn Bodek sichtlich verstimmt die undankbare Stadt. Feuilleton. Der Väter Schuld. Erzählung aus der Gegenwart. Von 3) - ~ Arnold Mann. Das Mädchen brachte die Zeitungen. Der Rath pflegte sie auf die wichtigsten Neuigkeiten hin durchzusehen, ehe er auf's Gericht fuhr und sie erst nach dem Mittagstisch gründlich zu studieren. Da lagen sie einträchtig übereinander, der „Börsenkurier", die „Vossische Zeitung" und der „Reichsbote", letzterer das Leibblatt der Frau Rath. Hohenthal griff mechanisch nach dem „Reichsboten", der zu oberst lag, überflog die ersten Seiten, um mit gespanntem Interesse im lokalen Theil bei dem Be-