Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-03-03 · Heft 18 (3.3.1898) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 18 (3.3.1898)
Date
1898-03-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448875--45550-2495852
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

320 Täuschwerk verblendet, zu toeprrv: laß uns andern Völkern gleich werden, und schon waren sie auf dem Wege, sich ewig von ihrem Väterglauben zu trennen, um nur der Fessel der Bedrückung sich zu entledigen. Als sie der König zur Tafel lud, da eilten sie schnell hin, berauscht von täuschenden Gedanken, dadurch sich nun des Druckes zu entledigen, jede bisher erduldete Schmach von sich gewälzt zu sehen. Aber schauet doch hin, sehet, wie es Israel zur Zeit jenes Verfalles erging. Schon träumte es sich vom Leidesdrucke seiner Beherrscher frei, dachte an die Liebe des Königs, an die Sympathien des Volks, wähnte vielleicht vom bürgerlichen Glücke schon: als urplötzlich der auch heute leider noch so überaus moderne Ruf erscholl „A bas les juifs" und ein jammervolles Edict all die seligen Träume vernichtete. Schrecklich war dar Loos, das vom Könige selbst über es verhängt war. Dem eigenmächtigen Willen seiner Feinde wurde es preisgegeben; zu würgen, es auszurotten ihnen geboten. Wie hüllte sich, ach, ihre Freude da in einem Sacke, und Trauerasche bedeckte die nun gesenkten Häupter, bis Israel sich wieder reuevollen Gemüthes bekehrte und mit glühender Liebe die Himmelsbraut, die göttliche Thora, umfaßte. Bis es sich hinwarf vor die Pforten seines Glaubens: dann nahm der Allgütige es wieder zu sich, und verwandelte ihre Trauer in Freude, daß das über sie zu ergehende Vertilgungs-Edict an Israels Feinde nach Willkür vollzogen wurde. Hoch und erhaben glänzte Israel in den Augen aller Völker, wie es heißt: „Und viele von den Völkern des Landes hielten sich zu den Jehudim, und die Fürsten des Königs erhoben die Juden." Dann gelangten sie zu der Einsicht, daß: nicht durch Hochmuth und Frevel, durch Hintansetzung der Thora, sondern einzig durch des Herrn eigenen Willen sei Gunst zu erreichen. Nun fühlt-m sie die Wahrheit der Worte: daß nur die Rathschläge des Herrn bestehen. Denn jetzt erst, als sie die Thora neuerdings empfingen, wie die Weisen von ibapi urp entnehmen : ins ltepp ho ßnTtrnx 'L'2 ws*p „Nun haben sie bestätiget, was von jeher sie empfingen", jetzt erst wurden sie wahrhafte Lieblinge des Königs; wie ward zum Vice-König ernannt und glorreich erhob sich Israels Fahne hochfliegend über das Blutgerüst seiner Feinde.— Mögen wir jener Tage stets eingedenk sein, und diese wechselnde Glücksepoche immer vor Augen haben, auf daß in uns nie wieder ein ähnlicher Gedanke auftauche, durch Abweichung vom Gebiete der Thora die schmalen Pfade des bürgerlichen Lebens zu verbessern. Halten wir uns vielmehr durch die Erzählung unserer Vorfahren überzeugt, daß es der Herr nur ist, der die Perlenschnur der Anmuth und der Gunst um den Menschen zieht, wir aber hiezu wenig beitragen können und dürfen. Zeitungsnachrichten und Correfpondenze«: Deutschland. ** Berlin, 28. Febr. Anläßlich der Verurtheilung Zolas ist es überaus lehrreich, die Haltung der Antisemiten zu beobachten. Schon während des Prozesses konnten sie ihre Sympathie mit der Esterhazi- Partei kaum unterdrücken. Rach dem Urtheilsspruch scheint nun auch bei uns das antisemitische Siegesgefühl, wie zahlreiche uns zugegangene antisemitische Kundgebungen uns beweisen, keineGrenzemehrzukennen. Wirkonstatirenalso schreibt das „B. T.", die vollständige Harmonie der deutschen Antisemiten mit dem französischen vom Schlage eines Drumont und Nachwort, selbst da, wo diese französischen Antisemitenu. Chauvinistenhäuptlinge dem Deutschthum als solchem einen Faustschlag in das Gesicht gegeben zu haben sich rühmen. Daß auch die um den Oberbürgermeister von Wien, Herrn Dr. Lueger, geschaarten österreichischen Antisemiten in dasselbe Horn stoßen, haben wir bereits gemeldet. Diese Herren haben sogar den traurigen Muth gesunden. dem Herrn Drumpnt eine Glückwunschadresse zu übersenden. Damit jst bewiesen, daß es nicht nur eine goldene oder eine^ rothe Internationale gibt, wie das bekannte antisemitische Schlagwort lautet, sondern daß es auch einen internationalen Antisemitismus gibt, dessen internationale Neigungen ihn im entscheidenden Augenblick sogar die nationale Würde so weit vergessen lassen, mit den geschworenen Feinden des deutschen Reiches in einer antinationalen Angelegenheit zu fraternisiren. Und das sind die Leute, welche sich bei uns immer den Anschein geben, als wenn sie allein das Monopol der Königstreue und des Nationalgefühles besäßen! Berlin. „Was lehren die Pharisäer? Mit diesem Thema eröffaete am 14. v. Mts. im Saale der Gesellschaft der Freunde (PotSdamerstr. 9) Herr Docent Dr. M. Schreiner die Reihe der Montagsvorlejungen zum Besten des Stipendien fonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums. Die interessanten, streng wissenschaftlichen Ausführungen de» Redners traten den durch die neutestamentalischen Schriften eingebürgerten Vorstellungen über den Pharisäismus entgegen. Der Redner wies nach, daß die Vorstellungen der Pharisäer von Gott und vom Verhältniß des Menschen zu ihm, als auch ihre ethischen und moralischen Anschauungen durchaus geläutert sind und gab dafür zahlreiche Quellenbelege. Die Pharisäer fordern vom Menschen Liebe und Gerechtigkeit, Nachahmung der hohen Vollkommenheiten Gottes, in dessen Ebenbild der Mensch geschaffen ist. „Wie Gott barmherzig und gnädig ist, so sollt auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.