Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 18 (3.3.1898)
- Date
- 1898-03-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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328 Vereinigung und auch das Centrum wäre durchaus nicht ohne weiteres abzuweisen, wenn diese Partei, die so schon evangelische Mitglieder hatte, auch ein jüdisches in seine Mitte ausnehmen wollte. Die Person des jüdischen Candidaten könnte nur ein wiffensreicher, glaubenstreuer Israelit mit hervorragender Beredtsamkeit und in unabhängiger Stellung sein. Ein sogenannter Namensjude mit klingendem Titel könnte uns gerade retten! Wie sollte so ein Justizrath oder Professor für eine Religion eintreten, die ihm fremd geworden, für Heiligthümer sich begeistern, deren er sich vielleicht schämt, für Religionsgesetze eintreten, die er selbst verletzt! Auch ein Rabbiner würde wegen seiner prononcirten religiösen Stellung sich unter den augenblicklichen Verhältnissen vielleicht nicht das Ansehen erwerben können, welches gerade für die Stellung eines Vertreters der allgemeinen jüdischen Sache erste Vorbedingung ist, er würde vor allem in den eigenen Reihen und zumal in jüdisch-liberalen Laienkreisen Widerstand finden. Die Zeit, wo, wie im Centrum, auch jüdische Geistliche Sitz und Stimme im Parlament haben, ist für uns leider noch nicht gekommen. Dagegen würde ein religiös denkender und handelnder Mann in hervorragender socialer Stellung mit absolut unantastbarem Charakter und dem erforderlichen Wissen ausgestattet, sehr wohl alle Glaubensgenossen ohne Unterschied der religiösen Richtung vertreten können, den antisemitischen Lügnern ins Angesicht leuchten, unwahre Angriffe zurückweisen und für unser religiöses Bekenntniß und seine gesetzliche Gewährleistung jederzeit das Wort ergreifen dürfen. Wir stellen die Frage zur öffentlichen Diskussion und wünschen, daß sie eine Lösung finden möge, welche unserem Vaterlande und unserer Religion zur Ehre gereicht! Zeitungsnachrichten und Correspondenzen Deutschland. Wiesbaden, 1. Mürz. Einem wie großen Bedürfnisse die Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen nachkommt, mag folgender traurige Vorfall, über den seit Wochen die hiesigen jüdischen Kreise sich in Aufregung befinden, darthun. Daß ich erst heute dem „Israelit" darüber berichte, hat seine Begründung darin, daß ich es für besser gehalten hätte, wenn die ganze Angelegenheit nicht an die Oeffentlichkeit gelangt wäre; da nun aber die politische Presse sich der Sache bemächtigt und zum Theil entstellte Berichte darüber gebracht hat, will ich nicht länger zögern, auch Ihnen Miltheilung zugehen zu lassen. Ein Herr B., Prokurist eines bekannten hiesigen Bankhauses, das erst jüngst mit einer großen Aktiengesellschaft verschmolzen wurde, besitzt einen Sohn, der vor längerer Zeit einige Wochen wegen Krankheit das Bett hüten mußte. Herr B. nahm sich zur Pflege seines Kindes einen sogenannten „Bruder", d. i. ein Mitglied jener katholischen Vereinigungen, die sich die Krankenpflege zur Aufgabe gemacht haben. Dieser Bruder nun hielt es für seine heilige Pflicht, während der Pflege des jüdischen Kindes diesem die Vortheile, welche die katholische Religion vor anderen Bekenntnissen biete, in den schönsten Farben auszumalen, und ihn zu überzeugen, daß es keinen höheren Beruf gebe, als wie der des katholischen Priesters. In dem Knaben gelangte in Folge dessen der Entschluß zur Reife, ein katholischer Pfarrer werden zu wollen, und als er nach seiner Genesung das Gymnasium wieder besuchen durfte, drang er in einen seiner katholischen (nicht evangelischen, wie hiesige Blätter berichten) Mitschüler, die Taufe an ihm zu vollziehen. Dieser kam auch dem Wunsche seines jüdischen Genossen nach und nahm eigenmächtig die Taufe an ihm vor. Nicht gering war daher das Erstaunen des Herrn B. als sein 16jähriger Junge ihm eines Tages die Eröffnung machte, daß er zum Christenthum übergetreten sei. Herr B. begab sich sofort zum Director des Gymnasiums, der beide Knaben daraufhin sofort entließ. Der taufende Schüler hat die ganze Taufgeschichte für einen Spaß angesehen. Trotzdem hält man auf katholischer Seite die Taufe für gültig, weil der Täufling das ernste Bestreben gehabt habe, Katholik zu werden, und katholisch bleiben wolle. Auch die Mutter des jungen Proselyten, die einer reichen, russisch-jüdischen Familie entstamrut, soll dem Konfessionswechsel ihres Sohnes nicht abgeneigt sein. Vielleicht kommt man durch diese Vorgänge in der hiesigen jüdischen Reformgemeinde zur Einsicht, daß der Religionsunterricht in Zukunft doch etwas intensiver betrieben werden muß. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Paks, 2. März. Die hiesige auth. orthodoxe Gemeinde feierte den siebzigsten Geburtstag ihres Rabbiners, des berühmten Talmudisten Rabbi Susman Sofer. Den Rabbi beglückwünschten eine Reihe Deputationen: nämlich die Gemeinde, die ihm unterstellte Jeschiba und die Pakser „TiferesBachurim" unter Führung ihres Dajans, des Rabbi Jzsak Verpel. Den ganzen Tag lief eine große Menge von Telegrammen ein. Der Rabbi hielt eine bedeutsame Rede, in welcher er hauptsächlich seine Schüler zur Ausübung der Thora und zur Gottesfurcht ermahnte. Möge der hochverehrte Talmudgelehrte, dessen