Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1898)
- Date
- 1898-03-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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349 gewohnheiten aufnahm, in denen man doch so wohlgeübt war und die des deutschen Studenten schönste Kunst bilden. Da hieß es hübsch stillesitzen, die faulen Witze zurückdrängen und fein lauschen den herrlichen Worten, die von den berühmten Rednern gesprochen wurden. Allein über allen Zwang und alle aufgenöthigte Zurückhaltung half die sichere Aussicht aus jenen zweiten Theil dieser Feste, auf die Fidelitas hinweg. Einmal mußte sie doch kommen. Ihr lechzte manches Burschengemüth entgegen wie der Wanderer in der Nacht der aufgehenden Sonne. Die Menge verlief sich. Man brach auf. Die Herren Professoren, Pastoren, Geheimräthe und Kommerzienräthe, die so muthig ausgehalten hatten, erkannten mit Schrecken, daß die Mitternacht längst vorüber und verabschiedeten sich unter schmeichelhaften Lobeserhebungen über das gelungene Fest und väterlichen Mahnungen, in den eingeschlagenen Bahnen unverdrossen weiterzuwandeln, von den Gastgebern. Wie die Wasser des Flusses, wenn die Schleuse aufgezogen wird, schäumend und brausend hervorstürzen und das Mühlrad in Bewegung setzen, so schien in dieser Versammlung, nachdem die Schleuse des feinen Gebahrens aufgezogen war, der Strom überschäumender Lust in um so stärkeren Wogen einherzustürmen, je länger er in seinem Bette war zurückgehalten worden. Mit einem donnernden „ad loca" sammelte der Präside die weithin im Saale zerstreuten Kommilitonen wie der Hirte seine Heerde, und dann begann ein Trinken um die Wette, als hätte man zuvor überhaupt die Zunge nicht benetzt. Durch Zutrinken, Steigenlaffen und wie die holden Trinkerkünste alle heißen, schuf man sich zahllose Gelegenheiten, um nur immer neue Seidel zu leeren. Bald war es nun auch mit dem feinen Anstand dahin, den man bis dahin nothgedrungen hatte bewahren müssen. Oede Witze und ungezogene Redensarten flogen hin und her und manche Differenz wurde im geistvollen Bierduell ausgefochten, wobei derjenige als Sieger gekrönt wurde, der zuerst sein Glas, das er mit dem Gegner zu gleicher Zeit an die Kehle gesetzt hatte, bis auf die Nagelprobe geleert und dem Gegner das liebevolle Wort: „Bierjunge!" an den Kopf geworfen hatte. Allen voran tollte Kurt Hohenthal. War er während des offiziellen Theils das Pathos und die Gemessenheit selbst, so war er nunmehr kaum wiederzuerkennen. Der Präside hatte ihm, dem schneidigsten Kneipbruder im ganzen Verein, sein Amt abgetreten, und Kurt Hohenthal zeigte sich der Ehre, an der Spitze einer so vielvermögenden Trinkgesellschaft zu stehen, durchaus würdig. Immer neuen Ulk wußte er zu ersinnen, Biernamen^ließ er unter den „Füchsen" austheilen, „Biergerichte" ließ er in Aktion treten und einen „Ganzen" leerte er hinter dem anderen. Unter fortgesetzten Streichen der Axt fällt selbst die stärkste Eiche. Kurt Hohenthal, der große und kräftige, war am Schluffe der Kneipe, als sein Nachfolger im Präsidenamt um drei Uhr „Kneipe ex" verkündet hatte, total betrunken. Das hielt ihn aber durchaus nicht ab, fich einem Schwarm besonders ausdauernder Genossen anzuschließen, die nun erst recht noch verschiedene Kneipen und Cafo's aufzusuchen beschlossen hatten. Liebevoll nahmen sie ihren Expräsiden unter die Arme und zogen durch die morgenftillen Straßen, den rothen Laternen nach, die verführerisch zu neuem Gelage winkten. Der Tag begann bereits zu grauen, als Kurt Hohenthal mit seinem Intimus Leonhard Braun, der den fast Bewußtlosen führte, seiner Wohnung zustrebte. Die wenigen Passanten, welche zu so früher Stunde durch die Straßen gingen, schauten dem seltsamen Paare lächelnd nach, kopfschüttelnd sahen sie den großen, starken, jungen Menschen am Arme des kleineren Führers taumeln und unartikulirte Laute in die Dämmerung hineinrufen. Vor Kurt Hohenthal's Wohnung in der Kurfürftenstraße angekommen, holte Braun den Hausschlüssel vorsichtig aus Kurt's Tasche, führte de» Freund, ihn zur Ruhe mahnend, damit er seine Angehörigen nicht störe, die teppichbelegte Steintreppe empor, durch den auf einen Augenblick electrisch erleuchteten Korridor nach der schmalen Stube, die Kurt Hohenthal als Arbeits- und Schlafgemach im Hause seiner Eltern diente, und die er am Abend vorher mit ihm verlassen hatte. Behutsam und fortwährend mit stillen Worten beruhigend, kleidete Braun den hiflosen Freund mit sicheren Händen aus und legte ihn, halb stoßend, halb ziehend ins Bett. Dann entfernte er sich schweigend. So endete für den solennen Festredner der patriotische Kommers des „Vereins Deutscher Studenten" in der „Philharmonie". u.-.--'-V II Es war am anderen Morgen. Der Landgerichtsrath Hohenthal saß mit seiner Gattin im luxuriös eingerichteten Speisezimmer beim ersten Frühstück. Er war ein Mann von etwa 60 Jahren, eine mittelgroße untersetzte Gestalt, die sich beim Gehen etwas vornüberneigte. Der mächtige Kopf der hohen, weit ausholenden Stirn, verrieth eine imgewöhnliche Denkkraft, ein Kranz schneeweißer Haare umrahmte den total kahlen Scheitel, dasselbe intensive Weiß zeigten die kurzgehaltenen Bärtkotteletten, die das glattrasirte Kinn frei ließen. Hohenthal sah infolge^seines ^.Haares und Bartes viel