Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 18 (3.3.1898)
- Date
- 1898-03-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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324 -viel wie möglich zu erhöhen. Denn es gilt ja unter Vielen die Schönste zu sein, um Gnade zu finden vor den Augen des Mächtigsten aller Mächtigen. Schon zu den hundert Auserwählten zu gehören, die in jedem Jahre unter festlichem Gepränge in Teheran dem Schah zur engeren Wahl präsentirt werden, betrachtet jede Perserin als größte Ehre. Von diesen hundert ergebenen Töchtern des Lanoes erleben allerdings nur fünfundzwanzig die Erfüllung ihrer sehnsüchtigsten Wünsche, die darin gipfeln, die Freuden des königlichen Harems, die ihnen unendlich verlockend erscheinen, in Wirklichkeit kennen zu lernen. Zu Beginn der Festlichkeit ziehen Teheraner Militärkapellen auf und lasten schmetternde Fanfaren ertönen. Dann bemächtigt sich der erwartungsvollen Menge eine fieberhafte Erregung: Alles reckt die Hälse, denn in diesem Moment erscheinen die hundert Debütantinnen in blendender, strahlender Pracht. Ganz in weiße, schimmernde Seide gekleidet, von lang herabwallenden silbergestickten Schleier duftig und keusch verhüllt, Hals und Arme mit farbensprühenden Brillanten geschmückt, bieten die reizenden Mädchengestalten ein überraschend schönes Bild. Leise singend kommen sie näher. Pagen in goldgestickten, himmelblauen Kostümen schreiten vor ihnen her und streuen nach allen Richtungen Blumen auf den Weg. Dreimal macht die kleine Prozession die Runde, dann stellen sich die zarten Jungfrauen auf ein gegebenes Trompetenstgnal in einer Reihe auf. Run ist der wichtigste Moment herangekommen. Die Trompeter blasen einen Tusch und im nächsten Augenblick senkt sich der Kopf tief zu Boden vor dem einen, unbedeutend aussehenden Mann, der nun eiligen Schrittes mit seinem glänzenden Gefolge zwischen der Spalier bildenden Menge daherkommt. Ihm voran schreitet stolz der „Sifar Salar" in seiner golvstrotzenden Amtsrobe. Auf „Ihn", den Mächtigen, besten Wort zwanzig Millionen Menschen Gesetz ist, richten sich jetzt alle Blicke in ehrfurchtsvoller Bewunderung. Der schmächtige Körper des „großen" Schah scheint unter der Last der ihn bedeckenden Juwelen förmlich zusammenzubrechen. Vor der langen Reihe der mit banger Erwartung der Entscheidung entgegensehenden Schönen angelangt, ergreift der „Sifar Salar" bei jedem Schritt eine kleine zitternde Mädchenhand und läßt die Besitzerin mit zurückgeschlagenem Schleier vor das strenge Antlitz des Monarchen treten. Ein beifälliges Nicken oder verneinendes Schütteln de» königlichen Hauptes — und die Sache ist erledigt. Kein Wort wird bei dieser Eeremonie gesprochen, kein freundlich lächelnder oder gar liebevoller Blick senkt sich in die schönen Mädchenaugen, und doch füllen sich die Herzen, je nachdem die Entscheidung fällt, mit überschäumender Freude oder tiefem Schmerz. Mit unerschütterlichem Gleichmuth trifft der Herrscher seine Auswahl. Persien hat die schönsten Töchter seines Landes freudig dem Erhabenen dargeboten, die königliche Laune ist befriedigt, und der fünfundzwanzig stolzen, glückstrahlenden Jungfrauen thun sich die geheimnißvollen Pforten des Harems auf, während die übrigen verschmähten Schönen mit gebrochenem Herzen in die Alltäglichkeit des Elternhauses zurückkehren. Vermischtes. Dessau,27.Febr (Toleranz an hoherGerichisst elle.) Gestern sollte hier der Kaufmann Jacobson am Schwurgerichte den Zeugeneid leisten. Nach vergeblicher Mühe, den Termin vertagt zu sehen und Einholung rabbinischer Gutachten, wollte er am rotP schwören. Vor seiner Vereidigung erhob sich der Präsident des Gerichtes, Geheimer Justizrath Kettler u>>d sagte: „Ich will Ihnen mein persönliches Bedauern ausdrücken, daß ich Ihrem heiligsten Wunsche nicht entsprechen konnte. Ich verstehe Ihre Bitte und konnte sie nicht erfüllen." Welchen Eindruck diese Worte auf die Geschworenen, welche die bedeutendsten Industriellen Anhalts stellten, und die zahlreichen Zuhörer machten, geht aus der Thatsache hervor, daß lautlose Stille im Saale herrschte. Etz. Hauau, 28. Febr. In der hiesigen Synagoge wurde nächtlicherweile ein Einbruch verübt. Vermittelst zusammengetragener Thüren gelangten die Diebe an das Fenster, drückten dieses ein und stiegen in's Innere. Hier erbrachen sie die Sammelbüchsen und raubten deren Inhalt. Nach den Vorgefundenen Spuren am Fußboden zu schließen, beleuchteten die Gauner ihr dunkles Handwerk mit einer Stearinkerze. Wer die Thäter sind, konnte die Polizei bis jetzt noch nicht ermitteln. Feuilleton. Der Väter Schuld. Erzählung aus der Gegenwart. Von i) Arnold Mann. I. ,,'N Abend, na, schon perfekt?" Mit dieser Frage war Leonhard Braun zu Kurt Hohenthal in die Stube getreten. Kurt ging gerade, bereits fertig angekleidet, in Frack und weißer Binde auf und ab und sagte seine Rede noch einmal auf. Den ganzen Tag hatte er noch nichts sonst gethan, als diese Rede memorirt, sie hatte, als er Toilette zu machen begann, so vorzüglich gesessen, aber als er mit der Toilette zu Ende war, hatte er bei einem Versuch zu seinem Schrecken gemerkt, daß er stockte. Da hatte er auf die Uhr gesehen. Gottlob es war noch eine gute halbe Stunde Zeit. Und er hatte die Rede nochmals hintereinander aufgesagt.