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Der Israelit · 1898-02-28 · Heft 17 (28.2.1898) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 17 (28.2.1898)
Date
1898-02-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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305 jüdisches Wissen und die richtige Erkenntniß desselben zu verbreiten. Gießen. In der am 20. Februar in der Restauration „zum Löwen" abgehaltenen Versammlung sprach der Reichstagsabgeordnete Ahlwardt über die „Lage der Juden in Frankreich" und den „Dreyfußprozeß." Obwohl sich eine sehr zahlreiche Zuhörerschaft von nah und fern eingefunden hatte, schien man seine Ausführungen nicht ernst, sondern von der humoristischen Seite aufzufaffen. Für 30 Pfennige konnte man sich das Vergnügen machen, einen Mann zu sehen, der seiner Partei mit politischem Hausiren zum Siege verhelfen will. Der Andrang war so stark, daß der Schwiegersohn AhlwardlS, Bodeck, nicht im Stande war, ein genügende Kontrolle bezügl. der Billets zu üben. Man erhielt als Eintrittskarte eine Karte in Form eines Eisenbahnbillets mit der Aufschrift: „Judenfreies Hotel, Restaurant Kölner Hof, Besitzer Hermann L a a S, Frankfurt a. M. u. s. w. Außerdem wurde gratis das Blatt de» Herrn Ahlwardt, betitelt: „Das deutsche Schwert" vertheilt. Dasselbe enthält recht interessante und originelle Inserate, unter anderem wurde zum Kaufe eine neu im Verlage erschienene antisemitische Postkarte „der Auszug nach Jerusalem und das judenreine Deutschland" empfohlen. Sein Schwiegersohn Bodeck führte auch den Vorsitz und wies daraufhin, daß später eine Nachkontrolle der Billets stattfinden würde und, daß er energisch gegen Ruhestörer einschreiten werde. Ferner wurde Diskussion gestaltet. Darauf ergriff Ahlwardt das Wort. Ueber seine Ausführungen selbst ist herzlich wenig zu sagen. Worte wie „Ungeziefer der Nation", „Teufel der Nation" kennte man sehr oft hören. Alle diesen Schmähungen folgte stets eine dröhnende Lachsalve. Er erwähnte ferner, daß die semitische Nasse selbstsüchtig sei. Natürlich vergaß er nicht seine Zuhörer zu überzeugen, daß die Bestrebungen seiner Partei die einzig richtigen wären, während alle anderen Parteien nichts taugten. Dabei wurde er sehr oft durch stürmische Heiterkeit unterbrochen. Im weiteren Verlauf seiner Rede erzählte er, daß er es gewesen sei, der e» durchgesetzt habe, daß man „Heine" kein Denkmal setzen werde. Jedenfalls sprach er hiermit ein großes Wort gelassen aus. Als er sich darauf erkühnte zu erläutern, daß der Dreyfußprozeß nichts als „Judenmache" sei, stieß er auf äußerst heftige Opposition. Im zweiten Theile seiner Rede kam ev auf Zola zu sprechen, der furchtbar herhalten mußte. Aber immer wieder wurde er durch erneuten Jubel und stürmischen Widerspruch unterbrochen. Alles dies ließ ihn kalt, weil er seinen Zweck, eine volle Kasse zu bekommen, erreicht hatte. Einen sonstigen Erfolg wird er wohl nicht verzeichnen können. Dr. Frankreich. ** Paris, 19. Febr. Der Vossischen Zeitung wird geschrieben: Trotz Drumont, Guerin und Genossen glaube ich nicht, daß die jetzige antisemitische Bewegung in Frankreich lange Vorhalten wird. Die Juden sind hier viel zu sehr mit allen Berufsständen verschmolzen, um noch als eine Kaste, als abgesonderter Volkstheil gelten zu können. Das Heer zählt wohl 200 jüdische Offiziere (darunter die Generale Levy, Lambert, Heinzelin, See), mehrere Obersten 2c. In dem sonst so sehr abgeschlossenen Richterstande gibt es genug Juden, ebenso unter den Verwaltungsbeamten, unter denen allein fünfzehn oder zwanzig Präfekten und Unterpräfekten zu verzeichnen sind. Dazu Ingenieure, Journalisten, Schriftsteller, Musiker, Aerzte, Gelehrte, Mitglieder der Akademien, Professoren und sonstige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Dazu kommen die vielen Heirathen zwischen Juden und Christen. Ein Blatt zählte dieser Tage namentlich einige fünfzig altadelige Herren auf, die mit getauften Jüdinnen, unter diesen allein drei Baroninnen Rothschild, verheirathet sind. Es befinden sich Herzoge und Fürsten darunter, z. B. der Fürst von Monaco, dessen Gemahlin, geborene Heine, in erster Ehe m't dem Herzog von Richelieu verheirathet war. Natürlich entstammen alle diese Damen den reichsten jüdischen Familien, die mit ihrem Gelde das oft sehr trübe und stark verrostete Wappenschild der hohen Herrschaften auffrischen mußten. Aber auch unter den minder reichen Familien verhält es sich ebenso. Besonders sind blo» standesamtliche Verbindungen, also ohne Taufe des jüdischen Theiles, sehr häufig. Die Kinder dieser Mischehen aber werden Christen. Trotz beständigen Zuzuges vermehren sich deßhalb auch die Juden in Paris gar nicht. Hier werden 42,000 bis 45,000 Juden angegeben, im ganzen übrigen Frankreich nur 30,000, von denen 3000 in Bordeaux und 19,000 in den östlichen Grenzgebieten leben, wo sich auch seit 1871 viele Juden in Elsaß-Lothringen niedergelassen haben. Ohne Rothschild und einige Hundert sehr reiche jüdische Familien in Paris wäre hier fast niemals von Juden die Rede gewesen, so wenig sind sie im öffentlichen und gesell chafilichem Leben bemerkbar. Freilich, der Fall Dreysuß war ein ganz einziger Anlaß, in Antisemitismus zu machen. Nicht übersehen darf werden, daß die Antisemiten im Juden besonders auch den Fremden, den Deutschen sehen, daß in der Judenauch die Nusländcrhetze einbegriffen ist. Frankreich den Franzosen, lautet der Feldruf; die Ausländer sollen überall grundsätzlich zurückgesetzt und ausgeschlossen werden. Selbst die naturalisirten Ausländer sollen erst im dritten Glied vollbürtige Franzosen, zu Offizieren und Beamtenstellen zugelassen werden. Und dabei ist, auf Betreiben dieser Chauvinisten und An-

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