Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1898)
- Date
- 1898-03-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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348 Leute, die nur von dem Nothwendigen leben, die geringen Ersparnisse einzahlen, um ihren Verwandten in der Heimath zu helfen. Männer, Frauen und Kinder wetteifern bei diesem Werke. Eist merkwürdig, wie es doch möglich ist, daß diese Fremdlinge vom ersten Tage ihrer Ankunft ab sofort zu arbeiten beginnen, um genügend Geld zu ersparen, um später nach Amerika reisen zu können; denn jenes Land der sogenannten Freiheit ist da- Ziel aller ihrer Wünsche. England gilt ihnen nur als Zwischenstalion. Wenn einer der Vertriebenen hier anlangt, so kann man sich darauf verlassen, daß er am nächsten Tage bereits irgend eine Beschäftigung gefunden hat. Da da» Glaserhandwerk leicht zu erlernen ist, so kaufen sich die Eingewanderten einige Scheiben Glas, Kitt und einem Diamanten, nebst dem dazu gehörigen Kasten, und ziehen nun, ohne ein Wort Englisch zu verstehen, von Straße zu Straße. Wo ste eine zerbrochene Scheibe gewahren, klopfen sie an. Viele wieder bieten ihre Dienste in den Bambus- und Stockfabriken des Ostendes an und werden für die schwerste Arbeit äußerst kümmerlich bezahlt. Andere verkaufen Süßigkeiten und Früchte nahe den Bahnhöfen in den belebteren Straßen. Auch die Kinder helfen mit zu erwerben. Sie verfertigen Spielzeug, Blumen und allerlei Perlenarbeiten, wie auch Holzschnitzereien, ähnlich denen, wie man sie auf russischen Mesien so oft sieht. Rumänien. 0. Bukarest. In den letzten Tagen hat eine unter dem Titel: „Doue mesuri“ („Zwei Maßregeln") erschienene Broschüre von dem als rumänischen Dichter rühmlichft bekannten Glaubensgenossen, Ronetti Roman, in allen Kreisen, in jüdischen wie in christlichen, großes und gerechtes Aufsehen erregt. Da- Erstlingswerk dieses hochbegabten Dichters/der gegenwärtig als Gutspächter in Davideni, einem moldauischen Dorf im District Neamtz lebt, erschien vor etwa 20 Jahren und wurde geradezu enthusiastisch ausgenommen. Ronetti Roman bekam damals den Namen des rumänischen Heine. Seitdem trat er nicht mehr vor die Oeffentlichkeit, umso freudiger wurden seine Verehrer und Freunde durch seine jüngste Leistung überrascht und wir Juden haben besonders Grund, dem Verfasser dankbar zu sein; denn überzeugender hat bis heute noch niemals Jemand unsere Sache verfochten. Dabei ist die Broschüre in einer Sprache geschrieben, die den Kenner des Rumänischen entzücken muß. Man ist in Verlegenheit, ob man mehr die poetische Form oder die überzeugende und unwiderlegliche Kraft der Argumente des Verfassers bewundern soll. Ais Ausgangspunkt dienen Herrn Roman die zwei in der letzten Zeit vielfach besprochenen Gesetzesvorschläge der Regierung: Das Berendein'sche Recrutirungsgesetz, durch welches die Juden von der Armee, und das Mittelschulgesetz Haret's, durch welches wir von den Gymnasien und Lyceen ausgeschlossen werden sollen. Dabei streift aber der Verfasser die ganze Judenfrage und weift nach, wie der Fremden- oder genauer Judenhaß der Rumänen das Land dem sicheren Verderben entgegenführt. Die Juden verdienen es am allerwenigsten, daß ihnen das Brandmal der Landesfeinde aufgedrückt werde; sie haben sich bisher bei jeder Gelegenheit als treue Söhne Rumäniens bewährt und würden dem Lande noch mehr Nutzen bringen, wenn man sie nicht auf Schritt und Tritt durch restriktive Maßregeln hindern würde. Die Broschüre, nur 68 Seiten stark, muß, dessen sind wir sicher, eine nachhaltige Wirkung ausüben. Vermischtes. Mainz. Die Gemeinde Esch a. d. A. (dicht an der französischen Grenze) ist genöthigt eine neue Synagoge zu bauen, ist aber nicht in der Lage die Baukosten allein zu bestreiten. Was bei diesem Anlaß in unserer judenfeindlichen Zeit besonders hervorgehoben werden mag, ist, daß, wie mir ein Geschäftsfreund mittheilte, ein Nich'jude daselbst für den Bau dieser Synagoge besonderes Interesse zeigt und thätig dafür eingreift. Um den fehlenden Betrag der Bausumme aufzubringen, hatte Frau Leon Eerf daselbst, deren Gemahl sich besonders um das Zustandekommen des Synagogenbaues bemüht, die originelle Idee, durch sagenannte Schneeballenbriefe, also durch sich immer vergrößernde kleine Beträge eine größere Summe der Gemeinde zu verschaffen. Ich wünsche diesem Unternehmen den besten Erfolg, damit es der Gemeinde Esch vergönnt sein möge, ein würdiges Gotteshaus zu errichten, das von Orgel und sonstigen Reformen verschont bleibt. J. C. Feuilleton. Der Väter Schuld. Erzählung aus der Gegenwart. Von 2) Arnold Mann. Das Fest nahm seinen Fortgang. Lieder und Reden wechselten in bunter Folge, bis endlich der offizielle Theil der Feier geschloffen und mit ,der weniger offiziellen „Fidelitas" begonnen wurde. Diese Fidelitas war im Grunde immer die Krone solcher Feste. Im offiziellen Theil mußten sich die jungen Gemüther in ihrem brausenden Gefühl entschiedenen Zwang auferlegen. Die Anwesenheit so vieler erlauchter Persönlichkeiten erlaubte es nicht, daß man sich gehen ließ und die tollen Burschen-