Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1898)
- Date
- 1898-03-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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363 auch das Märchen vom Ritualmorde aufzufrischen, damit er ja nicht in Vergessenheit gerathe. So erhob vor einigen Tagen im böhmischen Fabrikrorte Reichenau die Arbeiterin Marie Blüml gegen die jüdischeWittwe Friedmann die Blutbeschuldigung, dieselbe habe sie überredet, bei ihr zu Bette zu gehen, um sich dann in der Nacht auf sie zu werfen und ihr dar Blut gleich einem Vampyr aussaugen zu können. In Folge der starken Blutverlustes sei sie, die Vlüml, nun schon so schwach, daß sie ihrer Arbeit in der Fabrik nicht mehr obliegen könne. Dar Bezirksgericht, dar nun dieser Beschwerde der Blüml gehört hatte, ließ dieselbe durch den Bezirksarzt untersuchen und es stellte sich nun heraus, daß dieselbe gelogen hatte. Die Verleumderin wurde sogleich in Haft genommen und wird sie sich nächster Tage wegen Irreführung der Behörden und Verleumdung vor Gericht zu verantworten haben. Oesterr.-Ungar. Monarchie. A. Prag (Auch eine Affaire Dreys u s.) Unter der Überschrift „Dreyfus-Neminiscenz" erzählt das „Prager Tagblatt" folgende Episode; „In gegenwärtiger Zeit, wo die Affaire DreyfuS nicht zum geringen Theile das Interesse des Publikums, man kann sagen der ganzen gebildeten Welt, in Anspruch nimmt, dürfte es wohl nicht ganz unangemeffen sein, ein historisches, aber heute in Vergessenheit gerathenes Moment ans der Geschichte der Familie Dreyfu», welches besonders für uns Oesterreicher ansprechend ist, der erneuerten Erinnerung zuzuführen. Es war im Jahre 1739. Der siegreiche Feldher Oefterreich's, Erzherzog Earl, begann im Zuge gegen Napoleon I. seine Operation gegen die Schweiz. Das OperationscorpL des Erzherzogs kam auf diesem Zug in die Gegend von Endingen in der Schweiz, wo auch das Hauptquartier des Erzherzogs aufgeschlagen wurde. Endingen besaß eine wohlhabende jüdische Bevölkerung, und so kam es, daß das Quartier des siegreichen Erzherzogs in einem der festgebauten Häuser Endingen's in dem Hause des Vorstehers der israelitischen Gemeinde, des Michael Dreyfus aufgeschlagen wurde. Michael Dreyfus, ein ehrwürdiger Greis von 70 Jahren, hoher gerader Haltung, eine echte Prophetengestalt, machte als Hausherr dem Erzherzog seine Aufwartung und Huldigung. Ueberrascht durch das ehrwürdige, interessante und iwponirende Aussehen des Huldigenden, fand Erzherzog Carl an der Persönlichkeit des Michael Dreyfus besonderes Jntereffe und dies umsomehr, als derselbe in ehrfurchtsvoller Weise die Bitte aussprach, es sei in seiner Religion geboten, bei dem Anblicke gekrönter Häupter und deren Söhne einen besonderen Segen zu sprechen, und Seine kais. Hoheit möge ihm gestatten, dieser seiner religiösen Pflicht nachzukommen. Lächelnd gestattete Erzherzog Carl das Ansuchen seines Hausherrn, der seinen Dreispitz aufsetzend, den Segen über das Haupt seines hohen Gastes in hebräischer Sprache sprach. „Wollen Sie mir Ihren Segen in deutscher Sprache erklären"!, ersuchte der Erzherzog. — „Gelobt seist Du Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du von Deiner Herrlichkeit auch Menschen mitgetheilt hast", antwortete der Greis. Das Jntereffe des Erzherzogs Carl steigerte sich zum höchsten Grade, und in fremder Sprache einen Diener rufend, gab er demselben einen Befehl, woraus der Diener eiligst sich entfernte. Der Erzherzog unterhielt sich hierauf mit Dreyfus über verschiedene Orts-, Religions- und andere Verbältniffe, und im Eifer des Gespräches merkte Dreyfus nicht, daß ein fremder Mann mit einer Mappe unter dem Arme eingetreten war, hierauf einen Stift zur Hand nahm und mit scharfem Blick auf Michael Dreyfus zu zeichnen begann. Dar Gespräch zwischen dem Erzherzog und seinem Quartiergeber zog sich lange fort. Endlich erfaßte den Greis Unruhe, und sich erhebend sprach er: „Kaiserliche Hoheit, es ist heute Freitag, Abends 6 Uhr geht der Sabbat an. Geruhen, mich gnädigst zu entschuldigen, ich muß mich entfernen." „Sind Sie fertig?" sprach der Erzherzog zum Maler, und zu dem überraschten Dreyfus: „Ich laste Ihr ehrwürdiges Gfficht copiren, ich will mir Ihr Bild zum Andenken mitnehmen; ich gestatte Ihnen sich zu entfernen, beten Sie auch für uns!" Welche Ueberrafchung bot sich Dreyfus, als am Sabbat Mittags, als er gerade mit acht Armen der jüdischen Gemeinde bei Tische saß, der Erzherzog mit seinem Adjutanten in's Zimmer trat. Großrabbi, stellen Sie mir Ihre Familie vor!", sprach nach freundlichem Gruße der Erzherzog. Dreyfus stellte seine Frau und seinen Sohn nebst Schwiegertochter vor. „Ich sehe aber noch mehrere Leute an Ihrem Tische?" — „Diese sind heimathlose Arme, aus das Mitleid der Mitmenschen angewiesen; ich weiß nicht, effe ich mit ihnen, oder essen sie mit mir. Es heißt in der heiligen Schrift: „Gott gibt Speise ollem Fleisch, denn ewig währt seine Gnade." (Ps. 126, 25.) Ich bin nur der Vollzieher seiner Anordnung", sagte Dreyfus. — „Wo liegt der Grund der Hilflosigkeit dieser Leute?" fragte der Erzherzog. „Sind wir Juden nicht alle heimathlos, müssen wir uns nicht alle mit schwerem Golde unseren Aufenthalt erkaufen? Würde man diesen Leuten eine Heimath geben, sie zu nützlicher Beschäftigung veranlaffen, so würde man der Menschheit einen nicht genug zu rühmenden Dienst erwiesen haben", erwiederte der Greis. — „Die Insassen des Landes würden sich aber für einen solchen Zuwachs bedanken", bemerkte der Adjutant des Erzherzogs. — „Wenn man Eigennutz, Vorurtheil und Engherzigkeit um Rath fragen würde, könnte nie etwas Gutes