Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 17 (28.2.1898)
- Date
- 1898-02-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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302 stehende Auflösung an, sofort heitern sich die Mienen der Umstehenden auf, wilde Freude zieht in ihre Gemüther ein und sie ergötzen sich an den TodeSzuckungen, die sie jubelnd mit ansehen. Ist dies nicht eine Szene aus dem Drama, das im modernen Babel spielt? Jede für den jüdischen Märtyrer ungünstige Aussage entfesselt einen Beifallssturm, während jede für ihn günstige Auskunft von dumpfem und drohendem Murren begleitet wird. Dort kämpft ein Ertrinkender, den eine günstige Strömung an die Oberfläche gebracht, verzweiflungsvoll mit den Meereswcllen. Er denkt an sein theures Weib und an feine geliebten Kinder, die um ihn weinen. Plötzlich erblickt er in weiter Ferne ein Brett, das ihm Rettung bringen könnte, wenn er es erreichen möchte. Er rafft seine letzten Kräfte zusammen, mit übermenschlicher Anstrengung sucht er in die Nähe des Brettes zu gelangen. Schon streckt er seine Hand^aus, um es zu erhaschen, schon stiehlt sich ein Lichtstrahl der Hoffnung in sein verzweifeltes Herz, noch ein Augenblick, und er ist gerettet; aber siehe, vom Meeresufer sehen menschenähnliche Wesen dem Todeskampfe des Ertrinkenden zu, jetzt stürzen sie sich in das Meer, etwa um ihm, dem Halbentseelten Rettung zu bringen? Ach nein, um ihm das Brett in dem Augenblicke zu entreißen, da er es hoffnungsvoll umklammern wollte, und er stürzt entseelt in die entsetzliche Tiefe hinab! Ist dies keine Scene aus dem Drama, das in Paris aufgeführt wird! Wir nennen unser Jahrhundert die Zeit der gewaltigen Entwickelnng der Menschheit, das Jahrhundert der Cultur. Welche edle Früchte hat sie gezeitigt? Wie muß die Cultur in ihrem Werthe sinken, wenn ihr einziges Resultat die cynische Freude ist, die Menschen am Unglücke ihres Nächsten empfinden. Denn nicht ein Volk, das auf tiefer Stufe der Gesittung steht, ist es, in dessen Mitte jenes Drama spielt, es ist das hochentwickelte französische Volk und unter diesen sind es die Spitzen der Gesellschaft, die Culturgrößen, die so tief gesunken sind. Wahrlich, ziehen wir die Bilanz des Jahrhunderts, das so herrlich begonnen und nun bald zu Ende geht, es ergiebt sich nur ein gewaltige- Culturdefizit. Wir werden immer mehr davon überzeugt, daß die Bildung des Herzens nicht gleichen Schritt halte mit der Bildung des Geistes, daß Geistesgröße selten mit Seelenadel harmonisch geeint ist. Die Cultur ist blos ein Flittergold, das die Blößen der Menschen verdeckt, sie hat blos eine dünne Kruste über die Herzen der Menschen gezogen, in deren Tiefe das Böse fortwuchert, ganz so, wie in der culturleeren Zeit. Nur einer leisen Berührung bedurfte es, die Kruste brach und das Böse steigt aus der Tiefe mit elementarer Kraft hervor, und um so stärker, je länger es künstlich zurückgedrängt wurde. Die Wahrnehmung des Niederganges der menschlichen Gesittung am Ende unseres Jahrhunderts erfüllt wohl uns mit tiefer Trauer, läßt aber auch in unseren .,Aufgeklärten" die Ueberzeugung reifen, daß die Mission Israels noch lange nicht zu Ende sei, und daß die Menschheit noch gewaltiger Entwickelung bedarf, bis sie die Höhe unserer Gesittung erreichen wird. Die unleugbare Thatsache, daß die moderne Kultur mit einem Deficit endet, erfüllt unsere Herzen mit Liebe für unsere ureigene Kultur. Was alles, haben wir aus Liebe zur modernen Kultur geopfert? Unsere französischen Glaubensgenossen, oder richtiger Leidensgenossen haben im praktischen Leben das traditionelle Judenthum verleugnet, sie hängen nur noch lose am Judenthume. Sie glaubten durch Abstreifung der jüdischen Eigenthümlichkeit, die Sympathie ihrer französischen Mitbürger dauernd sich sichern zu können. Welch' bittere Enttäuschung ereilt sie nun! Die Erfahrung lehrt sie die alte Wahrheit, daß Israel niemals durch Verletzung seiner Religion die Freundschaft der Völker sich erwirbt und wenn auch erworben, niemals dauernd behält. Könnten wenigstens die französischen Leidensgenossen sich zum Tröste sagen, haben sie auch die Gunst des französischen Volkes durch den Verrath, welchen sie am Judenthume verübt, sich nicht erworben, so sind sie doch im Besitze einer hochentwickelten Kultur, die sie dem französischen Volke verdanken. Ist nicht die Blüthe aller Kultur Liebe zur Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschheit? Haben die französischen Juden diese höchsten Güter der modernen Kultur entnommen? Ist die Kultur überhaupt imstande diese Güter aus sich zu erzeugen? Gingen nicht die Franzosen den europäischen Völkern auf dem Gebiete der Kultur bahnbrechend und mustergebend voran? Wenn nun sie, die Meister, so tief gesunken sind, wie mag es erst im Herzen der Schüler aussehen! Die allgütige Vorsehung, die über den jüdischen Geist in allen Zeiten wacht, daß er nicht verkümmere, und der uns noch erzieht, läßt, so oft wir im Begriffe sind, aus Liebe zur modernen Cultur unserem Judenthume treulos zu werden, die Resultate jener Cultur in abschreckender Gestalt zu Tage treten, um uns das Häßliche und die Leere derselben zu zeigen und uns zuzurufen: „Wie, Ihr wolltet Euer Judenthum, Euere Satzungen und altehrwürdigen Gebräuche, die eine solche edle Gesittung unter Euch zur Reife gebracht, preisgeben aus Liebe zu der modernen Cultur, die im Jahrhundert gewaltigen Fortschrittes mit einem Deficit endet!" Wollet Ihr wahrhafte Cultur besitzen, eine Cul-