Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 17 (28.2.1898)
- Date
- 1898-02-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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303 tur, die edle Gesittung erzeugt, dann bleibet Juden, wahrhafte und religiöse Juden. Denn sehet, die höchsten Güter der Menschheit, Liebe zur Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschheit, welche die moderne Cultur im Munde führt, sie sind unserer Thora entnommen. Während sie aber innerhalb des Judenthums als liebliche Pflanzen gedeihen, verwelken und verdorren sie auf fremdem Boden. Natürlich! Man pflückte sie vom blüthenreichen Baume des Judenthums, um die damalige Menschheit, die zu tief stand, als daß sie zum Gesammtgeiste des Judenthurns sich erheben konnte, durch dies Wenige der völligen Entartung zu entreißen. Welch verhängnißvoller Jrrthum! Reißet die Blüthen von dem Baume, der sie getrieben und sie werden verwelken. Und die Blüthen des Judenthums sollten, abgerissen, fortblühen, duften und sogar zu schönen Früchten sich entfalten! Die edle Gesittung, wie die Thora sie lehrt, sie gedeiht nur an dem Baume, der fest im heimathlichen Boden der Thora wurzelt, sie hängt auf's Innigste und Unzertrennlichste mit dem Gesammtgeiste des Judenthums zusammen, sie ist die Frucht jüdischen Denkens, jüdischen Fühlens und jüdischen Lebens. Trennet Ihr die jüdische Gesittung vom Judenthume, sie wird sich in Euren Händen verflüchtigen. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten uud Corresponvenzerr. Deutschland. Frankfurt a. M., 22. Febr. Im „Verein für Jüd. Geschichte und Litteratur" hielt Herr Kirchenrath Dr. Krön er aus Stuttgart am 14. dfs. Mt. einen Vortrag über Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß. Obgleich das Thema schon viel bearbeitet ist, wußte doch der Redner in gewandter Weise demselben neue Seiten abzugewinnen. Insbesondere hat er, gestützt auf ein unendlich reiches Aktenmaterial, das durchzuarbeiten er nicht die Mühe gescheut hat, die Geschichte und Persönlichkeit des Süß in neuer Beleuchtung gezeigt. In der Einleitung des fast zweistündigen, aber immer fesselnden und spannenden Vortrages beschrieb Redner die Quellen der Geschichte: Akten über das Münzwesen Oppenheimers, Akten des Prozeffes, Pamphlete gegen Süß u. s. w. Die einzig brauchbare Darstellung der Geschichte sei das Werkchen des württembergischen Geschichtsforschers Manfred Zimmermann. Süß Oppenheimer mit Vornamen Joseph war 1692 in Heidelberg geboren. Seine Mutter Michle, eine wunderschöne Frau, stammte aus Frankfurt, sie war die Tochter eines Chasan Salomo« (Sälmele). Sein Vater war der Direktor einer wandernden jüdischen Sänger- und Theatertruppe und immer viel auf Reisen. Spötter meinten allerdings, der kleine Joseph sei der Sohn des Generals v. Heidersdorf, damaligen Kommandanten von Heidelberg gewesen. Als Joseph 18 Jahre alt war, zog er in die Fremde. Er war begabt, lebhaften, raschen Geistes, sprach ein fertiges Deutsch und eignete sich auch nach und nach fremde Sprachen an. Er weilte in Amsterdam, Prag, Wien und Frankfurt. Nachdem er verschiedene Stellungen bekleidet hatte, unter anderem auch einem Advocaten in Mannheim in seinen Rechtshändeln beigestanden hatte, kam er an den Kurpfälzischen Hof zu Heidelberg, zeigte diesem, wie man durch das Verbot, anderes, als gestempelter Papier zu gebrauchen, Geld in die immer leeren Staatskassen bringen könne, übernahm selbst die Lieferung deS Papiers und gab sie später, nachdem er seinen Vortheil gemacht hatte, an andere Hände weiter. In Darmstadt betheiligte er sich an der Münzprägung und gewann auch dort reichlich Geld. Er bekam es nun nach und nach nur noch mit Fürsten und anderen vornehmen Kunden zu thun, entfaltete äußeren Glanz und hielt zu Frankfurt und Mannheim glänzenden Haushalt. Im Jahre 1732 machte Süß zu Wildbad die Bekanntschaft mit dem Prinzen Karl Alexander von Württemberg, der neben Prinz Eugen der populärste Mann in Deutschland war. Diese Begegnung war folgenreich für sein Leben, er gewann das Vertrauen des Prinzen und seiner Gemahlin, den er sich auch noch durch ein Anlehen von 2000 Gulden in kritischem Augenblicke verbindlich machte. Außerdem ließ er ihm durch einen Kabbalisten prophezeihen, daß er einst noch Herzog in Württemberg sein werde, obgleich noch mehrere Prinzen zwischen ihm und dem Throne standen. Die Prophezeihung traf Oktober 1738 ein. Süß blieb Kriegsfaktor und Präsident des neuen Herzogs und der Herzog hielt sein Wort, das er für den Fall der Erfüllung der Prophezeihung gesprochen. „Er gedachte Josephs" und schloß mit diesem einen für beide Theile günstigen Münzvertrag auf zwei Jahre ab. Nach Ablauf dieser Frist wurde der Vertrag in etwas anderer Form erneuert. Süß stand auf der Höhe seines Glückes. Er hatte Ehre, Vermögen, die Gnade seines Herzogs. Dieser brauchte aber nun Geld, Geld und immer wieder Geld. Und Süß gab Rathschläge. Da wurde der Aemterhandel noch weit entsetzlicher getrieben, als unter der vorigen Negierung. Titelkauf, drückende Steuern und Abgaben wurden eingeführt. Das Volk ward immer mehr und mehr erbittert. Aber der Haß und die Empörung richtete sich nicht gegen die Beamten, sondern gegen den unverantwortlichen Rathgeber des