Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1898)
- Date
- 1898-03-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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365 richt über den gestrigen Festkommers in der „Philharmonie" zu verweilen. „Na, siehst Du," sagte er mit leichter Ironie, „da berichten sie nun wieder zwei Spalten lang über eine solche „studentische" Festlichkeit. Das ist es eben! Man schenkt den Leutchen viel zu viel Beachtung, und da treiben sie's immer toller —" „Aber ein patriotischer Festkommers," warf die Gattin ein, „das ist doch was Andres!" „Thut nichts", ereiferte sich Hohenthal, „sie brauchen darüber nicht so viel zu schreiben, das interessiert die Allgemeinheit absolut gar nicht! Uebrigens, weiß ich nun auch, wieso Kurt heute so lange schläft!" „Na, lies doch einmal vor", bat Frau Clara, „wie war's denn?" „Wie wird's gewesen sein? Wie immer" spottete Hohenthal, „immer dieselbe Schablone!" Und er las. Plötzlich, mitten drinn stockte er — Verwundert schaute ihn seine Frau an. „Na, lies doch weiter", drängte sie. Sein Auge flog über die Zeilen, verschlang sie förmlich. Mit einem Mal schleuderte er in höchstem Zorn das Zeitungsblatt von sich und erhob sich, zitternd am ganzen Körper. „Das fehlte nun gerade noch", rief er, außer sich vor Erregung. „Was ist denn?" fragte die Räthin, und sie holte sich das Zeitungsblatt aus der Ecke, in die es geflogen war, um selbst nachzusehen. Hohenthal durchmaß in langen Schritten, blassen Antlitzes d'as Gemach. „Das fehlte gerade noch," wiederholte er, „mm ist der schneidige junge Mann fertig — natürlich, er wäre ja auch kein echter deutscher Student gewesen, wenn er nicht auch in die Melodie eingestimmt hätte —" Plötzlich fiel Hohenthal's Blick auf seine lesende Gattin — sie lächelte! Er war starr — „Du lachst?" fragte er gedehnt, indem er ihr gegenüber am Tische stehen blieb. „Du lachst —?" wiederholte er mit wachsender Stimme und steigendem Affekt, „aber natürlich — ich vergaß ja ganz, daß das auch in Dein Fach schlägt — Juden bekehrung und Juden Hetze — zwei würdige Schwestern, von der gleichen Mutter geboren, der Intoleranz! Die gehören allerdings auch zusammen — und ich Thor, ich wundere mich darüber, daß der Sohn in öffentlicher Versammlung die thörichten Schlagwörter der Zeit gegen die gehetzten Juden losläßt, wenn die Mutter eine eifrige, übereifrige Besucherin der Missionsversammlungen, eine intime Freundin des würdigen Pastor Becker ist! Aber dieser Sohn ist mein Sohn und diese Mutter ist meine Frau und ich dulde nicht, daß mein unbefleckter, von keinem Makel behafteter Name von meinen eigenen Angehörigen in den Staub gezogen und durch den Schmutz geschleift wird — mein Haus soll rein dastehen, ich will in den Meinigen Menschen sehen, keine Fanatiker, die aller Menschenwürde ins Gesicht schlagen." Mit bitterem Hohn und stolzem Zorn hatte er's gesprochen. Dann war er davon gestürmt, in sein Arbeitszimmer, und nicht lange nachher hörte man ihn das Haus verlassen. Er fuhr auf's Gericht. Die Räthin war bestürzt im höchsten Grade. So hatte sie ihren Mann noch nicht gesehen. Das wußte sie ja immer, daß er sie in seinem Innern verspottete wegen ihrer Bestrebungen. Sie sah es aus seinem zweideutigen Lächeln, das regelmäßig seine schmalen Lippen umspielte, wenn sie ihm dies oder das von den Erfolgen der Mission erzählte, daß er dafür auch kein Verständniß hatte! Und kein Gefühl, kein Gefühl für die armen, bedauernswerthen Juden, die, mit Blindheit geschlagen, das Licht der Welt nicht zu schauen vermögen, mit thierisch hartem Nacken ihren doch wahrlich nicht mit Rosen bestreuten Pfad dahinziehen, das Heil verschmähend, welches der sterbende Erlöser der sündigen Welt entgegengebracht und auch ihnen, ja, ihnen in erster Linie, die seinen Martertod auf dem Gewissen haben. Daß er dafür kein Gefühl hatte-. Ueberhaupt, mit seiner Religion war es nicht weit her, das wußte sie auch schon längst. Außer zu ihrer Hochzeit und zu der ihrer Tochter Alice hatte er niemals die Kirche betreten; es hatte sie seit je bekümmert, ja, tief bekümmert — aber, Gott sei Dank, wenn ihr frommes Beispiel ihn auch nicht angespornt hatte, sein Seelenheil nicht ganz zu vernachlässigen — so hatte doch auch sein gottentbehrender Lebenswandel sie nicht hinauszuziehen vermocht in in seinen finsteren, düsteren, lichtlosen Bannallerdings, er hatte dazu auch nie Versuche gemacht, nie, außer jenem zweideutigen Lächeln, bis jetzt, bis vorhin! Da war das erste Wort über seine Lippen gekommen seit fast dreißigjähriger Ehe, und es war ein verdammendes Wort gewesen. Nun hatte sie ja Klarheit über seine Ansicht, nun verstand sie sein Lächeln, wußte, daß er zu der Sorte jener Toleranzmenschen gehöre, die, wie Pastor Becker sich so schön auszudrücken pflegte, „vor lauter Toleranz gegen die Juden die Pflicht gegen sich selbst versäumen". Nun wußte sie's. Nun hatte sie ihren eigenen Gatten zum eifrigsten Feind ihrer innigsten Angelegenheiten. Aber er sollte ihr diese Angelegenheiten auch fürder nicht aus dem Herzen reißen, sollte ihr das Element, darinnen sie sich wohl fühlte und in dem*sie. ihres Daseins Zweck erkannte, nicht trüben und nicht verunzieren mit seinen Schimpfworten! Die fromme