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Der Israelit · 1898-03-03 · Heft 18 (3.3.1898) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 18 (3.3.1898)
Date
1898-03-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIX. Jahrgang. Erste jSctlane M 18 d« Leitender Artikel. Jüdische parlamentscandidaturen. Berlin, 25. Februar. Man schreibt uns: In den letzten Wochen hat die Frage jüdischer Parlamentscandidaturen die jüdischen Blätter ohne Unterschied der Parteirichtung beschäftigt. Die Leser dieses Blattes erinnern sich, daß wir schon vor Jahren diese Frage eingehend besprochen und in wiederholten Aufsätzen ihre Bedeutsamkeit gewürdigt haben. Unser Standpunkt hat sich um keine Linie geändert. Zunächst ist es aus Gründen freiheitlicher Natur geboten, daß auch das israelitische Bekenntniß wenigstens einen Vertreter im Parlament habe. Es geht mit diesem mühsam errungenen Recht sonst wie mit den anderen „Errungenschaften" der Emanzipation: sie stehen auf denl Papier, aber die Praxis kennt sie nicht. Wir weisen die Annahme zurück, daß das jüdische Bekenntniß als solches das Recht habe, vertreten zu sein, aber die Ausschließung jüd. Abgeordneter aus den Parlamenten ist mehr als Zufall, und es ist bezeichnend, daß der verflossene Hofprediger es jüngst als sein Verdienst erklärte, wenn die Juden aus den Parlamenten ausgeschlossen seien. Das preuß. Abgeordnetenhaus hat kein einziges jüdisches Mitglied, im Reichstag sitzen allerdings mehrere Sozialisten, die zufällig dem Namen nach Juden sind, aber man wird uns verzeihen, wenn wir allen Ernstes darauf verzichten, diese Herren, die uns mehr schaden als nützen, als unsere Vertreter zu betrachten. Es muß als ausgeschlossen gelten, daß die deutschen Israeliten, welche nach ihrem innersten Empfinden und ihrem Religionsgesetz streng königstreu sind, durch ein Mitglied der sozialdemokratischen Partei sich vertreten lassen könnten, und es ist ebenso ausgeschlossen, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen die im vollen Fahrwasser des Antisemitismus segelnde conservative Partei uns bis auf weiteres Stütze und Vertretung sein dürfte. Aber abgesehen von dem freiheitlichen Gesichtspunkte ist eine Vertretung unserer Interessen dringendes Bedürfniß. In erster Reihe mag der jüdische Abgeordnete deutscher Volksvertreter sein, dann aber auch soll er die Interessen seines Bekenntnisses wahrnehmen. Das katholische Centrum zählt hundert Mitglieder, die Judenhetzerpartei hat zwanzig Vertreter, der Bund der Landwirthe aicht alle seine Sendlinge auf sein Programm, warum sollte dar Bekenntniß, in welchem eine halbe Million Deutsche stehen, nicht auch seine Vertretung haben? Es ist ja wahr, und wir erkennen es dankbar an, daß innerhalb der freisinnigen und nationalliberalen Partei und besonders aus dem Munde des Centrumsführers Dr. Lieber Worte der Wahrheit und Menschenfreundlichkeit zu unserem Schutze gesprochen werden — aber genügt das? Sind die Herren, die doch in erster Reihe ganz andere Interessen vertreten, so in den wichtigsten Fragen informirt, wie es zu unserem Schutze dringend erforderlich wäre, und wie es nur ein Jude, der in der Sache lebt, sein kann! Wie viele wichtigen Fragen gelangen zur Erörterung, wo der jüd. Sachverständige fehlt, wie viele Lügen gegen uns werden aus dem Parlament in die Welt geschleudert, die erst dann mir zweifelhaftem Erfolge berichtigt werden müssen! Kann ein christl. Abgeordneter in der Schächtfrage so, wie ein jüdischer informirt sein, in Fragen antisemitischer Angriffe sich so allezeit mit statistischem Material rüsten, wie für das oft schamlos geschmähte jüdische Bekenntniß so begeistert eintreten, wie ein Sohn dieses Bekenntnisses! Erst in den letzten Tagen berichtigte Abg. Richter einen antisem. Erguß gegen die jüd. Militärärzte und die Befähigung der jüdischen Soldaten. Wir sind dem Abg. Richter für sein Eintreten dankbar, aber sein statistisches Material war bei weitem nicht erschöpfend und seine Zahlen waren falsch. Es würden sich so ein Schall, Jskraut, Zimmermann und Genossen wohl zehnmal überlegen, unwahre Judenhetzreden zu halten, wenn sie wüßten, daß ihnen sofort in sachgemäßer Form entgegengetreten würde. Ein jüdischer Abgeordneter — sowohl im Landtag, wie im Reichstag — ist absolute» Bedürfniß und es ist Pflicht aller einflußreichen Glaubensgenossen, dahin zu wirken, daß jüd. Candidaturen an erfolgverheißenden Punkten ausgestellt werden. Schon die nächste Landtagssession wird vielleicht einen Gesetzentwurf über die Reorganisation der jüd. Gemeinden Preußens bringen, und in dieser für uns so überaus wichtigen Sache, die uns in erster Reihe angeht, sollte kein einziger Sachwalter am Platze sein! Eine zweite Frage wäre die Persönlichkeit der Candidaten und die Partei, welcher er angehören sollte. Hier können nur die Mittelparteien in Frage kommen, die nationalliberale Partei, die freisinnige

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