Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1898)
- Date
- 1898-03-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448876--45575-2495878- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
was, selbst wenn es specifisch jüdische Moral wäre, an sich ganz harmlos, ja vielleicht in Rücksicht auf damalige Verhältnisse höhere Moral ist; er will die Worte thk „Dein Bruder", "in „Dein Freund", “rray „Dein Genosse" als Unmoral des Judenthums gekennzeichnet wissen. Gar oft hat auch der Laie Gelegenheit, solche Anklagen mitanzuhören, und ist nicht im Stande zu erwiedern. Um so mehr ist es Pflicht, die Erwiederungen als Handhaben zu bieten, damit jeder Jedem antworten und Aufklärung zu geben vermag und nicht durch kurze Abweisung die gegnerische Behauptung scheinbar bestärke. Nächstenliebe. Haneberg behauptet: Vorzüglich fehlt dem mosaischen Gesetze die Anweisung zur aufopfernden Nächstenliebe selbst innerhalb des eigenen Volkes; von ihrer Liebe zu den Nichtisräeliten oder Feinden kann jenes Gesetz keine Anweisung geben, weil es den Beruf hatte den Haß gegen alles Nichtjüdische zu heiligen." Es ist doch vor Allem unbestritten, daß das mosaische Gesetz den Grundsatz aufstellt r,ri.xi "pcs „liebeDeinenNeben Menschen wie Dich selbst" (III. V. M. C. 19, 18). Selbst dann, wenn dieser Satz nur aus den Israeliten sich beziehen sollte, was wir aber noch widerlegen werden: wie kann Jemand solche Behauptungen aufstellen wie die vorhin erwähnte? Sind diese drei Worte nicht genug, denen übrigens noch hinzugefügt wird •- *;» „3$ bin der Ewige"? Soll denn fort und fort die Nächstenliebe im Munde geführt werden? Bedarf es denn erst vieler Worte? Prägen sich diese drei Worte nicht klarer und bestimmter ein, als ein großer Wortschwall? Und ist es nicht Nächstenliebe, wenn fort und fort gesagt, befohlen wird im Namen Gottes, wie man sich zum Nebenmenschen zu verhalten habe? Wie man redlich und rechtschaffen mit ihm verkehren soll? Wie man selbst dem Feinde in der Roth beistehen muß (II. V. M. C. 23, 4, 5)? Wie man gerecht sein soll gegen Arme und Reiche (ibiä.)? Wie man jeden zugefügten Schaden und Diebstahl ersctzen muß (II. B. M., C. LI und 22)? wie man gegen Arme, Wittwen und Waise barmherzig sein muß (ibid C. 22)? Wie man gerechtes Maaß und Gewicht führen soll (III. B. M., C. 19, 35 und /36)? Besteht nicht ein großer Theil des C. 19, III. C. 25 Ibid. aus Vorschriften der höchsten Nächstenliebe? Hat irgend ein Gesetz vor dem jüdischen die orderung,.daß man dem armen Bruder Geld nicht auf iüsen leihen darf? Und "in dw Erweiterung, überhaupt vom Bruder keinen Zins in irgend einer Gestalt zu nehmen (V. B. M., C. 23, 20)? Und ist 344 es Haß und Ungerechtigkeit, wenn man vom „Fremden" Zins nimmt? Aber der blinde Haß verkehrt das, was eine hohe Moral ist, in das Gegentheil und will nicht — Nächstenliebe. Seinem Bruder muß man Opfer bringen, wie es heißt: -py “pn» „damit dein Bruder mit dir lebe" (III. B., C. 19, 36*). Die Möglichkeit und Ausführbarkeit dieses Gebotes kann sich nur Einzelnen gegenüber erstrecken, und selbstverständlich in erster Linie auf den Nächsten, auf den Verwandten. Wer könnte der ganzen Menschheit helfen!? Wird im Leben nicht auch der Unterschied zwischen Bruder und engerer Familie und zwischen anderen Menschen gemacht? Dann müßte das ebenso unmoralisch sein. Und welcher Mensch verlangt denn, daß er geradeso, wie ein enges Familiengliev behandelt werde? — Wer die Macht und das Vermögen besitzt, nicht nur dem armen Bruder und Verwandten zu helfen, sondern noch vielen Andern, der hat auch dieselbe Pflicht für diese Andern. Nach Haneberg und vielen andern Kennern der hebräischen Sprache soll der Ausdruck “pna „Dein Bruder" selbstverständlich sich nur auf den Israeliten beziehen. Wenn das auch wahr wäre, so ist es doch sicherlich eine hohe Moral, alle Gliederdesselben Volkes, also Millionen, als Brüder zu betrachten, unter ihnen wenigstens keine Ausnahme machen zu dürfen. Steht das Gesetz, das im Namen Gottes verpflichtet jeden Angehörigen desselben Volkes, wenn es in der Macht liegt, wie einen leiblichen Bruder zu helfen, nicht auf der Höhe der Moral? Glücklich sind sicherlich die Völker zu preisen, die ein solches göttliches Gesetz anerkennen und danach handeln! Und gibt es heutzutage solche Völker, so steht doch immerhin das jüdische Volk in erster Reihe mit dieser Forderung. Aber das mosaische Gesetz, behauptet man, gebietet den Haß gegen Nichtjuden! Wo, in aller Welt, steht das im mosaischen Gesetz? Wir haben es dort nicht gefunden; aber anderswo. Matth. C. 5, 43 steht: „Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst Deinen Nächsten lieben, und Deinen Feind hassen. HL. B. M. 19 IN." Steht das aber im III. B. M., 19, 18? Schlage doch Jeder das alte Testament, d. h., die fünf Bücher Moses auf und lese selbst. Wer den Uebersetzungen keinen Glauben schenkt und sich selbst überzeugen will, der lasse sich von einem Sprachkundigen diesen Satz übersetzen. Der größere Theil der Geistlichen wird so viel Hebräisch verstehen. *) Mm. Der Ausdruck *pnK ’HV „daß dein Bruder mit dir lebe", findet sich auch in Bezug auf N ich ti§ raelit en, worauf wir noch zurückkommen werden.